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02. Februar 2011, 12:57 Uhr

Verbleib beim DHB

Brands Probleme mit dem Blankoscheck

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Heiner Brand fordert ein klares Bekenntnis der Clubs, damit er Bundestrainer bleibt. Der Deutsche Handball-Bund leitet gar einen Anspruch auf solch eine Zusage ab. Doch so leicht machen es ihnen die Clubs nach der schlechten WM nicht.

Er habe sich ins Mittelalter zurückversetzt gefühlt, in die Zeit der Inquisition, sagt Holger Kaiser. Die aktuelle Presseerklärung des Deutschen Handballbundes (DHB) erinnerte den Geschäftsführer der SG Flensburg-Handewitt an die finstersten Zeiten der katholischen Kirche. Schließlich hatte der Dachverband für "alle relevanten Kräfte" im deutschen Handball ein "Bekenntnis zum Bundestrainer und eine Zusicherung der Rückendeckung für die notwendigen strukturellen Änderungsmaßnahmen" gefordert. Auf die Frage, ob er denn dieses Bekenntnis abgeben wolle, ob er also an den Bundestrainer glaube, antwortet Kaiser lakonisch: "Diese Frage ist verfehlt."

Noch am Dienstagvormittag hatten sich die Clubmanager erfreut gezeigt, dass der Dachverband das Angebot der Vereine angenommen hatte, in einer gemeinsamen Kommission ("Task Force") über die grundsätzlichen Probleme des deutschen Handballs zu diskutieren. Von einem "positiven Signal" sprach Volker Zerbe, Manager des TBV Lemgo und Präsidiumsmitglied der deutschen Handball-Bundesliga (HBL). Die Schmach von Schweden, das historisch schlechte Abschneiden bei der 22. WM mit dem elften Platz, schien die verfeindeten Lager endlich an einen Tisch zu führen. Der erste Termin ist für Freitag anberaumt.

Doch schon vor dem ersten Zusammentreffen vergriff sich der DHB im Ton: Der Bundestrainer, hieß es weiter, habe angesichts seiner Verdienste für den Sport "Anspruch" auf ein solches Bekenntnis. Auch darüber wunderte sich Kaiser. Er vermutet einen taktischen Winkelzug; der DHB wolle auf diese Weise die lange geforderte Quote deutscher Spieler durchsetzen. Dass Brand diese Verdienste habe, sei unbestritten.

"Auch kein Vereinstrainer würde einen Blankoscheck ausgestellt bekommen"

Aber man müsse auch die Geschichte der letzten beiden Turniere sehen und kritisch über die Gründe dieses "Niedergangs" (Brand) diskutieren, gern auch gemeinsam mit dem Bundestrainer, so Kaiser. "Es würde in einer solchen Situation auch kein Vereinstrainer einen Blankoscheck ausgestellt bekommen", sagt der Flensburger Manager SPIEGEL ONLINE.

Kaiser steht damit keineswegs allein. Auch Uli Derad, der Geschäftsführer des Branchenführers THW Kiel, war ziemlich pikiert und wollte die Frage nach dem Bekenntnis nicht beantworten. "Das ist einfach nicht der richtige Weg", sagte Derad. "Es kann keine Vorbedingungen geben, wenn es in solche Gespräche geht."

Der Kieler Manager betont ausdrücklich, dass die Gespräche zwischen Liga und DHB "ergebnisoffen" sein müssten. Thorsten Storm sagt, alle wollten "die stärkste Nationalmannschaft, die möglich ist", und dafür sei ein "konsequentes Miteinander" nötig. Aber man könne nicht, so der Manager der Rhein Neckar-Löwen, im Vorfeld der Gespräche derartige Bedingungen stellen, das sei "Gutsherrenart".

"Die Personaldiskussion muss am Ende stehen"

Das Gespräch am Freitag wird nach Lage der Dinge keine wegweisenden Entscheidungen hervorbringen. Einen Alleingang von DHB-Präsident Ulrich Strombach will die Liga unbedingt vermeiden. Führende Ligavertreter wollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE daher zunächst eine Ligaversammlung einberufen, um sich ein Stimmungsbild zu verschaffen. Das könne aber durchaus ein oder zwei Wochen dauern, heißt es aus Ligakreisen.

Zudem soll die Ligaversammlung auch über ihre Vertreter in besagter Task Force "Nationalmannschaft" bestimmen. Der DHB hatte in seiner Presseerklärung bereits Zerbe, HBL-Präsident Reiner Witte und Bob Hanning (Füchse Berlin) als Ligavertreter bekannt gegeben.

Einige führende Manager wie Kaiser kritisieren schon jetzt, dass die Personalie Brand mit inhaltlichen Themen verknüpft wird. "Wie überall muss doch erst über die Sache diskutiert werden. Die Personaldiskussion muss am Ende stehen, nicht am Anfang. Das ist nicht seriös", sagt Kaiser. Seriös wäre es, so der Flensburger Manager, wenn man beispielsweise darüber eine Debatte führte, warum die Junioren für rund vier Monate im Jahr bei DHB-Lehrgängen seien und daher die Vorbereitung in den Proficlubs verpassten. Dabei berge das Training mit gestählten Profis, der Konkurrenz im Verein, viel mehr Vorteile als der Vergleich mit Gleichaltrigen.

Die Frage ist, wie Heiner Brand diese kritischen Reaktionen in der Liga aufnimmt. Er habe "erst mal die Schnauze voll" vom Handball, ließ er am Sonntagabend die Fachzeitschrift "Handballwoche" wissen. Klingt nicht so, als verspüre er große Lust, in den nächsten Wochen intensiv mit den Vereinsvertretern über die Vergangenheit und Zukunft des deutschen Handballs zu debattieren.

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