Volvo Ocean Race Im Sprint nach St. Petersburg

Wind von vorne statt Sonnenuntergang bei milder Brise. 36 Stunden ohne Schlaf statt Idylle auf der Segelyacht: Das Volvo Ocean Race ist vor allem eines - harte Arbeit. Nach acht Monaten auf See ist Michael Müller kurz davor, den "Mount Everest des Segelns" als dritter Deutscher zu besteigen.


Das Ziel ist fast sichtbar, das Ende nah. Nach rund 68.500 Kilometern, neun Monaten Wellen, Wogen, Wind und Wasser, Schaukelei und Schinderei befinden sich die acht Boote des Volvo Ocean Race auf der zehnten und letzten Etappe. Im Vergleich zu den langen Teilstücken über drei bis sechs Wochen auf dem Atlantik oder dem Pazifik wirkt der 740-Kilometer-Schlussabschnitt von Stockholm nach St. Petersburg eher wie ein Sprint.

"Die Vorbereitungen sind mittlerweile Routine, und da es eine kurze Etappe ist, brauchen wir nur einen Tag, um das Boot zu beladen", sagt Michael Müller, Mitglied des Puma-Racing-Teams und einziger deutscher Teilnehmer bei der Weltumseglung. Der Kieler und sein Team rangieren hinter der als Gesamtsieger bereits feststehenden "Ericsson 4" auf Platz zwei. Den zu halten, wäre wichtig, betont Müller.

Einen "guten zweistelligen Millionen-Betrag" hat Puma-Geschäftsführer Jochen Zeitz seit mehr als zwei Jahren in die Kampagne investiert. Um Zeitz zufrieden zu stellen, weicht Skipper Ken Read sogar von seiner Segel-Philosophie ab. "Wir müssen unsere Egos beiseite legen. Ich sage zum ersten Mal in meinem Leben, dass ein Etappen-Sieg nicht das Wichtigste für uns ist, sondern dass wir schlichtweg Rang zwei im Gesamtklassement sichern wollen. Deshalb werden wir nichts Verrücktes da draußen machen, was uns womöglich unseren kostbaren Vorsprung kosten könnte."

Auf der Ostsee geht es diesmal nicht um schnelles, sondern um schlaues Segeln. Eigentlich kann der Puma-Crew bei 6,5 Punkten Vorsprung auf die drittplatzierte "Telefonica Blue" so gut wie nichts mehr passieren. Aber was heißt das schon in einer Sportart, die der Natur und ihren Gewalten so ausgeliefert ist wie wohl kaum eine andere. Segeln ist nicht planbar wie ein Radrennen oder ein Marathonlauf - selbst wenn das Boot den Namen "Il Mostro" (das Monster) trägt.

Rein rechnerisch ist ein Abrutschen auf Rang drei bei acht noch zu vergebenen Zählern durchaus möglich. Und nachdem auf der Atlantik-Überquerung von Boston nach Galway ein Ruderblatt gebrochen und ein Spinnaker gerissen war - letzteres passierte auf der anschließenden Etappe von Galway nach Marstrand erneut -, werden Müller, Read und Co erst so richtig jubeln, wenn die Ziellinie in St. Petersburg passiert und bis dahin nichts mehr passiert ist. Die Meteorologen haben eine leichte Brise vorhergesagt. "Ich hoffe, dass jeder die Etappe etwas genießen kann", sagt Müller.

Was er seit dem Startschuss am 11. Oktober im spanischen Alicante alles erlebt hat, könne man in keinem Urlaubskatalog buchen, betont der 26-Jährige. Was idyllisch klingt, waren für ihn und seine neun Kollegen an Bord jedoch alles andere als Ferien und nur im Einzelfall ein Segeln in den Sonnenuntergang bei milder Brise. Volvo Ocean Race, das ist vor allem harte, kontinuierliche Arbeit - mitunter bis an die Belastungsgrenze. Im Februar beispielsweise hatten die Boote auf der Etappe nach China ständig Wind von vorn, hinzu kamen Temperaturen von maximal acht Grad und 36 Stunden ohne Schlaf. Alles sei ständig feucht, klamm und kalt gewesen und er habe sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass das Ganze bald vorbei sei, sagt Müller.

Seit 1973 gibt es den Meeres-Marathon, der damals noch Whitebread-Race hieß. Einige Segler sind bei ihrem Lebenstraum bereits ums Leben gekommen, andere mussten entkräftet aufgeben oder per Hubschrauber gerettet werden, weil ihr Boot gekentert war. Es ist schwer zu sagen, ob das Volvo Ocean Race 2008/09 das anspruchvollste von allen Rennen war. Auf jeden Fall wurden Mensch und Material durch einige Premieren auf das Äußerste beansprucht. So führte die Route erstmals nach China - ausgerechnet im Winter.

