EM-Nichtnominierung von Markus Rehm "Schwierig und unseriös"

Obwohl er die Norm erfüllt hat, darf der unterschenkelamputierte Weitspringer Markus Rehm nicht zur EM. Der 25-Jährige reagierte enttäuscht auf den Entschluss des Leichtathletik-Verbands. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung kritisierte den DLV.
Deutscher Weitsprung-Meister Rehm: "Schade und enttäuschend"

Deutscher Weitsprung-Meister Rehm: "Schade und enttäuschend"

Foto: ADRIAN DENNIS/ AFP

Hamburg - Paralympics-Sieger Markus Rehm hat auf die Nichtnominierung für die Leichtathletik-Europameisterschaften im August in Zürich mit Enttäuschung reagiert und rechtliche Schritte angedeutet. "Ich finde es schade und enttäuschend", sagte der 25-jährige Weitspringer.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hatte sich gegen eine Berücksichtigung des behinderten Sportlers entschieden, der bei den deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten den Titel gewann und die WM-Norm mit 8,24 Meter erfüllte. Grundlage für die DLV-Entscheidung waren biomechanische Messungen bei den nationalen Titelkämpfen. Die Analyse hatte ergeben, dass Rehm durch die Beinprothese einen Vorteil im Wettstreit mit gesunden Sportlern haben könnte.

"Wenn die Entscheidung darauf basiert, dann halte ich das für schwierig und unseriös", sagte Rehm. Er behält es sich vor, gegen die Entscheidung anzugehen. "Wenn es eine kluge Entscheidung ist, ist das keine Option. Wenn ich Zweifel an der Begründung habe, werde ich mich beraten", sagte Rehm. Ursprünglich hatte er erklärt, jede Entscheidung des DLV zu akzeptieren.

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) kritisierte Rehms Nichtnominierung. "Es ist schade, ich hätte dem DLV gewünscht, mutiger zu sein", sagte DBS-Vizepräsident Karl Quade. "Aus meiner Sicht ist die Untersuchung in Ulm keine solide Basis. Dass man daraus valide ableiten kann, Markus Rehm hätte einen Vorteil, weiß ich nicht", sagte er.

Darf Rehm seinen Meistertitel behalten?

Quade hält es nicht für sinnvoll, gegen den DLV-Beschluss vorzugehen. "Das würde ich Markus Rehm nicht empfehlen. So etwas hat er nicht nötig", sagte der DBS-Vizepräsident. "Er wird nicht von der Bildfläche verschwinden." Nun solle sich Rehm auf die Behinderten-EM der Leichtathleten vom 14. bis 24. August in Swansea konzentrieren.

Nach seiner Nichtnominierung für die EM ist auch unklar, ob Rehm seinen Titel als Deutscher Weitsprung-Meister behalten darf. Dies ist nach Angaben von DLV-Präsident Clemens Prokop eine Entscheidung des Bundesausschusses für Wettkampf-Organisation. Rehm kann nach Prokops Angaben den Rechtsausschuss des Verbandes oder ein staatliches Gericht anrufen.

Eckhard Meinberg, Sportethik-Experte der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln, hält die Entscheidung des DLV für richtig. "Für den Sport ist die Entscheidung nur zu begrüßen, weil das Fairnessprinzip im Wettkampfsport höher zu bewerten ist als das Inklusionsprinzip", sagte Meinberg.

Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel werde der Fairnessgedanke verfälscht. "Rehm hat dank technischer Hilfsmittel sein Naturleid um ein technisches Kunstprodukt ergänzt. So besteht keine Chancengleichheit", sagte Meinberg. Auch für die Zukunft des Wettkampfsports hält der renommierte Wissenschaftler eine Trennung von behinderten und nichtbehinderten Sportlern für angebracht.

Gert-Peter Brüggemann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Kölner Hochschule hat die DLV-Entscheidung dagegen scharf kritisiert. "Mit dieser Studie kann ein Vorteil nicht seriös nachgewiesen worden sein", sagte Brüggemann. "Ich finde es nicht gut, wenn solche Entscheidungen auf Spekulationen beruhen. Damit wird man behinderten Sportlern nicht gerecht."

DOSB-Chef Hörmann: "Anfang einer Entwicklung"

Der Wissenschaftler räumt einem möglichen Einspruch gegen die Nichtnominierung große Chancen ein. "Ich bin bei der aktuellen Datenlage fest davon überzeugt, dass ein Protest vor dem Internationalen Sportgerichtshof gute Aussichten hätte", sagte Brüggemann.

Für DOSB-Präsident Alfons Hörmann sind gemeinsame Wettkämpfe zwischen behinderten und nichtbehinderten Sportlern trotz Rehms EM-Aus künftig nicht ausgeschlossen. "Sowohl sein Fall als auch die generelle Frage von Inklusion im Spitzensport stehen mit der heutigen Entscheidung nicht am Ende, sondern am Anfang einer Entwicklung", sagte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, kritisierte Rehms Nichtnominierung. "Meinem Erachten nach ist die Entscheidung sehr schade. Ich finde es nicht glücklich, dass sie so gefallen ist", sagte die zwölfmalige Paralympics-Siegerin. "Ich hätte es gut gefunden, wenn der DLV ein Statement abgegeben und die Inklusion ernsthaft vorangetrieben hätte. Es wäre konsequent gewesen und eine politische Entscheidung."

Generell empfinde sie es als schwierig, dass es erst zu Problemen komme, wenn behinderte Athleten auf das Leistungsniveau der Nichtbehinderten gelangen. "Solange Menschen mit Behinderung nicht in Leistungsbereiche der Behinderten kommen, ist das kein Problem", sagte Bentele. "Wenn Markus Rehm 7,50 Meter gesprungen wäre, hätte es keinen gestört."

Der ehemalige Europameister Christian Reif hat mit tröstenden Worten auf Rehms Nichtnominierung reagiert. "An der Weitsprunggrube konnte Dich niemand schlagen und trotzdem wirst Du nicht für die EM nominiert; weil eilig - aber viel zu spät - ausgewertete Analysen zu dem Ergebnis kommen, dass Du einen Vorteil haben sollst", schrieb Reif bei Twitter. "Vorteil hin oder her. Für mich bist Du dennoch ein Gewinner, denn du hast allen gezeigt, wozu Sportler mit Behinderung fähig sind."

buc/dpa/sid