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IOC-Korruptionsskandal: Havelange rettet sich mit Rücktritt

Foto: Jasper Juinen/ Getty Images

Verdächtige Zahlungen Havelange-Rücktritt wird für Blatter zur Gefahr

Der Rückzug von João Havelange aus dem Internationalen Olympischen Komitee könnte für ein Nachbeben innerhalb des Fußball-Weltverbands Fifa sorgen. Dabei geht es um dubiose Zahlungen auf Havelanges Privatkonto und die Rolle von Fifa-Chef Joseph Blatter.

Am Ende kam er seinem Ausschluss zuvor: João Havelange, der Doyen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ist als Mitglied aus dem Gremium zurückgetreten. Der 95-jährige Brasilianer, seit 1963 im IOC und langjähriger Chef des Fußball-Weltverbands Fifa, wäre sonst exmatrikuliert worden. Die IOC-Ethikkommission hat gegen Havelange wegen millionenschwerer Korruption ermittelt und dem Exekutivkomitee, das in dieser Woche in Lausanne tagt, nach Informationen von SPIEGEL ONLINE den Ausschluss empfohlen.

Der unrühmliche Abschied Havelanges schlägt in der olympischen Welt hohe Wellen. Havelange war einer der größten und berüchtigsten Sportfunktionäre in der Geschichte des Gremiums. Er stand der Fifa von 1974 bis 1998 vor und ist seither Fifa-Ehrenpräsident. Das Olympiastadion von Rio de Janeiro ist nach ihm benannt. Dort sollte 2016 eigentlich zur Eröffnung der Olympischen Spiele eine große Party zu Havelanges 100. Geburtstag gefeiert werden. So hatte es Brasiliens damaliger Präsident Luiz Inácio Lula da Silva vor zwei Jahren versprochen.

Was Havelange jetzt zu Fall bringt, ist seine Verstrickung in das von der einstigen Sportmarketingagentur ISL/ISMM etablierte System. Die ISL-Gruppe, die einst milliardenschwere Fernseh- und Sponsorenrechte an den Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften vermittelte, hatte den Weltsport mit einem einmaligen Schmiergeldsystem überzogen. Gerichtsfest sind Zahlungen in Höhe von 140 Millionen Schweizer Franken dokumentiert, die allein zwischen 1989 und 2001 bis zum ISL-Bankrott an hohe Sportfunktionäre gezahlt wurden. Die tatsächliche Summe der Schmiergelder dürfte ein Vielfaches betragen. Havelange selbst hat die Vorwürfe stets bestritten.

Auch zwei andere IOC-Mitglieder betroffen

Gespannt wird nun das Verdikt für zwei andere IOC-Mitglieder erwartet: Lamine Diack (Senegal), Präsident des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, soll 41.000 Dollar von der ISL erhalten haben und musste dies bereits einräumen. Fifa-Vizepräsident Issa Hayatou aus Kamerun soll einst 30.000 Dollar in bar bekommen haben, so wie das in der Branche üblich war. Beide könnten mit Verwarnungen davonkommen. IOC-Präsident Jacques Rogge will dazu am Donnerstag eine Erklärung abgeben.

Die IOC-Ethikkommission begann ihre Ermittlungen spät, nachdem in der BBC-Sendung "Panorama" bereits vor einem Jahr Belege für die Schmiergeldzahlungen an die drei IOC-Mitglieder veröffentlicht wurden. Dagegen ignoriert die Fifa die Fälle Havelange und Hayatou konsequent bis heute. Zwei weitere hochrangige Fifa-Exekutivmitglieder stehen auf der ISL-Bestechungsliste: Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira, Cheforganisator der WM 2014, soll mindestens 9,5 Millionen Dollar kassiert haben. Nicolas Leoz aus Paraguay, Chef der südamerikanischen Konföderation Conmebol, soll gemäß Aktenlage 730.000 Dollar erhalten haben - Vorwürfe, die beide allerdings von sich weisen.

Die Fifa ist seit Jahren bemüht, die Fakten geheim zu halten. Havelange und Teixeira sollen hinter einer Zahlung von 2,5 Millionen Schweizer Franken stecken, die bereits 2004 in die ISL-Konkursmasse eingegangen ist. Im Gegenzug versprach der Konkursverwalter, die Namen der bestechlichen Funktionäre nie zu veröffentlichen. Die Sache ging damals bis vors Schweizer Bundesgericht.

Erst nach massiver Kritik hat Blatter eingelenkt

Im vergangenen Jahr zahlten Havelange, Teixeira und die Fifa noch einmal 5,5 Millionen Franken Wiedergutmachung nach einem Deal mit der Staatsanwaltschaft, um die sogenannte Einstellungsverfügung in der ISL-Sache geheim zu halten. In diesem Papier werden die Namen der bestochenen Funktionäre genannt. Nachdem verschiedene Medien die Herausgabe der Unterlagen verlangten und diese Begehren demnächst wohl positiv beschieden werden, lenkte Fifa-Präsident Blatter ein: Er versprach Ende Oktober in Zürich, das Papier zur nächsten Exekutivsitzung Mitte Dezember in Tokio zu veröffentlichen.

Havelange hat als Mitinhaber der Firma Renford Investments, die er gemeinsam mit seinem ehemaligen Schwiegersohn Teixeira unterhielt, von der ISL kassiert. Zum Verhängnis wurde ihm aber eine andere Zahlung, die sogar in den Fifa-Büchern dokumentiert ist. Im März 1997 überwies der ISL-Konzern 1,5 Millionen Franken für Havelange irrtümlich auf ein Fifa-Konto. Gemäß Aussagen ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter ordnete Blatter als damaliger Generalsekretär an, die Summe unverzüglich auf Havelanges Privatkonto weiterzuleiten. Blatter bestreitet dies bis heute. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird dieser Vorgang indes in der ISL-Einstellungsverfügung erwähnt.

Das IOC hat Havelange eine goldene Brücke gebaut. Rücktritt statt Ausschluss - so durften sich in der Vergangenheit schon andere schwer korrupte Funktionäre retten: Etwa der Mexikaner Ruben Acosta, der als Präsident des Volleyball-Weltverbands FIVB mehr als 20 Millionen Dollar kassiert hatte. Interessant wird sein, ob und was die IOC-Ethikkommission zum Fall Havelange veröffentlicht. Denn wenn der Transfer dieser 1,5 Millionen Franken beschrieben wird, dann müsste, wenn die Aussagen der Mitarbeiter stimmen sollten, unweigerlich ein weiteres Verfahren eröffnet werden: gegen das IOC-Mitglied Joseph Blatter.

Blatter, der neuerdings den Reformer und Fifa-Sanierer gibt, hat sich dafür Havelanges Ziehsohn Teixeira als Zielperson vorgenommen: Er verlangt von dem Brasilianer, die Posten als Verbandschef und WM-Organisator abzugeben. Teixeira will dem aber nicht folgen. Stattdessen sucht er die Nähe zu anderen Funktionären, die sich kürzlich aus dem Fifa-Exekutivkomitee verabschieden mussten oder kurz davor stehen - wie die beiden bereits suspendierten Ex-Vizepräsidenten Jack Warner aus Trinidad und Mohamed Bin Hammam aus Katar sowie der noch amtierende Vizepräsident Julio Grondona aus Argentinien. Auch zu den heutigen Blatter-Feinden Michel Zen-Ruffinen und Urs Linsi, früher enge Mitstreiter des Schweizers, hat er Kontakt aufgenommen.

In der vergangenen Woche weilte Teixeira fünf Tage in Zürich. Einem Treffen mit der Fifa-Administration hat er sich schlicht verweigert.

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