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Olympia-Vergabe: Das Kandidaten-Quartett

Foto: OLIVIER MORIN/ AFP

Vergabe der Olympischen Spiele 2016 Möge der Dreistere gewinnen

Umweltverschmutzung, Kriminalität, Wohnungsmangel - alle Probleme werden gelöst, wenn nur Olympia kommt: Vor der Vergabe der Sommerspiele 2016 übertreffen sich die Bewerberstädte mit bizarren Versprechen und Promi-Paraden. Sogar US-Präsident Obama stürzt sich ins PR-Gefecht.

Die First Lady nahm den Seiteneingang. Während vor dem Marriott Hotel Kopenhagen etliche Dutzend Kamerateams auf Michelle Obama warteten, wurde die Präsidentengattin vom Secret Service durch die Lieferantentür geschleust. Man kennt das aus Filmen. Und plötzlich stand Frau Obama mitten in der Lobby jenes Hotels, in dem die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) logieren, und gab eine kurze, improvisierte Pressekonferenz. Eigentlich sollte es ein längerer Termin mit ausgewählten Medienvertretern werden. Doch daraus wurde nichts, die Lobbyarbeit geht vor. Chicago will die Olympischen Spiele, die Konkurrenz ist hart, und Michelle Obama hilft ihrer Heimatstadt.

Am Freitag vergibt das IOC die Sommerspiele 2016. Deshalb ist Michelle Obama hier, deshalb kommt ihr Mann für wenige Stunden mit der Air Force One eingeflogen, deshalb flaniert Spaniens König Juan Carlos schon durchs Marriott, deshalb hält Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva Hof. Die Premierminister aus Japan und Spanien werden ebenfalls erwartet. Oprah Winfrey, Amerikas Talkshow-Queen, becirct die IOC-Mitglieder bereits, sie versucht es zumindest. Doch ob Oprahs Charme außerhalb der Vereinigten Staaten wirkt, ist fraglich.

Bedenkt man, dass im IOC zahlreiche Blaublüter versammelt sind - etwa die Prinzessinnen Anne (Großbritannien), Nora von Liechtenstein und Haya von Jordanien, Prinz Willem Alexander (Niederlande), Albert von Monaco, Großherzog Henri von Luxemburg, kommende Woche wird auch noch Dänemarks Kronprinz Frederik aufgenommen - dann ist die Promi-Parade in den Luxushotels bemerkenswert und kann mit einem Polit-Gipfel konkurrieren. Ab Freitagmorgen präsentieren sich die Bewerber aus Chicago, Madrid, Rio de Janeiro und Tokio im Bella Center nahe des Flughafens Kastrup ein letztes Mal. Barack Obama wird den IOC-Mitgliedern auch für die Fragerunde zur Verfügung stehen. Wenn die IOC-Vertreter allerdings am Nachmittag ab 17 Uhr die Tasten des elektronischen Wahlsystems betätigen, schwebt Obama schon wieder über dem Atlantik und nimmt Kurs auf Washington.

"Brasilien wird daran wachsen und gesunden"

Als Favorit gilt Rio de Janeiro. Die Metropole bewirbt sich zum fünften Mal, erstmals mit Chancen. "Zum ersten Mal professionell und zum ersten Mal mit der Überzeugung, dass wir es schaffen können", sagte Luiz Inácio Lula da Silva am Donnerstagmorgen im Hotel Sankt Petri. Brasiliens Präsident flog in der Nacht ein und versprüht Zuversicht. Die Olympischen Spiele sollen Teil eines gigantischen Infrastrukturplans von 240 Milliarden Dollar sein - fünf Prozent davon sollen die Spiele kosten. "Aber das ist mehr als eine Budgetfrage", sagt Lula. "Es bedeutet, dass wir unser Land für die Welt öffnen. Brasilien wird daran wachsen und gesunden. Ich bin jetzt 63 Jahre alt und habe noch nie einen so magischen Moment für mein Volk erlebt wie diesen."

