Vorbereitung auf Olympia Ausbildung zu Underdogs

16 Spiele, 16 Klatschen: Ein Teil des britischen Handball-Nationalteams wurde beim Tusem Essen in eine Bundesliga-Rückrunde geworfen, in der kein Spiel zu gewinnen war. Für Olympia 2012 in London war das die perfekte Vorbereitung wie das "Handball-Magazin" herausgefunden hat.


Ciaran Williams ist Kapitän der britischen Nationalmannschaft und hatte in den letzten vier Monaten die bisher beste Handballzeit seines Lebens. Der 21-Jährige teilte sich mit fünf Männern eine Dreizimmerwohnung, schlief auf einer Matratze auf dem Fußboden, musste sich sein spärliches Taschengeld sehr überlegt einteilen und bekam jedes Wochenende auf dem Handball-Parkett eine solche Klatsche, dass es einem echten Sportsmann in der Seele weh tut. "Ist es das wert?", fragte sich Ciaran Williams angesichts der schwierigen Umstände jede Woche mindestens einmal, aber die Antwort war ihm eigentlich jedes Mal klar: "Ja, zum Teufel, das ist es!"

Englische Handball-Nationalspieler: Vorbereitung auf Olympia 2012
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Englische Handball-Nationalspieler: Vorbereitung auf Olympia 2012

Williams aus Manchester dufte vier Monate lang in der stärksten Liga der Welt mitspielen, und dass er mit dem insolventen Zwangsabsteiger Tusem Essen in dieser Zeit ausschließlich haushohe Niederlagen hinnehmen musste, war die wahrscheinlich beste Vorbereitung auf seinen größten Traum als Sportler.

Williams will 2012 für das britische Team bei den Olympischen Spielen in London auflaufen, und er findet, dass es wohl keine realistischere Simulation für dieses sportliche Abenteuer gab, als mit dem Underdog Tusem gegen haushoch überlegene Kontrahenten in jedem Spiel ein richtiges Battering zu erleben - das englische Wort für Klatsche.

16 Spiele haben die sechs jungen Briten in der Rückrunde für den Tusem bestritten. Alle 16 Spiele gingen verloren. Die knappste Niederlage gab es beim 28:34 gegen den gnädigen Meister THW Kiel. Die höchste Klatsche setzte es beim 17:43 gegen Göppingen. Am Saisonende war Essen Tabellenletzter mit 3:65 Punkten und damit der schlechteste Club seit Einführung der eingleisigen Bundesliga im Jahr 1977, aber darum ging es nach der im November erlittenen Insolvenz ja gar nicht mehr.

Die besten Spieler hatten den Club zum Jahreswechsel verlassen, und weil der Tusem günstige Arbeitskräfte benötigte und die sechs Briten aus dem olympischen Handballprojekt des britischen Verbands dringend hochwertige Spielpraxis brauchten, war dieses sportliche Joint Venture trotz der allwöchentlichen Debakel in den deutschen Hallen eine bereichernde Erfahrung. "Natürlich ist man nach einer hohen Niederlage sauer, jede Woche wieder, denn als Sportler hasse ich es zu verlieren", sagt Williams. "Aber allein für das, was wir hier dazugelernt und wie wir uns verbessert haben, war es das wert. Wir haben 16 Spiele verloren, aber die Zeit an sich war für uns ein Riesengewinn."

Handball ist in England kein großes Ding, eher etwas für Exoten. Der Verband hatte keine konkurrenzfähige Nationalmannschaft, als London vor vier Jahren den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 erhielt. Doch dann musste er etwas unternehmen, und so schickte er mangels geeigneter Trainingsmöglichkeiten im eigenen Land 18 junge Spieler in ein Sport-College ins dänische Arhus, wo sie auf umliegende Handballclubs der ersten bis vierten Liga verteilt wurden. World Class Handball Programme heißt das Projekt, über das Essens Sportchef Stephan Krebietke im Internet las und auf die Idee kam, kurzfristig ein paar der Spieler in sein ausgedünntes Bundesliga-Team zu holen. An einem Winterabend bestritten die 18 Briten vor den Augen von Krebietke und dem früheren Nationalspieler Mark Dragunski in Arhus ein Testspiel zur Sichtung. Sechs Spieler wurden für konkurrenzfähig befunden.

Ein paar Tage später bezogen die sechs eine Wohnung in Essen. "Es war ein unglaubliches Gefühl, so plötzlich und unverhofft in der besten Liga der Welt mitspielen zu dürfen", sagt Williams. "It's the Bundesliga!", sagt er mit einiger Achtung in der Stimme. "Zwischen Oberliga und Regionalliga", siedelte Essens Trainer Kristof Szargiej die sechs Briten an, aber die sportliche Konkurrenzfähigkeit war nicht so wichtig wie die Tatsache, dass der Tusem mit den vom britischen Handballverband bezahlten Spielern die Saison günstig und regulär zu Ende spielen konnte, um in der kommenden Saison in der 2. Liga einen Neuanfang zu versuchen.

Die jungen Engländer werden dann nicht mehr in Essen spielen. Sie kehren zurück nach Dänemark. In Dänemark, sagt Williams, habe er nebenher in einem Restaurant gekellnert. Noch kann er längst nicht vom Handball leben, aber eines Tages, da ist er sich sicher, wird es dafür reichen. Vielleicht kann er sich ja bei den Olympischen Spielen für einen Club irgendwo in Europa empfehlen.

Zwölf Tore hat er in allen Spielen zusammen geworfen. 14 warf Christopher Mohr, 15 Sebastian Prieto. Der besaß auch die Ehre, am 7. Februar in Großwallstadt mit dem Treffer zum zwischenzeitlichen Gleichstand als erster Brite überhaupt in der Bundesliga ein Tor zu erzielen. Damals standen die sechs jungen Briten noch am Anfang ihres Abenteuers Bundesliga. Nun ist es schon wieder vorbei. Ciaran Williams hat allerhand Erinnerungen mitgenommen, Zeitungsartikel und Fotos. Er weiß nicht, ob er noch einmal nach Deutschland zum Handballspielen kommt, aber "diese vier Monate werde ich nie vergessen".



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