Bundestrainer Hagen Stamm Mister Wasserball

Die deutschen Wasserballer haben sich bei der Weltmeisterschaft in Südkorea bis ins Viertelfinale vorgekämpft. Der Aufschwung des deutschen Teams ist untrennbar mit dem Bundestrainer verbunden.

Bernd Thissen/ DPA

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Vor ein paar Tagen wurde bei Twitter eine lebhafte Debatte losgetreten. Es ging um die Frage, ob es noch eine andere Sportart gäbe, die so mit einem Namen verbunden sei wie Wasserball mit Hagen Stamm. Zahlreiche User beteiligten sich an dieser Diskussion. Aber niemand fand ein treffenderes Beispiel. Wasserball in Deutschland - das ist Hagen Stamm.

Die "Berliner Zeitung" hat ihn zu Beginn dieser Weltmeisterschaft im südkoreanischen Gwangju den "schier Unersetzbaren" genannt, und da scheint etwas dran zu sein. Stamm ist mittlerweile 59 Jahre alt, als Spieler war er Europameister, hat Olympia-und WM-Bronze errungen, unzählige Meistertitel mit den Wasserfreunden Spandau gewonnen. Am Ende hatte er in sagenhaften 323 Länderspielen 750 Tore erzielt. Es war die Zeit, in der dieser ebenso robuste wie anspruchsvolle Sport auch in der Öffentlichkeit Anklang fand. Spieler wie Frank Otto, Rainer Osselmann oder Peter Röhle und Klubs wie Rote Erde Hamm waren damals nicht nur den Insidern ein Begriff. Aber kein Name war so bekannt wie Stamm.

Bis 2012 war er nach seiner aktiven Karriere zwölf Jahre lang Bundestrainer, danach versank der deutsche Wasserball in der Bedeutungslosigkeit. Stamm kümmerte sich um seinen Fahrradladen im Berliner Osten, mischte noch bei seinem Verein in Spandau als Präsident mit, aber mit der Nationalmannschaft hatte er eigentlich abgeschlossen. Bis sein Sohn Marko, natürlich auch Wasserballer, ihn bedrängte, bis der Verband sich diesem Drängen anschloss. Stamm ließ sich überreden, seit 2016 hat er auf einer 50-Prozent-Stelle wieder das Sagen am Beckenrand - mit ihm gelang zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder die Qualifikation zur WM.

Vorgänger fanden nicht den richtigen Ton

Jetzt steht das Team im Viertelfinale, hat sich nach einem Remis im Auftaktspiel gegen Japan kontinuierlich gesteigert und sich richtiggehend ins Turnier hineingebissen. Dass man wieder unter den besten Acht der Welt steht, nennt Stamm "im Grunde eine Sensation, ein Traumergebnis". Seine Vorgänger Nebojsa Novoselac und Patrick Weissinger kamen mit dem Bundestrainerjob nicht zurecht, gegen Novoselac gab es sogar eine regelrechte Rebellion der Spieler. Stamm findet offenbar den richtigen Ton.

Acht Spieler aus seinem Team haben vorher noch nie eine Weltmeisterschaft erlebt, entsprechend wenig Motivationsprobleme hat der Trainer. Sohn Marko Stamm, in Spandau und im Nationalteam fast schon so eine Führungsfigur wie einst der Vater, hatte in der Vorwoche die Schlagzeilen auf seiner Seite, weil er trotz eines erlittenen Bänderrisses aus dem Auftaktspiel schon bei der nächsten Partie gegen Brasilien wieder mitwirkte - und gleich fünf Tore warf. Gegen die Südafrikaner am Sonntag setzten Stamms Spieler noch einen drauf: 25 Treffer - so viele hatte noch nie ein deutsches Wasserballteam in einem WM-Spiel geworfen.

