Vizeweltmeister Krasniqi Niedergeschlagenes Stehaufmännchen

Es war nur eine kleine Unaufmerksamkeit, die aus dem potentiellen Schwergewichts-Weltmeister Luan Krasniqi einen Verlierer machte. Dabei hatte der Schwabe im Kampf gegen Lamon Brewster lange Zeit wie der Sieger ausgesehen.

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Luan Krasniqi rollte seine geschwollenen Augen. Er konnte kaum mit ansehen, was sich da rund eine Stunde nach seinem Kampf um den WBO-Schwergewichtsgürtel direkt vor seiner Nase abspielte: Der Einmarsch von Boxpromoter Don King in die Pressekonferenz glich einem Karnevalsumzug. Hektisch wedelte King mit seiner scheinbar angewachsenen Deutschlandfahne umher, Kings Schützling Lamon Brewster umarmte den Kopf des gequält lächelnden Krasniqi, als wolle er einen Kürbis mit bloßen Armen zerquetschen. Rein freundschaftlich natürlich, von Weltmeister zu Vizeweltmeister.

Ringrichter Rivera, Krasniqi: Technischer K.o. in der neunten Runde
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Ringrichter Rivera, Krasniqi: Technischer K.o. in der neunten Runde

Zuvor hatten sich beide Kämpfer in der mit 16.000 Zuschauern ausverkauften Hamburger Color Line Arena einen erbitterten, hochklassigen Fight geliefert. Ohne viel zu taktieren, ohne langes Abtasten entwickelte sich von Beginn an ein offener Schlagabtausch, der lange Zeit nur einen Sieger vermuten ließ: Luan Krasniqi. Der 34-jährige Herausforderer hatte sich fest vorgenommen, den begehrtesten Boxtitel der Welt 75 Jahre nach Max Schmeling wieder nach Deutschland zu holen. Er scheiterte wie seine vier Vorgänger, allerdings boxte sich der gebürtige Albaner an diesem Abend in die Herzen der Zuschauer.

Am 100. Geburtstag von Max Schmeling wollte er das jahrzehntelang für unmöglich Gehaltene möglich machen. Während einer Schweigeminute gedachten die Protagonisten gemeinsam mit dem Publikum vor dem Fight der in diesem Jahr verstorbenen Boxlegende. Kurz zuvor hatten sich die Fans noch die Seele aus dem Leib gepfiffen: Der Amerikaner Brewster sorgte schon beim Einlaufen für Emotionen. Dabei wirkte er in seinem gelb-grünen Camouflage-Anzug wie ein Wüstenkrieger. Fast regungslos und mit verbitterter Miene nahm er die offensichtliche Antipathie zur Kenntnis.

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Krasniqi gegen Brewster: Jenseits der Schmerzgrenze

Um 22.59 Uhr schlug der Gong für die erste Runde, in der der Titelverteidiger aus den USA gleich zu Beginn mit zwei bösen Tiefschlägen das Publikum noch weiter gegen sich aufbrachte. Trotz einer Arm-Spannweite von zwei Metern - und damit sieben Zentimetern mehr Reichweite als sein Herausforderer -, gelangen Brewster kaum Wirkungstreffer. Wenn sich die beiden Schwergewichtler nicht gerade wie Sumo-Kämpfer in den Armen lagen, testete der Amerikaner in den ersten Runden immer wieder die Magen- und Nierenbelastbarkeit Krasniqis. Die Folge waren wahre Schlaghagel des Herausforderers meist zum Ende der Runden.

Mit zunehmender Dauer strafte der ehemalige Europameister alle Kritiker Lügen, die ihm nach seiner Aufgabe im Jahr 2002 gegen den Polen Przemyslaw Saleta Titelqualitäten abgesprochen hatten. Krasniqi wirkte auf den Tag genau fit für den Kampf seines Lebens. Immer wieder konterte er Attacken seines Gegners mit effektiven Treffern. Und dass, obwohl er selber seit der zweiten Runde mit einem blutenden Cut über dem rechten Auge kämpfen musste.

Krasniqi, dem oft vorgeworfen wurde, er würde im Ring zuviel nachdenken, boxte sich im Laufe des Abends in einen wahren Rausch - und sammelte Punkt um Punkt auf den Zetteln der Ringrichter. Doch am Ende stand er mit leeren Händen da. "Wenn man eine Sekunde nicht aufpasst, kann alles von vorne beginnen", sagte Krasniqi nach dem Kampf. Damit meinte er eine Szene in der 9. Runde - die entscheidende Szene des Abends. Brewster war Mitte der Runde rückwärts in die Seile gefallen und hatte seinem Gegner so die Chance ermöglicht, den entscheidenden Punch durch die offene Deckung anzubringen. Doch Krasniqis Linke verfehlte ihr Ziel.

Das gab dem Amerikaner Auftrieb, der seinen Gegner bereits mit dem Gongschlag der achten Runde auf die Bretter geschickt hatte. Diesmal machte er es besser und landete 22 Sekunden vor Ende der 9. Runde eine ganze Reihe Wirkungstreffer im mittlerweile blutverschmierten Gesicht Krasniqis. Nach einem Kinnschlag war dann der Widerstand des Stehaufmännchens endgültig gebrochen. Ringrichter José Rivera entschied auf technischen K.o. und beendete den Kampf.

"Ich ziehe den Hut vor seiner Leistung", sagte Brewster im Anschluss an den dramatischen Schlagabtausch. "Luan hat mir gezeigt, dass auch andere Kämpfer neben mir das Zeug zum Champ haben." Sein Gegenüber übte unterdessen Selbstkritik: "Ich habe Lehrgeld bezahlt", sagte Krasniqi in dem Wissen, dass er soeben eine große, wenn nicht gar die größte Chance seines Lebens vertan hatte. Denn nach Punkten lag er - so waren sich die meisten Beobachter einig - deutlich vorn. "Es tut mir unendlich Leid", schob der Besiegte hinterher. Es klang fast nach einer Entschuldigung gegenüber Schmeling. Dem hatte er bei einem persönlichen Treffen versprochen, den Titel endlich wieder nach Deutschland zu holen.

Gut möglich, dass bald ein - zumindest zeitweilig - in Deutschland lebender Boxer die Gelegenheit dazu bekommt. Don King jedenfalls kündigte in Hamburg an, dass er einem Kampf gegen Witali Klitschko - sollte der Ukrainer im November seinen WN-Titel gegen den Amerikaner Hasim Rahman erfolgreich verteidigen - nicht abgeneigt sei. Ein Erfolgsrezept hatte der Mann mit der aparten Frisur auch schon griffbereit - allerdings für den Gegner. "So gerne ich nach Deutschland komme, auch Max Schmeling musste erst nach Amerika reisen, um sich den Titel zu holen", spottete King. Wenn Witali Klitschko sich an den Rat hält, bliebe den Zuschauern hierzulande wenigstens ein weiterer Karnevalsumzug der Marke King erspart.



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