Die anschließende Etappe nach Rio de Janeiro dauerte 42 Tage und war somit die längste in der 36-jährigen Geschichte. In diesen sechs Wochen hat Müller neun Kilogramm Körpergewicht verloren. "Man muss schon ein bisschen bekloppt sein, um das alles auf sich zu nehmen", sagt er. Und man muss einen Partner haben, der die Segel-Sehnsucht akzeptiert und toleriert. Als seine Freundin Meike am 22. Februar in Kiel im Kreissaal lag und Tochter Mia Carlotta zur Welt brachte, war der blonde Modell-Athlet "irgendwo auf Höhe der Philippinen." Natürlich wäre er gerne bei der Geburt dabei gewesen, aber es habe halt zeitlich nicht gepasst.

Wenn die Boote irgendwann am Samstag die Ziellinie in St. Petersburg überquert haben, wird Michael Müller der dritte Deutsche nach Tony Kolb und Tim Kröger sein, der den "Mount Everest des Segelns" bestiegen hat. Was dann folgt, wisse er noch nicht so genau. Müller könnte im Herbst sein Maschinenbau-Studium an der Kieler Fachhochschule wieder aufnehmen. Drei Semester hat er bereits erfolgreich hinter sich gebracht - das letzte liegt jedoch vier Jahre zurück. Deshalb sei das eigentlich keine Alternative. "Ich möchte beim Segeln bleiben, Ideen gibts schon, aber noch nichts Spruchreifes." Nach all den Strapazen wolle er auf jeden Fall erstmal den Sommer in Kiel genießen - und endlich seinen väterlichen Pflichten nachkommen.



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sysiphos, 07.11.2008
1. Elemente
Es ist ein direktes Ringen mit den Elementen. Und wenn man es aushält, also nicht Kotzend über der Reling hängt macht es viel Spass.
MarkH, 08.11.2008
2. ooo
Zitat von sysopSegeln boomt. Moderne Abenteurer kämpfen gegen das Wetter und sich selbst, immer mehr Rennen rund um die Welt bedienen das gestiegene mediale Interesse. Was macht diesen Sport Ihrer Meinung nach so besonders?
irgendwie ist das seltsam so zu leben... Ich kann verstehen, dass man mit so einem Segelboot irgendwo zwischen den Stränden herumschippert.. aber dieses Extrem ?... für mich eher abschreckend... keine Ahnung was man mir damit zeigen will.
sam_ree_lackson, 08.11.2008
3.
einfach "der verschenkte sieg" von bernard moittessier oder "sailing alone around the world" von joshua slocum lesen; mehr erklärung braucht einhandsegeln nicht! achja, ganz nebenbei erfährt man auch dass sowas auch ohne technik schnick schnak und millionen dollar kapital möglich ist ;)
Hellström 11.11.2008
4.
Zitat von sysiphosEs ist ein direktes Ringen mit den Elementen. Und wenn man es aushält, also nicht Kotzend über der Reling hängt macht es viel Spass.
Nun, wenn man sich die Hightech- Boote so anschaut, ringt man da nicht mehr so viel. H.A. heute: "Mit einer Hand über den Atlantik", oder so. Die schummeln, die haben noch beide Hände! ;)
Alois, 11.11.2008
5. Segeln boomt?
Zitat von sysopSegeln boomt. Moderne Abenteurer kämpfen gegen das Wetter und sich selbst, immer mehr Rennen rund um die Welt bedienen das gestiegene mediale Interesse. Was macht diesen Sport Ihrer Meinung nach so besonders?
Wie schon erwähnt ist zunächst ein Medienecho da ; denn es mußja 24h am Tag berichtet werden. Ob in der Summe mehr gesegelt wird als früher , weiß ich nicht , vorallem in Regatten . Ich habe da meine Zweifel. Wie auch immer , Faszination wird vermutlich oft ausgelöst. Ich kam zum Regattasegeln , weil ich einen Ersatz fürs Rallyefahren suchte als mir klar wurde , dass dort zunächst der finanzielle Einsatz über Erfolg entscheidet , obwohl gerade dort im Motorsport durch fahrerischen Einsatz ein Leistungsmanko am ehesten ausgeglichen werden kann. (natürlich nicht mehr in der absoluten Spitze)Auch wurde mir bewusst , dass man nur mit gekaufter Kraft Spitze war. Segeln war für mich ein natürlicher Ersatz und ich musste auch nicht lang überlegen , denn irgendwas mit Speed sollte es sein , jedoch ohne Motor. Also landete ich bei den Katamaranen und für mich kann ich sagen nie mehr Spaß , Befriedigung , Entspannung und Erleben in der Natur und durch die Natur gehabt zu haben als beim Segeln.Wer einmal erlebt hat wie es ist auf der Welle zu surfen wird es immer wieder erleben wollen. 1977 war ich ein Fan von Sir Francis Chichester und seiner "Gipsy Moth " der mit 70 Jahren eine Weltumsegelung samt Kap Horn mit den roaring 40th unternahm und auch beendete. Alter ist hier kein Hinderungsgrund .Ein Segelboot kann man gemütlich fahren zur Kaffefahrt oder bis an die Grenze belasten , ganz nach Gusto allein fahren ohne einsam zu sein . frei nach W. Busch " wer einsam ist der hat es gut , weil keiner da der ihm was tut" Und nun: Mast und Schotbruch allerseits
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