Wasserball ist auch Familiensache

Stamm hat seinen Vertrag mittlerweile bis 2020 verlängert. Die guten Ergebnisse bei der WM machen Hoffnung auf eine Olympiateilnahme im kommenden Jahr, die Qualifikation dafür wird Anfang 2020 ausgespielt. Der Bundestrainer hat mittlerweile einen, nun ja, Stamm von fast 20 Spielern zur Verfügung, mit denen er dieses Ziel angehen kann. Dabei sind Routiniers wie sein Sohn oder Mannschaftskapitän Julian Real, der schon vor elf Jahren bei der bislang letzten Olympiateilnahme in Peking zum Aufgebot gehörte, gemischt mit jungen Akteuren wie dem 22-jährigen Ben Reibel, dessen Vater Guido einst mit Hagen Stamm zusammen in Spandau spielte und der jetzt Chef der Bundesliga ist. Wie das in vielen Nischensportarten so zugeht: Auch Wasserball ist Familiensache. Da ist es wie in einem mittelständischen Handwerksbetrieb. Vom Vater zum Kind.

Spandau, Duisburg, Hannover - noch gibt es die Zentren des deutschen Wasserballs, in denen auch noch der Nachwuchs entsprechend gefunden und gepflegt wird. Ansonsten aber ist die Talentsuche auch im Wasserball schwierig geworden, der Sport ist in den vergangenen zehn Jahren von der medialen Bildfläche fast verschwunden, das hat Auswirkungen. Stamm hat daher zuletzt in einem Interview mit der "taz" noch dafür plädiert, verstärkt Schwimmer anzuwerben, die es im Becken nicht bis ganz nach vorne geschafft haben. Stamm sagt ein bisschen flapsig: "Wenn Schwimmer anfangen zu denken, werden sie Wasserballer."

Im Viertelfinale am Dienstag (8.30 Uhr deutscher Zeit) wartet mit Kroatien der Titelverteidiger und große Turnierfavorit auf die deutsche Mannschaft. Niemand würde sich über eine Niederlage wundern. Aber am Beckenrand steht Hagen Stamm.

