Washington Wizards Verrückt! Grauenhaft! Hoffnung?

Hier versagte Michael Jordan als Manager, hier fuchtelte Gilbert Arenas mit einer Pistole in der Kabine herum: Seit Jahren dilettieren die Washington Wizards im NBA-Mittelmaß. Auch die aktuelle Saison begann katastrophal, aber nun gibt es zarte Zeichen der Hoffnung.
Wizard-Guard Wall (r.): Furioser Spieler, der das Tempo vorgibt

Wizard-Guard Wall (r.): Furioser Spieler, der das Tempo vorgibt

Foto: Rob Carr/ AFP

Im Verizon Center in Washington gibt es einen Schrein, in dem die Wizards ihres einzigen NBA-Titels gedenken, den sie je errungen haben. Das war 1978, sie schlugen die Seattle Supersonics, zur großen Überraschung der ganzen Basketballzunft. Du stehst davor, du kannst es kaum glauben: So sehen Sieger aus! Die Helden hießen Elvin Hayes, Earl Monroe und Wes Unseld. Kennt die noch jemand?

In der Pause des Spiels gegen die Denver Nuggets am vergangenen Freitag, es steht unentschieden, wandere ich wieder einmal zum Schrein. Es ist ja immer wieder schön, wenn du dich an der Vergangenheit wärmen kannst, vor allem wenn die Gegenwart so kalt ist. Die Wizards spielen wieder mal ganz hinten mit. Erst seit Mitte Januar sind sie besser geworden.

John Wall kann seither wieder spielen, der Guard, um den sie ein neues, starkes Team bauen wollen. Wieder mal. Ich habe schon viele Anfänge der Wizards erlebt, glühende Anfänge. Michael Jordan, der größte Spieler aller Zeiten, der gerade 50 geworden ist, sollte dafür sorgen. Er hatte kein gutes Händchen für Spieler. Als Präsident der Wizards draftete er Kwame Brown an erster Stelle, der die hohen Erwartungen aber nie erfüllen sollte. Zu den Wizards kam er im Jahr 2001. Heute spielt er bei den 76ers in Philadelphia, es ist seine siebte Station, seitdem ihn die Wizards 2005 wegtauschten.

"Agent Zero" und die Knarre

Das Trauerspiel vom großen Begabten, der mit 19 in die NBA kommt, schnell untergeht, aber irgendwie immer wieder eine neue Mannschaft findet; dabei ein oder zwei Millionen verdient, trotz allem, und nur wenige, unspektakuläre Spielminuten bekommt.

Danach, 2003, kam Gilbert Arenas, der sich "Agent Zero" nannte. Das hätte mir gleich zu denken geben sollen. Er spielte großartig, sie haben ihn geliebt in Washington, sie haben sich alles von ihm erhofft. Dann zeichnete er sich vornehmlich durch Verletzungspech aus und auch dadurch, dass er eine Knarre mit in die Umkleidekabine brachte und damit herumfuchelte. Die Wizards schickten ihn fort. Jetzt spielt er bei den Shanghai Sharks.

Das Trauerspiel eines Hochbegabten, dem die Wizards einen Wahnsinnsvertrag geben, so dass ihnen das Geld für weniger Begabte, weniger Exzentrische fehlt.

John Wall ist anders - okay: Wir alle hoffen, dass er anders ist. Wall ist 22 Jahre alt, es ist seine dritte Saison in der NBA. Er musste bis Januar wegen seines kaputten Knies pausieren, jetzt ist er wieder da. Ein furioser Spieler, der das Spiel lesen kann und weiß, wann er beschleunigen muss und wann nicht.

Es geht aufwärts

Bis Januar hatten die Wizards ganze fünf Spiele gewonnen und 28 verloren. Sie waren das schlechteste Team in der Liga. Mit Wall haben sie 13 Spiele gewonnen und neun verloren. Immerhin! Fortschritt! Zwischendurch waren sie so kühn, von den Playoffs zu träumen. Verrückt! Der Fortschritt besteht darin, dass sie mittlerweile in der Südwest-Division, der ohnehin schlechtesten aller Divisionen, nun nicht mehr das schlechteste Team sind, sondern die Charlotte Bobcats und die Orlando Magic hinter sich gelassen haben. Und wenn es weiter aufwärts geht, könnten sie auf 33 Siege kommen, das wären 13 mehr als in der vorangegangenen Saison. Fortschritt!

Gegen die Denver Nuggets haben die Wizards interessant gespielt. Da tut sich eine Mannschaft zusammen, der ich gerne zuschaue. Sie ist noch nicht homogen, aber es ist eine Mannschaft. Sie beherrscht weder die überfallartigen Angriffe nach Balleroberung in der eigenen Hälfte noch das geduldige, schnelle Passspiel unter dem Korb schon ganz, aber es sieht gut aus. Sie haben einen Plan, wie sie in Amerika sagen, wenn die Handschrift des Trainers zu erkennen ist, und wenn da ein Kapitän auf dem Feld steht, dem die Mannschaft vertraut und der da ist, wenn es in den letzten Minuten darauf ankommt.

John Wall ist so einer, ohne Zweifel. Gegen die Nuggets verlor er ausgerechnet in den Schlussminuten mehrmals den Ball, so dass der Vorsprung bedrohlich schmolz. Emeka Okafor, der Center, brachte es fertig, vier Freiwürfe in den letzten beiden Minuten zu verschenken. Grauenhaft. Aber dann riss sich Wall zusammen und sorgte für die entscheidenden Punkte: 119:113, Sieg! Tags darauf gewinnen die Wizards gegen die Rockets aus Houston in einem noch turbulenteren Spiel 105:103. Noch ein Sieg! Und gestern 90:84 in Toronto: Es geht aufwärts!

Eine gute Mischung aus Youngstern und Oldies

Der Trainer der Wizards heißt Randy Wittman, noch so ein Name, den man nicht kennt. Aber er bringt der Mannschaft bei, wie eine Mannschaft zu spielen. Und er versucht, junge Spieler zu entwickeln, wie den 19-jährigen Bradley Beal, der gut zu Wall passt. Neben Wall spielt Martell Webster, er ist 26, Flügelspieler. Sehr mannschaftsdienlich, sehr effektiv. Zu den anderen Startern gehören die Routiniers Nene, ein Brasilianer, 30, und Okafor, auch 30. Eigentlich eine gute Mischung aus Youngstern mit Perspektive und Oldies, die noch nicht zu alt und zu zynisch sind.

Wittman lässt keinen von ihnen zu lange auf dem Platz, schont vor allem Wall nach seiner Knieverletzung. Er hat mit Trevor Ariza, 27, Chris Singleton, 23 und Trevor Booker, 25 noch ein paar junge Spieler, denen er Spielzeit gibt und die gut genug sind, entweder bei den Wizards zu bleiben oder für Leistungsträger anderer Clubs getauscht zu werden.

Es war gut und richtig, wieder mal im Verizon Center vorbei zu schauen. Vielleicht tut sich ja was bei den Wizards, die mal in Chicago beheimatet waren und dann in Baltimore. Eine wechselhafte Geschichte, eine Geschichte, die ja auch mal wieder eine gute Wendung nehmen könnte. Wenn nicht wieder einer der Spieler durchdreht. Oder John Walls Knie schlackert. Oder der Club irgendwohin verkauft wird. Du weißt nie, was kommt.

Im Schrein der Wizards steht der schöne Satz: The Opera ain't over until the fat Lady sings. Heißt wohl so was wie: Die beste Zeit steht immer noch bevor, immer. Daran wollen wir glauben, ganz fest.