Vorwürfe gegen die Fifa Blatter, der Aussitzer

Der Europarat hat der Korruption im Weltfußballverband Fifa den Kampf angesagt. Die Politiker wollen alte Schmiergeldfälle aufarbeiten und untersuchen auch den Wahlkampf von Fifa-Boss Blatter. Die Hoffnung, dass bei der Fifa daraus Konsequenzen gezogen werden, ist allerdings gering - wieder einmal.

Fifa-Boss Blatter: Europarat erhebt Vorwürfe gegen die Fifa
dapd

Fifa-Boss Blatter: Europarat erhebt Vorwürfe gegen die Fifa


Alltäglich ist es nicht, dass die Politik sich korrupte Sportfunktionäre vorknöpft. Deshalb macht die jüngste Initiative des Europarats zurecht Schlagzeilen. Die Arbeitsgruppe "Kultur, Wissenschaft, Bildung und Medien" der parlamentarischen Versammlung hat sich mit dem Thema Korruption im Sport befasst, dazu Anhörungen durchgeführt und nun ihr Dossier zu "Good Governance und Ethik im Sport" präsentiert. Auf 20 engbeschriebenen Seiten werden Maßnahmen gegen Spielmanipulationen und Korruption vorgeschlagen - und der Weltfußballverband Fifa dabei deutlich aufs Korn genommen.

Die dubiosen Vorgänge bei der Fifa stehen im Mittelpunkt des Berichts. "Das Image der Fifa verschlechtert sich weiter", schreibt der französische UMP-Politiker François Rochebloine. Brisant ist, dass die Kommission auch die Untersuchung von Fifa-Päsidentschaftswahlen unter Beteiligung des Verbandspatrons Joseph Blatter fordert. Die Arbeitsgruppe verlangt außerdem die Offenlegung aller Unterlagen zum ISL-Bestechungsskandal. Dagegen hatte sich die Fifa lange Jahre juristisch gewehrt und sogar eine Millionensumme an Schweizer Justizkassen gezahlt, um die Namen korrupter Amtsträger geheim zu halten.

Rochebloine hat sich Anfang des Jahres mit Fifa-Offiziellen getroffen und im Februar von Schweizer Behörden erfolgreich die Unterlagen zum bislang größten Korruptionsskandal der Sportgeschichte eingefordert. Der ISL-Konzern hatte einst mehr als 140 Millionen Schweizer Franken Bestechungsgeld gezahlt, um an hochdotierte Marketingverträge mit der Fifa, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und anderen Weltverbänden zu gelangen. Schmiergeld gehörte dabei zum Tagesgeschäft und wurde von Funktionären quasi wie ein Arbeitslohn betrachtet - so ist es gerichtsfest dokumentiert.

Fifa spricht von "Ungenauigkeiten" in dem Bericht

Die Fifa hat binnen weniger Stunden auf das Rochebloine-Dossier reagiert und teilte auf ihrer Website mit, einige "Ungenauigkeiten" im Bericht richtig stellen zu müssen. Demnach seien einige der vom Europarat kritisierten Punkte bereits umgesetzt. Die Buchführung der Fifa erfolge nach internationalen Standards, es sei "unzutreffend", gewisse Zahlungen als "potentiell dubiose Aufwendungen" einzustufen. Die Fifa sitzt die Vorwürfe aus.

Ob den Empfehlungen des Europarates irgendwann Taten folgen, steht ohnehin in den Sternen. Das Gros der Politiker, vor allem auch in Deutschland, fährt gerne einen Schmusekurs mit der Fifa und anderen Sportkonzernen. Im Rahmen des Europarats hat es bereits Initiativen zur Gründung einer Welt-Anti-Korruptions-Agentur im Sport gegeben - deutsche Politiker gehörten dabei zu den Gegnern.

Rochebloine fordert nun "interne Untersuchungen" von der Fifa, etwa zu den skandalösen Umständen um Blatters Wahlkampf 2011. Das ist einerseits löblich, andererseits aber wohl ohne große Wirkung, da bei "internen Untersuchungen", die den Präsidenten Blatter betreffen, traditionell nichts herauskommt, was Blatter schadet. So war es auch im vergangenen Jahr, als die mit Blatter-Getreuen besetzte Ethikkommission dem Präsidenten einen Persilschein ausstellte.

Fifa bewegt sich teilweise im rechtsfreien Raum

Vor allem aber offenbart diese Forderung einmal mehr das Dilemma: Die Fifa bewegt sich in einem Raum der partiellen Rechtsfreiheit. Zwar setzt der Verband Milliarden um und operiert wie ein multinationaler Konzern, ist aber gleichzeitig nach dem Schweizer Vereinsrecht organisiert wie jeder beliebige Hasenzüchterverein. Die Fifa ist von internationalen Antikorruptionsabkommen gar nicht und von Antikorruptionsgesetzen kaum erfasst, ihre Funktionäre genießen quasi Immunität.

Kürzlich hat die Rechtskommission des Schweizer Nationalrats eine Initiative des sozialdemokratischen Abgeordneten Carlo Sommaruga zur Revision des Korruptionsstrafrechts angenommen: Demnach soll die Bestechung von Privatpersonen, als solche gelten Fifa-Funktionäre, künftig als Offizialdelikt bewertet werden. Käme die Gesetzesänderung durch, könnten die Strafverfolgungsbehörden tun, was jetzt kaum oder gar nicht möglich ist: ermitteln.