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retterdernation 22.07.2019
1. Wem Ehre gebührt ...
dann ist es Hagen Stamm. Was der Bundestrainer mit den Wasserballern leistet - ist einfach nur grandios. Vielleicht geht da noch ein bisserl mehr. Und man schafft das nächste Level. Alles scheint möglich! Wasserball ist nichts für Weicheier. Die Sportart gehört zu den härtesten Kampfsportarten der Welt. Irgendwie eine Mischung aus Handball und Rugby. Im Wasser. In dem der Bundestrainer auch als Spieler eine Wucht war. Als Jugendlicher durfte ich einige Male auf der Ersatzbank zusehen, wie uns Hagen Stamm ein ums andere Mal die Bälle ins Netz setzte. Auf seinem Weg, zu einem der besten Center der Welt.
widower+2 22.07.2019
2. In Deutschland?
Da fällt mir auch nichts ein. Aber in Bezug auf Wasserball ist Manuel Estiarte in Spanien wohl mindestens auf dem gleichen Level wie Stamm in Deutschland. Estiarte war siebenmal hintereinander Weltwasserballer des Jahres, 20 Jahre Kapitän und hat in 580 Länderspielen 1561 Tore erzielt und insgesamt 23 Jahre Nationalmannschaft gespielt. Zudem war er in Spanien ein absoluter Volksheld, während sich Stamms Bekanntheitsgrad in Deutschland doch leider eher auf Fachkreise beschränkte.
toll_er 22.07.2019
3. hart und doch fair
"Wenn Schwimmer anfangen zu denken, werden sie Wasserballer." Ja, irgendwie hat er da recht. Ohne Schwimmer herabsetzen zu wollen, Wasserball ist einfach viel komplexer und fordert auch das Hirn eine wenig mehr als das Bahnenschwimmen. Warum ich mir das erlaube zu sagen? Anfang der Siebziger war ich Leistungsschwimmer, mit 16 wollte ich auch (!) Wasserball spielen, da gab es Verbote und Eifersüchteleien von Seiten der Schwimmtrainer, der Schwimmstil würde verdorben werden, neben dem Wasserball sei kein vernünftiger Wettkampfaufbau möglich und dergleichen mehr. Nun, ich machte beides und gebe zu, mit 17 war ich nur noch Wasserballer. Beim Schwimmtraining ist mal lange Zeit nur mit sich beschäftigt, ein Zug nach dem anderen, die Wende, Kopf im Wasser und über Taktik und Technik nachdenken, Einteilen der Kraft und einiges mehr. Ja, das ist schon einiges. Aber beim Wasserball kam einfach mehr dazu: Das Training, es mag blöd klingen, war viel härter. Ich kam da erst an meine Grenzen. Und dann, und das ist der Kern: Es ist ein Mannschaftssport. Die ständige Aufmerksamkeit, das schnelle Anschwimmen, das Täuschen, ja, auch das 'Bearbeiten' des Gegners. Hart ist Wasserball , ja, aber, wenn man sich die Statistiken anschaut... (z.B. eine Veröffentlichung der RUB).. da ist unter den Top 15 Wasserball nicht zu finden. Hagen Stamm habe ich auf zwei Turnieren gesehen, gegen Australien, gegen Italien, er und seine Mitspieler haben immer alles gegeben. Und das schient er als Trainer auch so zu handhaben. Vielleicht schafft es der deutsche Wasserball wieder, mit ihm in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu kommen. Verdient hat er es. Und Wasserball an sich sowieso.
retterdernation 22.07.2019
4. Widower2@ ...
was gibt es denn da zu diskutieren. Hagen Stamm war als Wasserballspieler eine Ausnahmeerscheinung. In einer Randsportart. Die nur zu den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften Aufmerksamkeit generiert. Einer der besten Center seiner Zeit. Weltweit. War die Aussage. Als Vollamateur. Wie alle deutschen Wasserballer Amateure sind. Die von den viel diskutierten Prämien der unterbezahlten Frauenfußball-Nationalmannschaft nur träumen. Sich trotzdem einem Sport hingeben - der ziemlich brutal sein kann. Es war mir damals schon ein Vergnügen - Hagen Stamm auf seiner Laufbahn begegnen zu dürfen. Das war zudem, was wir im Wasser praktizierten, wie von einem anderen Stern. Lange Jahre habe ich mich nicht mehr daran erinnert. An das stundenlange Wassertreten mit Gewichten. Und die reißerischen Attacken unterhalb des Wasserspiels.
widower+2 22.07.2019
5. Gar nichts!
Zitat von retterdernationwas gibt es denn da zu diskutieren. Hagen Stamm war als Wasserballspieler eine Ausnahmeerscheinung. In einer Randsportart. Die nur zu den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften Aufmerksamkeit generiert. Einer der besten Center seiner Zeit. Weltweit. War die Aussage. Als Vollamateur. Wie alle deutschen Wasserballer Amateure sind. Die von den viel diskutierten Prämien der unterbezahlten Frauenfußball-Nationalmannschaft nur träumen. Sich trotzdem einem Sport hingeben - der ziemlich brutal sein kann. Es war mir damals schon ein Vergnügen - Hagen Stamm auf seiner Laufbahn begegnen zu dürfen. Das war zudem, was wir im Wasser praktizierten, wie von einem anderen Stern. Lange Jahre habe ich mich nicht mehr daran erinnert. An das stundenlange Wassertreten mit Gewichten. Und die reißerischen Attacken unterhalb des Wasserspiels.
Gar nichts gibt es da zu diskutieren und ich habe den Stellenwert von Hagen Stamm für den deutsche Wasserballsport oder den Sport insgesamt nicht in Frage gestellt. Die Ausgangsfrage war doch, welche Sportart in Deutschland derartig mit einem einzigen Sportler identifiziert wird wie Wasserball mit Stamm. Daraufhin schrieb ich, dass mir da für Deutschland nichts einfallen würde (eine absolute Ehrenerklärung für Stamm meinerseits) und brachte das Beispiel Estiarte in Spanien, der da mindestens genauso für Wasserball steht wie Stamm in Deutschland. Wollten Sie mich missverstehen? Estiarte ist für den weltweiten Wasserballsport übrigens etwa das, was Pelé und Maradona zusammen für den Fußball sind.
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