Kein Wort ist groß genug, wenn es um die Spiele geht. Kein Versprechen wird nicht gegeben, so absurd es klingen mag. Tokio etwa verspricht allen Ernstes, die Umweltprobleme der Menschheit zu lösen. Die Brasilianer wollen, wenn man sie richtig verstanden hat, mit den Olympischen Spielen auch die exorbitante Kriminalität bekämpfen und Hunderttausenden Favela-Bewohnern Sozialwohnungen verschaffen. Das ist die Botschaft. Lulas Crew aber schafft, was Chicago, Madrid und erst recht Tokio überhaupt nicht gelingt: Die Brasilianer wecken Emotionen.

Zahlreiche Handels- und Wirtschaftsverträge mit afrikanischen Ländern

Bei allen wichtigen Sport-Konvents dieses Jahres, etwa der Vor-Präsentation in der IOC-Zentrale in Lausanne im Juni, waren Rios Bewerber die besten. Außer ihnen bewies niemand Esprit, die Konkurrenten verbreiten den spröden Charme von Buchhaltern. Aber die Brasilianer reißen nicht nur Witze und zeigen Bilder von schönen Stränden. Sie kennen das Geschäft, haben horrende Summen für PR-Firmen und Lobbyisten ausgegeben und beackern seit vielen Monaten auch die diplomatische Arena. Lula hat persönlich zahlreiche Handels- und Wirtschaftsverträge mit afrikanischen Ländern abgeschlossen, in etlichen davon gibt es IOC-Mitglieder. Eine vierköpfige Combo war ständig unterwegs: Carlos Nuzman (IOC-Mitglied), Sportminister Orlando Silva, Bürgermeister Eduardo Paes und Rios Gouverneur Sérgio Cabral. Oft genug stieß auch Lula zum Team, um sich mit der olympischen Welt vertraut zu machen.

Es heißt, insgesamt sollen die vier Städte rund 300 Millionen Dollar allein in ihre Promotionsmaßnahmen investiert haben. Hinzu kommen einige Dutzend Millionen jener Städte, die vom IOC bereits vor 15 Monaten in der Vorrunde aussortiert worden sind: Katars Hauptstadt Doha, Prag und Baku (Aserbaidschan). IOC-Präsident Jacques Rogge, der einst angetreten war, um diesen wahnwitzigen Spuk zu beenden, schaut hilflos zu und versucht lediglich, mit kleinen kosmetischen Operationen einzugreifen. Etwa wenn er die Bewerber zu Fairness ermahnt. Wenn seine Ethik-Kommission sich mit lächerlichen Aussagen befasst, wie der eines spanischen Sportfunktionärs, der erklärte, Rios Bewerbung sei unwürdig, wofür sich Madrids Bewerberchefin Mercedes Coghen umgehend entschuldigte.

Vom Aufmarsch der A-Promis profitiert vor allem das IOC

Gegen die wirklichen Vergehen in diesem Milliardenbusiness aber unternimmt die Ethik-Kommission nichts. So wurde etwa der größte Bestechungsskandal der IOC-Geschichte nie sportintern untersucht, obgleich es Rogge versprochen hatte: Die Sportmarketingfirma ISL/ISMM, das ist gerichtsfest, hat einst 138 Millionen Schweizer Franken an hohe Sportfunktionäre aus dem olympischen Bereich gezahlt. Darunter laut Prozessunterlagen auch, über eine Tarnfirma, an den langjährigen Präsidenten des Fußball-Weltverbandes (Fifa): João Havelange.

Havelange, inzwischen 93 Jahre alt, ist der Doyen des IOC. Er hat kürzlich aufgezählt, welche IOC-Mitglieder er für Rio geworben hat, ohne dafür von Rogge auch nur gerügt worden zu sein. Der IOC-Präsident, angetreten als Saubermann, schafft nicht mal im eigenen Laden Ordnung. Staats- und Regierungschefs kann er erst recht nichts vorschreiben. Das haben bei den vergangenen Olympia-Vergaben - mit den Siegern London (Sommer 2012) und Sotschi (Winter 2014) - auch die Auftritte von Tony Blair und Wladimir Putin bewiesen, die sich nicht immer an die Kontaktregeln hielten. Rogges Büro verschickte damals die eine oder andere diplomatische Protestnote, das war's.

Letztlich ist es doch so: Vom Ballyhoo um die Spiele, vom Aufmarsch der A-Promis alle zwei Jahre, profitiert vor allem ein Unternehmen - der Milliardenkonzern IOC.

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