Vierter Etappensieg "Petacchi ist stärker als Cipollini"

Sprint-König Alessandro Petacchi (Fassa Bortolo) hat bei der diesjährigen Tour de France bereits seine vierte Etappe gewonnen. Die schärfsten Konkurrenten Robbie McEwen (Lotto) und Erik Zabel (Telekom) waren für den Schlussspurt wegen eines Sturzes ausgefallen. Italiens Presse feiert ihren neuen Radsport-Helden überschwänglich.


 König der Sprinter: Alessandro Petacchi reißt die Arme hoch
DPA

König der Sprinter: Alessandro Petacchi reißt die Arme hoch

Lyon - Petacchi, 29, riss bereits einige Meter vor dem Zielstrich die Arme gen Himmel, die Konkurrenz war wieder einmal um Längen geschlagen. Der Italiener siegte auch auf der mit 230 Kilometern zweitlängsten Tour-Etappe von Nevers nach Lyon - diesmal vor dem Australier Baden Cooke (FDJeux) und seinem Landsmann Fabrizio Guidi (Bianchi). "Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich bin selbst überrascht, dass ich so viel Kraft habe", kommentierte der Sieger seinen vierten Etappen-Erfolg.

Der Australier Stuart O'Grady (Crédit Agricole) und der Franzose Anthony Geslin (Brioches la Boulangère) hatten sich am Freitag nach 35 Kilometern vom Feld abgesetzt und zwischenzeitlich 18 Minuten Vorsprung herausgearbeitet. 500 Meter vor dem Ziel aber wurden die beiden nach 203 Kilometer langer Alleinfahrt noch vom Peloton überholt.

Zabel rutschte rund sechs Kilometer vor dem Ziel in einer Rechtskurve weg. Daraufhin kamen auch andere Fahrer zu Fall, darunter der bisherige Punktbeste McEwen. Als Zabel mit rund sieben Minuten Rückstand die Ziellinie passierte, sah er schwer mitgenommen aus und humpelte wortlos in den Mannschaftsbus. "Die ersten Untersuchungen haben ergeben, dass er sich nichts gebrochen hat. Nachdem die Wunden gereinigt worden waren, haben wir auf die verletzten Stellen einen Spezialkunststoffverband gelegt", erklärte Telekom-Teamarzt Lothar Heinrich am Freitagabend. Der Mediziner aus Freiburg geht davon aus, dass der Weltranglisten-Zweite Zabel weiter fahren kann.

Jan Ullrich (Bianchi) und Lance Armstrong (US Postal) erreichten nach 5:08:35 Stunden im Hauptfeld das Ziel. "Ich bin froh, bis jetzt so gut durchgekommen zu sein. Mal sehen, wie es morgen in den Bergen läuft", sagte Ullrich. Wie Titelverteidiger Armstrong, der 39. wurde, hatte sich der Olympiasieger als 19. einen Tag vor dem Einstieg in die Alpen zurückgehalten.

Das Gelbe Trikot des Spitzenreiters in der Gesamtwertung verteidigte der Kolumbianer Victor Hugo Peña erfolgreich. Der große Star der ersten Woche aber ist Petacchi. Von fünf Sprintankünften gewann er vier, in seiner Heimat wird er von der Presse bereits als "unschlagbar" gefeiert. Vom nicht eingeladenen Mario Cipollini redet keiner mehr.

"Er gewinnt derzeit von vorne, von hinten, egal. Er ist der neue große Mann der Szene", sagte Telekom-Kapitän Zabel vor der Etappe. Und auch der Australier McEwen, der Zabel im Vorjahr das Grüne Trikot des besten Sprinters entrissen hatte, muss anerkennen: "Er ist momentan einfach der Beste. Es ärgert mich schon enorm, dass ich einfach nichts gegen ihn ausrichten kann."

 Etappensieg Nummer vier: Alessandro Petacchi zählt mit
AP

Etappensieg Nummer vier: Alessandro Petacchi zählt mit

"König Petacchi", titelte am Freitag die französische Sporttageszeitung "L'Equipe". Die Medien in Italien überschlugen sich in den Lobhudeleien auf ihren neuen Superstar. "Niemand wird Petacchi mehr stoppen. Er ist der neue Star im Jahr des 100. Jubiläums", schrieb die "Gazzetta dello Sport". "Tuttosport" ergänzte: "Er hat den Ruhm des unbesiegbaren Sprinters erobert. Petacchi ist stärker als Mario Cipollini, er ist unbremsbar."

Cipollini hatte 1999 vier Etappen in Serie gewonnen. Dies blieb seinem "legitimen Nachfolger" ("Corriere dello Sport") zwar verwehrt, seinen Platz in den Geschichtsbüchern des Radsports hat er dennoch schon sicher. Zählt man seine sechs Teilerfolge beim Giro d'Italia hinzu hat Petacchi in 2003 bereits zehn Etappensiege bei den beiden wichtigsten Rundfahrten des Jahres eingefahren. Häufiger in einem Jahr jubelte nur Eddy Merckx mit zwölf Siegen im Jahre 1970.

Was die Persönlichkeit angeht, stellt der zurückhaltende und bescheidene Petacchi das Gegenteil des oft großspurigen Cipollinis dar. "Auf der Strecke zweifele ich oft an mir, und mir fehlt das Selbstvertrauen. Aber wenn wir uns der Linie näheren, verwandele ich mich", sagt der in La Spezia geborene Sprinter, den der ständige Vergleich mit Cipollini stört: "Es wäre mir lieb, wenn man weniger über ihn reden würde und mehr über mich." Auf seine Stärke angesprochen, kündigte Petacchi an: "Um mich wirklich davon zu überzeugen, werde ich wohl auch bei der Vuelta starten."

Den Gesamtsieg in der Sprintwertung der Frankreich-Rundfahrt strebt Petacchi dagegen nicht an: "Ich bin nicht hierher gekommen, um das Grüne Trikot zu gewinnen." Das trägt er aber nach seinem Sieg in Lyon, und wenn er über die Berge kommt, wird sich daran auch nicht viel ändern. Und nach Paris will Petacchi auf jeden Fall fahren: "Ich weiß, dass einige schwere Momente kommen werden, aber ich will auf jeden Fall durchkommen." Mario Cipollini hat die Tour übrigens nie beendet.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.