Weltmeister-Trainer Krzyzewski Ein Offizier, kein Gentleman

Die USA haben es geschafft: Zum ersten Mal seit 16 Jahren konnten die Basketballer den Weltmeistertitel gewinnen. Das ist auch ein Verdienst ihres Coaches Mike Krzyzewski, der aus einer früheren Pleite gelernt hat.

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Dieses Mal war Mike Krzyzewski vorbereitet. Der US-Coach wusste alles über die Spielweisen, Stärken, Schwächen und Eigenarten der Gegner, denn er wollte sich nicht noch einmal so blamieren wie 2006. Damals hatte das von ihm trainierte US-Team im Halbfinale der Weltmeisterschaft gegen Griechenland verloren. Auf der anschließenden Pressekonferenz kannte der Coach nicht einmal die Namen derjenigen, die seine Mannschaft nur wenige Minuten zuvor 101:95 besiegt hatten. Stattdessen nannte er nur die Nummern der griechischen Spieler.

Das passierte ihm bei der diesjährigen WM nicht. Der 63-Jährige hat aus seinen Fehlern gelernt. "Wir müssen die internationale Spielweise besser kennenlernen", sagte er 2006 zu ESPN und meinte damit, dass die Amerikaner sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen dürfen, sondern die anderen Länder ernst nehmen müssen.

Das Umdenken des Coaches war bei der WM in der Türkei deutlich sichtbar. Nach dem knappen 70:68-Erfolg über Brasilien während der Gruppenphase lobte "Coach K", wie Krzyzewski in den USA genannt wird, den Gegner: "Hätte Marcelo Huertas die kompletten 40 Minuten spielen können, hätte Brasilien vielleicht das Spiel gewonnen. In der ersten Halbzeit war er großartig." Taktisch stellte Krzyzewski das US-Team auf jeden Gegner sehr gut ein. Das Umdenken machte sich bezahlt: Die US-Basketballer holten durch den 81:64-Erfolg über die Türkei zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder den Titel. "Es gibt so viele gute Trainer und Teams, die mir helfen, ein besserer Coach zu werden. Unser Ziel war es nicht nur, die Goldmedaille zu gewinnen, sondern auch den Respekt der anderen in Bezug auf unsere Spielweise und unser Verhalten", sagte Krzyzewski.

Unbeliebt und trotzdem anerkannt

Durch den Gewinn der Weltmeisterschaft wird er wohl das Kapitel WM 2006, trotz Bronzemedaille einer seiner wenigen sportlichen Tiefpunkte, abschließen können. Höhepunkte hatte Krzyzewskis Trainerkarriere viele: Vier College-Meisterschaften (1991, 1992, 2001, 2010) hat er in seinen mittlerweile 30 Jahren als Headcoach der Duke Universität gewonnen, ebenso oft scheiterte er erst im Endspiel. Die Laufbahn des Sohnes polnischer Einwanderer beginnt an der Militärakademie in West Point. Zunächst als Spieler von 1966 bis 1969, danach dient Krzyzewski fünf Jahre als Offizier. Seine erste Stelle als College-Trainer hat er seinem Mentor Bobby Knight zu verdanken. Eine Saison arbeitet der aus Chicago stammende Krzyzewski als Knights Assistent an der Universität von Indiana, ehe er bis 1980 das Basketball-Team West Points als Headcoach übernimmt.

Danach steigt "Coach K" in seinen 30 Jahren bei Duke zu einer Trainerikone auf, verkauft Lehrbücher und DVDs, ist unter anderem Werbeträger für einen Finanzdienstleister und wurde 2001 in die "Hall of Fame" aufgenommen. Auf die akademische Ausbildung seiner Schützlinge legt er viel Wert, denn Basketball "ist nicht alles im Leben", wie er selbst sagt. Das ist nicht unbedingt üblich für einen College-Coach. Rund 90 Prozent seiner Spieler machen den Universitätsabschluss, der Landesdurchschnitt liegt bei gerade einmal 64 Prozent.

Trotz lukrativer Angebote geht Krzyzewski nicht in die NBA

Die Erfolge und auch Krzyzewskis überhebliche Art - so tadelte er beispielsweise Barack Obama für dessen Meisterschaftstipp, weil dieser nicht Duke nannte - führten dazu, dass der Coach außerhalb Dukes hochgradig unbeliebt ist. Doch bei aller Kritik: Seine Fähigkeiten als Trainer genießen landesweite Anerkennung. Die Nationalmannschaft betreut er seit 2005 wieder, bereits 1987 und 1990 war Krzyzewski dort Chef- sowie 1979, 1984 und 1992 Assistenztrainer. Größte Erfolge sind die Goldmedaillen-Gewinne bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 und Peking 2008.

Anfragen aus der Profiliga NBA schlägt Krzyzewski regelmäßig aus. Zu den Gründen äußert er sich kaum. Sein Herz hänge nun eben sehr an Duke, sagt der 63-Jährige. An wenig lukrativen Verträgen scheint es jedenfalls nicht zu liegen. 2004 boten ihm die Los Angeles Lakers angeblich 40 Millionen US-Dollar für fünf Jahre, und in diesem April waren die New Jersey Nets bereit, "Coach K" zum bestbezahlten NBA-Trainer zu machen. In Los Angeles und New Jersey hätte er deutlich mehr als die rund vier Millionen US-Dollar bezogen, die er von Duke erhält.

"Meine Familie und ich sind in vielerlei Hinsicht Teil dieser Universität. Hier ist der perfekte Ort für mich, um zu trainieren, zu lehren und zu lernen", sagt Krzyzewski. "Das ist unbezahlbar, so verlockend die Angebote auch sein mögen." Vielleicht ist es aber auch das Wissen darum, dass er gestandene Profis nicht so formen kann wie junge Studenten.

Dabei akzeptierten ihn selbst die Stars der Auswahl für Peking bedingungslos, denn sie wissen um Krzyzewskis Kompetenz. 2004 versuchte Kobe Bryant höchstpersönlich, ihn zu überzeugen, das Angebot der Lakers anzunehmen. Einige US-Sportjournalisten glauben, dass gerade die Ferne zur NBA seiner Autorität ungemein helfe. Welche Gründe es letztendlich sind, bei Duke zu bleiben, die Nationalmannschaft ist für den 63-Jährigen eine Herzensangelegenheit und große Ehre.

Der Weltmeistertitel war dabei der einzige, der ihm noch fehlte. Obwohl das Team USA mit Krzyzewski als Hauptverantwortlichem insgesamt nur sieben von 84 Partien verloren hat, reichte es 1990 und 2006 nur zu Bronzemedaillen. Dieses Jahr folgte nun endlich der WM-Titel. "Ich habe selten jemanden gesehen, der so an etwas hing. Er schlief damit, er träumte davon", sagte US-Basketball-Direktor Jerry Colangelo zu ESPN. Im Gegensatz zum starbesetzten Olympiateam kam es bei der jungen Mannschaft in der Türkei wesentlich mehr auf den Mann an der Seitenlinie an. Und der war bestens vorbereitet.



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