Russland vor der Begnadigung durch Wada Der Himmel stinkt im Urlaubsparadies

Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada will eine Entscheidung fällen, die die Sportwelt verändern kann. Das seit 2015 suspendierte russische Dopinglabor soll begnadigt werden. Fachleute sind empört.
Eigentlich so herrlich dort: die Seychellen

Eigentlich so herrlich dort: die Seychellen

Foto: AP

Die Seychellen sind ein idyllisches Plätzchen. Palmen, Sonne, Strand, die Riesenschildkröten, die träge ihre Bahn ziehen: Die Sportfunktionäre wissen schon sehr genau, warum sie sich solche Tagungsorte aussuchen. Ein Urlaubsparadies.

Aber mit dem Idyll ist es am Donnerstag wahrscheinlich vorbei. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada stimmt dann auf ihrem Treffen im Indischen Ozean darüber ab, ob man die seit drei Jahren ausgesperrten russischen Kollegen der Rusada wieder aufnehmen soll. Vieles spricht dafür, dass die Wada dies beschließt - und das hat im kritischen Teil der Sportwelt schon im Vorfeld schwere Empörung ausgelöst.

"Wenn es so läuft, dann brauchen wir keine Wada, und dann brauchen wir auch keine Dopingkontrollen", reagierte Silke Kassner, die stellvertretende Vorsitzende der Athletenkommission in Deutschland, fast schon fatalistisch. US-Dopingjäger Travis Tygart, berühmt geworden durch seine hartnäckigen Ermittlungen gegen Lance Armstrong, kommentiert: "Das stinkt zum Himmel." Die Empfehlung, die Rusada offiziell wieder zuzulassen, sei "ein echter Witz und ein Schlag ins Gesicht eines jeden sauberen Athleten".

"Hastig formulierte Entscheidung"

In der Vorwoche hatte der Compliance-Prüfungsausschuss der Wada empfohlen, die Rusada wieder zuzulassen - und damit die Fachwelt überrumpelt. Der Ausschuss hatte damit argumentiert, Russland habe in einem Brief an die Wada "die im Zuge des Dopingskandals identifizierten Probleme anerkannt". Zudem habe das Sportministerium in Moskau einen Zugang von Unabhängigen zum Anti-Doping-Labor in Moskau garantiert.

Die Skepsis der Anti-Doping-Fahnder außerhalb Russlands hat man damit aber nicht beseitigen können. Im Gegenteil: In einer Erklärung des Instituts der Nationalen Antidopingagenturen ist von einer "in letzter Minute hastig formulierten Empfehlung" des Ausschusses die Rede. Wenn man die Debatte verfolge, "würde jede vernünftige Person zu dem Schluss kommen, dass Russland seinen Verpflichtungen gegenüber der globalen Sportgemeinschaft noch nicht nachgekommen ist", heißt es in der Erklärung.

So monieren die Dopingfachleute, dass Russland nach wie vor die Resultate des McLaren-Reports nicht in vollem Umfang akzeptiere. Auch am unabhängigen Zugang zum Moskauer Labor haben sie erhebliche Zweifel. Für sie stehe vielmehr fest, dass es es um einen Kotau der Wada vor dem einflussreichen Sportland Russland geht. Die Wada dürfe ihre Entscheidung nicht fällen "aus Zweckmäßigkeit, die dem Willen einer mächtigen Nation dient".

Bach und Infantino längst gegen harten Kurs

Im November 2015 war die Rusada suspendiert worden, nachdem die Ausmaße des russischen Dopingsystems nach und nach ans Tageslicht kamen. In der Folge wurden russische Athleten von Großereignissen ausgeschlossen, bei den Olympischen Spielen durften sie nur ohne Hymne und ohne russische Fahne an den Start gehen.

Aber zahlreiche Funktionäre sind offenbar der Ansicht, dass die Russen jetzt genug gebüßt hätten. IOC-Boss Thomas Bach hatte schon mit dem Abschluss der Winterspiele von Pyeongchang eine Begnadigung Russlands in Aussicht gestellt. Dass Fifa-Präsident Gianni Infantino freundschaftliche Bande gegenüber Russlands Präsident Wladimir Putin hegt, war während der Fußball-WM im Sommer nicht zu übersehen. Diejenigen, die gegenüber Russland weiter hart vorgehen wollen, werden weniger.

In diesen Zusammenhang passt die mögliche Entscheidung vom Donnerstag bestens hinein. Die Wada selbst ließ verlauten, nachdem die Empfehlung des Ausschusses ruchbar wurde, es sei nach wie vor genauso denkbar, "dass Rusada erneut nicht als konform erklärt wird". Die Zusatzbemerkung, dass es nie ein Ergebnis geben werde, wenn nicht beide Seiten Kompromisse eingingen, spricht allerdings eher dafür, dass die Wada die Empfehlung ihres Ausschusses wohlwollend prüfen wird.

Eine Entscheidung zur Wiederzulassung wäre "ein Einknicken vor den Kräften, die diesen Schritt zielgerichtet vorbereitet haben", befindet die Sportausschussvorsitzende im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD): "Nicht zum ersten Mal habe ich große Zweifel an dem Willen der Spitze der Wada, ausschließlich zum Wohle der sauberen Athleten und Athletinnen zu agieren."

Die Riesenschildkröten auf den Seychellen würde die Entscheidung völlig ungerührt lassen, die haben andere Sorgen. Die Sportwelt allerdings wäre nach diesem Beschluss eine andere.

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