Volvo Ocean Race Piraten im Trockendock

Die Bilanz ist ernüchternd: Von sieben gestarteten Yachten mussten beim Volvo Ocean Race schon drei umkehren. Schuld an den Ausfällen auf der härtesten Hochsee-Regatta der Welt sind aber nicht nur die Gefahren auf See - Kritik wird vor allem an der geringen Vorbereitungszeit laut.

Von Frank Neumann


Als Bouwe Bekking das Krachen hörte, das sogar die tobende See übertönte, wusste er, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 90 Kilometern pro Stunde und 10 Meter hohen Wellen, die erbarmungslos auf das Boot einprügelten, hatte die "Movistar" in voller Fahrt ein Hindernis gerammt. "Es sieht nach einem größeren Schaden aus", notierte der holländische Skipper noch auf See ins Logbuch, "ich fürchte, dass wir den nächsten Hafen anlaufen müssen." Er fürchtete zu Recht. Am nächsten Morgen ging es für die spanische Volvo-Ocean-Race-Yacht tatsächlich Richtung Portugal.

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Volvo Ocean Race: Piraten im Trockendock

Auch die "Pirates of the Carribean" saßen schneller wieder auf dem Trockenen, als sie sich vorgenommen hatten. Denn auch sie hatten noch nicht einmal die erste Nacht des härtesten Segelrennens um die Welt unbeschadet überstanden und mussten wegen erheblicher Schäden am Boot die portugiesische Küste anlaufen. Die Amerikaner waren angetreten, mit ihrem gigantischen Totenkopf auf dem Hauptsegel die Konkurrenz das Fürchten zu lehren und nebenbei im Auftrag von Hauptsponsor Disney den Kinomarkt für den zweiten Teil des Blockbusters "Fluch der Karibik" zu erobern. Nun werden sie vermutlich, wie die Spanier, die Reise zum ersten Etappenhafen nach Kapstadt fliegend in der Business Class, statt segelnd im Boot fortsetzen.

Zweifel an der Bedeutung des Rennens

Der Last-Minute-Kampagne der Australier, die froh sind, mit der "Sunergy and Friends" überhaupt rechtzeitig ein Boot ins Wasser gebracht zu haben, erging es nicht besser. Ebenfalls von den Winden verweht, arg ramponiert und nach einem Zwischenstopp im rettenden Hafen, segeln sie zwar noch über den Atlantik, aber völlig hoffnungslos hinterher.

Die Bilanz der ersten Woche sieht ernüchternd aus. Von sieben Booten, weniger als jemals in der 32-jährigen Geschichte des Hochseeklassikers zuvor, sind nur noch vier im Rennen um den ersten Etappensieg übrig geblieben. Deren Kopf-an-Kopf-Rennen mag so spannend sein wie eh und je. Doch in der Segelszene bezweifeln immer mehr, dass man angesichts dieser Mini-Flotte überhaupt noch vom bedeutendsten Hochsee-Rennen der Welt sprechen könne. Hinter vorgehaltener Hand wird sogar schon gemunkelt, der schwedische Automobilhersteller wolle sich künftig vom Hochseeabenteuer zurückziehen.

Schadensbegrenzung in der Zentrale

Die Veranstalter sehen das natürlich anders und machen das Zusammentreffen unglücklicher Umstände geltend. "Der Sturm war wirklich schlimmer, als wir angenommen hatten", sagt Glenn Bourke. "Und wenn die 'Movistar' einen Container oder was es auch immer war rammt, ist das einfach Pech." Den Chef des Volvo Ocean Race hatte die schlechte Nachricht der havarierten Favoriten aus dem Schlaf gerissen. Vorsorglich alarmierte er die Küstenwache. "Zum Glück, musste aber keiner gerettet werden." Über neun Etappen und fast neun Monate lang geht die weltumspannende Hochsee-Regatta. Doch schon in der ersten Woche sind Bourke und seine Crew in der Rennzentrale in Südengland mit Schadensbegrenzung beschäftigt.

Hier, auf der Kommandobrücke des Volvo Ocean Race, laufen nicht nur alle Fäden zusammen, werden gegebenenfalls Rettungsmaßnahmen koordiniert und die Boote mit allen wichtigen Informationen versorgt. Hier schlägt auch das Herz der Medienmaschine, die den Mythos des 32 Jahre alten Klassikers unter den Hochsee-Rennen mit spektakulären Bildern, actiongeladenen Filmen und persönlichen Nachrichten der Crews nährt. Die Sponsoren, die zwischen 15 bis 25 Millionen Euro in eine Kampagne stecken, wollen schließlich etwas für ihr Marketinginvestment zurückbekommen. Schiffbruch gehört da mit zum Geschäft - solange niemand ernsthaften Schaden davonträgt. Den Ausfall der Boote interpretieren die Organisatoren da kurzerhand in einen Glücksfall um. "Dadurch wird die Story doch noch viel interessanter", sagt Bourke.

Zum Teil hat er damit sogar recht. Das Volvo Ocean Race ist Segeln am Limit - und manchmal darüber hinaus. "Das ist unser Berufsrisiko", sagt Tim Kröger. Der Hamburger Profisegler, zweimal in den neunziger Jahren mit dabei, hat schon Mastbrüche und Kollisionen mit Walen erlebt und weiß von Booten zu berichten, die sich unter dem Druck des Mastes "einfach in der Mitte zusammengefaltet haben".

"Das sind Kinderkrankheiten"

Das Problem sehen Kröger und andere Branchenkenner freilich nicht in den Gefahren, die immer auf hoher See lauern, sondern in der Eile, in der die meisten Teams diesmal ihre Vorbereitungen treffen mussten. Weil sich die Verhandlungen mit Sponsoren in die Länge zogen, hatten die Teilnehmer nur wenig Zeit, um das Material zu testen. Die völlig neu konstruierten Yachten sind zwar um einiges schneller und sportlich interessanter geworden, sie sind aber nicht technisch ausgereift. "Die Probleme, die wir da sehen, sind leider alles Kinderkrankheiten", sagt Kröger.

Volvo bleibt momentan nur die Hoffnung, dass doch noch ein ordentliches Rennen draus wird, wenn die Amerikaner und Spanier wieder ins Geschehen eingreifen. Da der Sieger nicht über die ersegelten Zeiten, sondern mittels eines Punktesystems ermittelt wird, können auch Boote, die bei einer Etappe ausfallen, am Ende noch erfolgreich sein. Vorausgesetzt, die Technik hält. Derzeit führt die holländische "ABN Amro One" mit 87 Seemeilen vor dem "Ericsson Racing Team" und 94 Seemeilen Vorsprung auf die "Brasil 1".

Ab Mitte Dezember beginnt die zweite Etappe durchs Südpolarmeer. Und dort haben schon hartgesottene Segler geschworen, sich niemals wieder auf dieses Abenteuer einzulassen. Der echte Härtetest steht dem Volvo Ocean Race und seinen Teilnehmern also noch bevor.



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