Baseball-Team Washington Nats Von der Lachnummer zur "Wow!"-Truppe

Die Washington Nationals waren über viele Jahre die Lachnummer im US-Baseball. Aber das hat sich jetzt geändert. Das Team steht im Endspiel der MLB - als erste Mannschaft aus Washington seit 86 Jahren.

Pitcher Max Scherzer gehört zum Erfolgsteam der Nationals
Mark Humphrey / AP

Pitcher Max Scherzer gehört zum Erfolgsteam der Nationals

Von , Boston


Man kann nicht sagen, dass Baseball in Washington D.C. keine Tradition hat. Denn die Geschichte dieser Sportart in der US-Hauptstadt ist lang. 1871 waren die Olympics das erste Team der Stadt. Es folgten einige andere Klubs - unter anderem 1901 die Senators, die bis 1971 in Washington ihre Heimat hatten.

Doch eine lange Geschichte ist nicht automatisch auch eine erfolgreiche Geschichte. Und die Geschichte des Profi-Baseballs in Washington könne "bestenfalls als kompliziert beschrieben werden", wie die "Washington Post" es formulierte, nun, da mit den Washington Nationals zum ersten Mal seit 86 Jahren wieder ein Team aus der Stadt ins Endspiel der Major League Baseball (MLB) eingezogen ist - in die sogenannte World Series.

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Washington Nationals: Der lange Weg zur Spitze

Denn in der Metropole am Potomac River haben die Fans viel gelitten, oft sahen sie Niederlagen, nur ganz selten hatten sie Grund zur Freude. Und zweimal haben sie ihr Team sogar verabschiedet. 1960 zogen die Senators nach Minnesota und wurden zu den Twins. Elf Jahre später verließen auch die neu gegründeten Senators Washington, siedelten sich vor den Toren von Dallas an und spielen seitdem dort als Texas Rangers.

Washingtons einziger Titelgewinn liegt 95 Jahre zurück. In der World Series 1924 besiegten die Senators die New York Giants. Ein Jahr später spielten sie wieder in der Finalserie, hatten nach vier Partien gegen die Pittsburgh Pirates bereits 3:1 geführt - und es trotzdem noch geschafft, die restlichen drei Spiele und somit auch die World Series zu verlieren.

1933 bekamen die Senators ihre dritte und letzte Chance auf den Titel, waren gegen die Giants jedoch überfordert und verloren 1:4. Damals hieß der US-Präsident Franklin D. Roosevelt, in San Francisco hatten die Bauarbeiten für die Golden Gate Bridge begonnen und Alaska sowie Hawaii waren noch keine US-Bundesstaaten. Es bedarf dieser historischen Fakten, um zu verdeutlichen, was alles passiert ist, seitdem Washington zuletzt um die Meisterschaft der Major League Baseball gespielt hat.

Howie Kendrick kann sein Glück kaum fassen
Patrick Smith Getty Images

Howie Kendrick kann sein Glück kaum fassen

Nun ist es wieder soweit. 76 Jahre nach den Senators stehen die Washington Nationals in der World Series. Gegner sind die Houston Astros. Deren letzter und bislang einziger Titelgewinn liegt gerade zwei Jahre zurück. Viele Stars wie Pitcher Justin Verlander, Second Baseman Jose Altuve oder Shortstop Alex Bregman sind auch diesmal dabei. Aus Washingtons 1933er Finalteam hingegen lebt keiner mehr.

Von der damaligen World Series bis zum Umzug nach Texas 1971 hatten die Senators in 38 Jahren gerade einmal fünf Spielzeiten mit mehr Siegen als Niederlagen abgeschlossen. Washington sei "die Lachnummer und Baseball-Brachland" gewesen, schrieb die "Washington Post". Aber als der Verein dann weg war, fragten sich die Leute in der Stadt irgendwann, was eigentlich schlimmer sei: ständig zu verlieren oder gar kein Baseballteam zu haben?