Allerdings hat der renommierte Strafrechtsexperte Mark Pieth vor einem Jahr einen noch überzeugenderen Vorschlag gemacht. Er empfahl, alle Funktionäre aus Verbänden, die eine Monopolstellung genießen, als Amtsträger anzusehen. Dann müssten nach Veröffentlichung von Korruptionsvorwürfen von Amts wegen Ermittlungen eingeleitet werden. Die Erweiterung der Amtsträgerbestechung sei einer Klärung der Privatbestechung vorzuziehen, argumentiert er.

Seit Januar leitet Pieth auf Anregung Blatters eine Kommission, die Vorschläge zur Transparenz der Fifa erarbeiten soll. Jetzt muss er beweisen, dass er mehr ist als ein von Blatter eingekaufter großer Name, der dem angeblichen Reformprozess der Fifa Autorität verleihen soll.

Was man zuletzt von Pieth hörte, lässt allerdings wenig hoffen: Er betrachte sein Komitee nicht als Ermittlungsorgan, wolle die Versäumnisse der Vergangenheit nicht aufarbeiten und sich auf Strukturreformen beschränken. In seiner Arbeitsgruppe sehen das nicht alle so. In wenigen Tagen legt Pieth dem Fifa-Exekutivkomitee seine Empfehlungen vor. Über sie soll also ausgerechnet das Gremium darüber befinden, in dem einzelne Mitglieder immer wieder mit Korruptionsvorwürfen überzogen worden sind. Eine klassische Fifa-Absurdität.



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EspritCritiqueM 09.03.2012
1. EU und Europarat sind immer noch...
..zwei völlig unterschiedliche Institutionen, wenngleich sie meinen diesbezüglichen Kommentar lieber unterdrücken.
Gerd-R 09.03.2012
2. FIFA- und Partner-Korruption (Ukraine)
Zitat von sysopdapdDer Europarat hat der Korruption im Weltfußballverband Fifa den Kampf angesagt. Die Politiker wollen alte Schmiergeldfälle aufarbeiten und untersuchen auch den Wahlkampf von Fifa-Boss Blatter. Die Hoffnung, dass bei der Fifa daraus Konsequenzen gezogen werden, ist allerdings gering - wieder einmal. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,820320,00.html
Ein weiteres Schmierentheater ist die Tatsache, daß die FIFA heuer kommentarlos eine EM in einem Land ausrichtet, in dem eine Julia Timoschenko fast zu Tode inhaftiert wird mit einer Beschuldigung, bei der hierzulande ein Christian Wulff trotz erheblich dichterer Beweislage noch mit 480.000 Euro jährlich aus der Steuerkasse belohnt wird.
germanvirgin 10.03.2012
3. es
Zitat von sysopdapdDer Europarat hat der Korruption im Weltfußballverband Fifa den Kampf angesagt. Die Politiker wollen alte Schmiergeldfälle aufarbeiten und untersuchen auch den Wahlkampf von Fifa-Boss Blatter. Die Hoffnung, dass bei der Fifa daraus Konsequenzen gezogen werden, ist allerdings gering - wieder einmal. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,820320,00.html
ist zwar richtig, das man Korruptionsvorwuerfen nachgeht. Aber hier macht sich doch der Bock zum Gaertner. Ich frage mich wo wohl mehr korruptes Gesindel sitzt in der FIFA oder im Europamafiarat.
Niamey 10.03.2012
4. Die FIFA und andere Abzockervereine im Sport
Zitat von sysopdapdDer Europarat hat der Korruption im Weltfußballverband Fifa den Kampf angesagt. Die Politiker wollen alte Schmiergeldfälle aufarbeiten und untersuchen auch den Wahlkampf von Fifa-Boss Blatter. Die Hoffnung, dass bei der Fifa daraus Konsequenzen gezogen werden, ist allerdings gering - wieder einmal. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,820320,00.html
Blatter und ein Großteil seiner Kumpanen gehören vor Gericht gestellt, verurteilt und in den Knast gesteckt. Vermögen die illegal angehäuft worden sind, müssen eingezogen werden. Die Schweiz ist ein schönes Land, in das ich gerne fahre. Aber es ist auch extrem schön korrupt. Ein Bekannter hat sich dort auf der schönen Bettmeralp ein Chalet gekauft. Und siehe da, ein Teil des Geldes musste schwarz rübergereicht werden. Eine kleine Steuerersparnis vor den Architekten, der gleichzeitig auch Makler war.
w.blankschein 10.03.2012
5. Chance für den DfB
Zitat von sysopdapdDer Europarat hat der Korruption im Weltfußballverband Fifa den Kampf angesagt. Die Politiker wollen alte Schmiergeldfälle aufarbeiten und untersuchen auch den Wahlkampf von Fifa-Boss Blatter. Die Hoffnung, dass bei der Fifa daraus Konsequenzen gezogen werden, ist allerdings gering - wieder einmal. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,820320,00.html
Die Chance für den DfB: Wulff könnte Blatter beerben!
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