Vorwürfe gegen Armstrong Jede Menge Merkwürdigkeiten

Angeblich wurde in einer alten Urinprobe Lance Armstrongs das Dopingmittel Epo entdeckt. Warum aber wurde der Test durchgeführt, wieso das Ergebnis erst jetzt bekannt? Eines ist wohl sicher: Der ehemalige Radprofi hat von den Sportverbänden nichts zu befürchten.

Von Steffen Gerth


Toursieger Armstrong: Akte nicht schließen
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Toursieger Armstrong: Akte nicht schließen

Michael Lehner ist ein Mann deutlicher Worte. Die hatte er gefunden, als er den Läufer Dieter Baumann in dessen Dopingfall ("Zahnpasta-Affäre") anwaltlich vertrat, und die findet er auch jetzt, wenn er den "Fall Lance Armstrong" zu bewerten hat. Der Heidelberger Sportrechtsanwalt bezeichnet es als "merkwürdig", dass das Dopinglabor in Chatenay-Malabry schon vor etwa vier Monaten Epo in einer B-Probe von Armstrongs Urin (die 1999 gestestete A-Probe war noch negativ) entdeckt haben will, französische Journalisten aber erst seit gestern davon berichteten - etwa einen Monat, nach dem Armstrong mit dem siebten Toursieg in Folge von der Radsportbühne abgetreten ist.

"Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als dass Wada, UCI und IOC bereits Kenntnis von dieser Probe gehabt haben", sagte Lehner SPIEGEL ONLINE. Beweise für seine Vermutung hat er nicht. Der Sportjurist, der auch den wegen Dopings für einen Jahr gesperrten Radprofi Danilo Hondo (Gerolsteiner) vertritt, verweist aber darauf, "dass das Labor in Chatenay-Malabry nichts tut ohne die Erlaubnis der Wada". Und damit wohl auch nicht ohne Kenntnis des IOC, von dem das Labor anerkannt ist.

Träfen Lehners Vermutungen zu, wäre dies ein Hinweis auf eine gewaltige Vertuschungsaktion von Welt-Antidoping-Agentur (Wada), Radsport-Weltverband (UCI) und Internationalem Olympischen Komitee (IOC). Ein möglicher Grund: Ein Doping-Skandal um den Texaner hätte den Radsport noch mehr erschüttert als jener um die Tour de France 1998, als der systematische Missbrauch von verbotenen Mitteln im Radsport bekannt wurde. Und: Armstrong ging bislang gegen alle Beschuldigungen anwaltlich vor, möglicherweise wurde diese Auseinandersetzung gescheut?

Vorsichtige Wada

Die Verbindungen zwischen Labor, Wada und IOC stoßen auch dem Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke auf, einer der engagiertesten deutschen Dopingforscher und -bekämpfer. "Ich fordere strikte Unhabhängigkeit der Labore", sagte Franke SPIEGEL ONLNE. Mit dieser Freiheit sei auch die Freiheit verbunden, Ergebnisse nach eigenem Befinden zu verkünden.

Es fällt in der Tat auf, wie vorsichtig die Wada dieser Tage agiert: Richard Pound, der Präsident der Agentur, sagt, seine Institution sei in diesem Fall nicht zuständig, da besagte Urin-Proben aus dem Sommer 1999 stammen - die Wada aber erst im November 1999 gegründet wurde. Pound delegiert die Verantwortung an die Radsportler: "Es wird jetzt sehr interessant sein, zu beobachten, wie die UCI und der amerikanische Verband reagieren werden." Seiner Organisation seien die Hände gebunden.

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Tour de France: König von Frankreich

Über diese Zurückhaltung kann Lehner nur schmunzeln. "Die Wada gibt es aber jetzt", sagt der Jurist, "und damit hat sie mit den Untersuchungen etwas zu tun." Auch die Mühlen der UCI haben erst ganz langsam das Mahlen begonnen. Die Verbandsjuristen würden den Vorgang prüfen und damit auch die Möglichkeiten, Sanktionen auszusprechen. "In ein, zwei Tagen kann es eine offizielle Stellungnahme geben", so UCI-Sprecher Enrico Carpani heute. Das klingt vorsichtig - und wird die Laune von Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc nicht verbessern. Der Franzose hat den Weltverband bereits mehrfach wegen seines eher zögerlichen Anti-Dopingkurses kritisiert: "Wenn es sportliche Sanktionen durch die geben sollte, könnte sich die Tour-Direktion, diesen Maßnahmen anschließen."

Schweizer Zülle: Eine Million Euro Schadensersatz
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Ob aber der Verband Sanktionen gegen Armstrong verhängen wird, ist zweifelhaft. Jurist Lehner hält die Chancen auf ein Rechtsverfahren gegen den Amerikaner für gering. "Es gibt zu viele offene Fragen."

Eine ist: Wem die geöffnete Urinprobe eigentlich gehört. Armstrong? Dem Labor? Der Wada? Und wer hatte überhaupt gestattet, dass diese Probe zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt werden durfte? Dass deswegen nun Armstrong das Labor in Chatenay-Malabry verklagen könnte, hält Lehner aber für abwegig. Allenfalls könne der Amerikaner wegen Rufschädigung eine Schadenersatzklage anstrengen, denn das US- Recht sehe ja hier mehr Möglichkeiten vor. Wahrscheinlich werden Armstrongs Anwälte aber auch davon abraten, vermutet Lehner. "Er soll einfach den Mund halten und froh sein, dass alles erst nach Ende seiner Karriere ans Licht gekommen ist."

Wenn Alex Zülle klagt

Erfolgversprechender stuft der Heidelberger Anwalt dagegen einen Rechtsstreit von Armstrongs früheren Konkurrenten ein. Beispielsweise von Alex Zülle, 1999 Zweiter der Tour de France. Der Schweizer könnte seinerseits auf Schadensersatz klagen - und hätte gute Chancen. Denn vor Gericht könnte die geöffnete B-Probe Armstrongs als Beweismittel eingesetzt werden, sagt Lehner. Eine juristische Niederlage könnte Armstrong teuer zu stehen kommen. Rechnet man Siegprämien und diverse Werbegelder zusammen, "dann ist da eine Million Euro drin", so Lehner. Freilich wäre eine Klage Zülles pikant - der Schweizer wurde im Oktober 1998 für acht Monate gesperrt: Er hatte die Einnahme von Epo gestanden.

Es sieht also danach aus, als ob der Amerikaner trotz einer erdrückenden Beweislast abermals nichts zu befürchten hat - weil es der rechtlichen Handhabe fehlt. Immerhin fordert das IOC-Mitglied Thomas Bach, den Fall Armstrong mit allen juristisch möglichen Mitteln zu klären. "Ich plädiere dafür, die Akte aus formalrechtlichen Gründen nicht zu schließen, sondern eine Untersuchung einzuleiten, wenn der Test einwandfrei war." Bach nimmt mit dieser Forderung ausdrücklich Wada und UCI in die Pflicht. "In jedem Fall würde man ein Zeichen setzen, Verstöße auch nach Jahren transparent zu machen", sagt Bach.

Für Werner Franke ist der Fall aber jetzt schon abgeschlossen: "Armstrong passiert gar nichts."



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