Erfolgreiche Aufholjagden

Als die MLB Ende 2004 bekannt gab, dass die Expos Montreal verlassen, nach Washington kommen und dort künftig als Nationals spielen würden, dauerte es acht Jahre, bis der neue Verein erstmals die Playoffs erreichte - und sofort ausschied. Es folgten drei weitere Auftritte in der K.-o.-Runde. Doch jedes Mal scheiterten die "Nats" an der Auftakthürde.

In diesem Herbst sah es so aus, als würden sich die Oktober-Enttäuschungen fortsetzen. Im Wild-Card-Spiel führten die Milwaukee Brewers im achten Inning 3:1, ehe Washington ein grandioses Comeback zum 4:3 gelang. Es war der erste Playoff-Sieg der Vereinsgeschichte. Im Viertelfinale folgte eine ähnliche Aufholjagd. Beim Vizemeister Los Angeles Dodgers lagen die Nationals im achten Inning des entscheidenden fünften Matches erneut 1:3 hinten - und bewiesen abermals Nervenstärke. Die Halbfinalserie gegen die St. Louis Cardinals wurde dann zu einem Sprint. Vier Spiele, vier Siege - vor allem dank der überragenden Werfer.

Nationals-Urgestein Ryan Zimmerman
Jeff Roberson AP

Nationals-Urgestein Ryan Zimmerman

Die Starting Pitcher Anibal Sanchez, Max Scherzer, Stephen Strasburg und Patrick Corbin ließen in den vier Partien nur fünf Runs zu. Wer der gegnerischen Offensive nur so wenig gestattet, kann kaum verlieren. Im Fußball würde man von "Catenaccio" sprechen. Im Baseball heißt es schlichtweg "lights out pitching".

"Ich habe hier viel mitgemacht. Aber diese Truppe - wow", sagt Ryan Zimmerman. Der 35-Jährige ist der einzige Profi, der seit der Premieren-Saison der Nationals dabei ist. Zimmerman debütierte am 1. September 2005. Seitdem sind 1688 Vorrundenspiele und 28 Playoff-Partien hinzugekommen.

"Zim" war schon da, als Outfielder Juan Soto erst sechs Jahre alt war und in der Dominikanischen Republik gerade in die Schule kam. Zimmermann trug das berühmte Trikot mit dem geschwungenen "W" bereits, als der gleichaltrige Max Scherzer weit davon entfernt war, einer der prägendsten Pitcher der Liga zu werden und noch für die College-Mannschaft der Universität von Missouri spielte. Und "Zim" steht nun nach 15 MLB-Jahren erstmals in der World Series. Mit den Washington Nationals.

Das einstige Baseball-Brachland könnte schon in wenigen Tagen meisterlicher Boden sein.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes befand sich ein Rechenfehler. Tatsächlich sind seit dem letzten Finaleinzug eines Teams aus Washington 86 Jahre vergangen. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 4 Beiträge
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calle15 22.10.2019
1. Dauer
Es mag sein, dass ich mich verrechne, aber sind es nicht 86 Jahre von 1933 bis heute?
spon-facebook-10000220808 22.10.2019
2. Ich wünsche ihnen alles!
Denn der Gewinn eines Underdogs ist der amerikanische Traum.
wsfnu84 22.10.2019
3. The secret of success ...
Das einzige, was die Nationals dafür tun mussten, war, Bryce Harper an die Phillies abzugeben. Ich wette, der ärgert sich jetzt dort trotz seines Mega-Vertrages ... :-D
Jetzt_mal_ernsthaft 22.10.2019
4. Beste Voraussetzung
Die Chicago Cubs hatten ja eine ähnliche, sogar noch längere Phase der Erfolglosigkeit. Aber dann kam Joe Maddon - von meinen Tampa Bay Rays und schon in der 2. Saison gab es World Series Ringe. Die Nationals haben Dave Martinez von uns engagiert. Er ist jetzt in der 2. Saison - was soll da schiefgehen ? Die Nationals werden die Astros wegfegen. Bestimmt !
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