Ironman-Siegerin Anne Haug Spätes Glück

Erst mit 35 Jahren wechselte Anne Haug auf die Ironman-Distanz. In ihrem vierten Rennen wurde sie die erste deutsche Siegerin auf Hawaii. Ihr Trainer freute sich über einen persönlichen Doppelerfolg.

Anne Haug: "Ich war sehr überrascht, dass ich da wirklich ganz vorne mit dabei war"
DARRYL OUMI/EPA-EFE/REX

Anne Haug: "Ich war sehr überrascht, dass ich da wirklich ganz vorne mit dabei war"

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Manche Menschen laufen einen Marathon in einer andauernden Qual. Anne Haug lief ihn nach eigener Aussage "in Trance". Da lagen beim Ironman auf Hawaii schon 3,8 Kilometer Schwimmen und 180 Kilometer auf dem Rad hinter ihr. Siebeneinhalb Stunden war Haug unterwegs, dann überholte sie auf der Marathonstrecke Lucy Charles-Barclay. Nur eines kurzen Blickes würdigte sie ihre Konkurrentin, ehe sie die Führung übernahm. Sie sollte sie bis zum Schluss nicht mehr abgeben.

Im Ziel klatschte Haug mit den Fans links und rechts entlang der Strecke ab, mit der zugesteckten Deutschlandfahne wusste sie aber so recht nichts anzufangen, bis sie ungläubig ihr Gesicht darin verstecken konnte. Haug ist die erste deutsche Siegerin auf Hawaii, in 8:40:10 Stunden war sie die drittschnellste Frau in der Geschichte dieses Wettkampfs.

Angesichts dieser herausragenden Leistung und ihres Alters von 36 Jahren scheint es fast bizarr, dass Haug eigentlich noch eine Newcomerin in der Langstreckenszene ist. Nahezu ihre gesamte Karriere ging Haug in der kürzeren olympischen Triathlondistanz an den Start, also 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und zehn Kilometer Laufen. Erst 2017 wechselte sie auf die Mittel-, 2018 auf die Ironman-Distanz.

Schwäche beim Schwimmen überwunden

Ihre große Schwäche in der Dreifaltigkeit der Disziplinen war stets das Schwimmen. Als Haug 2011 mit erst 27 Jahren Profi wurde, zog sie eigens nach Australien, um in Canberra mit der Trainergröße Darren Smith an ihrer Technik zu arbeiten. Haug verbesserte sich, doch in die Weltspitze drang sie trotzdem nicht dauerhaft vor. Deswegen wechselte sie schließlich auf die Langstrecke, auf der sie ihre Schwimmschwäche auf dem Rad und im Marathon einfacher wieder wettmachen kann.

Dabei wurde sie auch von ihrem langjährigen Trainer Dan Lorang unterstützt. Als Trainer zwei Athleten zum Sieg auf Hawaii zu führen, das hat es vorher noch nicht gegeben. Lorang und Haug kennen sich noch von ihrer gemeinsamen Studienzeit der Sportwissenschaften in München. Auch der deutsche Ironmanstar Jan Frodeno wird von Lorang trainiert. Der deutsche Doppelerfolg in diesem Jahr ist also auch ein Sieg des Trainers. "Ich bin ein bisschen sprachlos. Ich habe früher schon davon geträumt und habe damals Gänsehaut bekommen. Dass das aber wirklich passiert, damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin überwältigt", sagte Lorang dem ZDF.

Von sich selbst überrascht

2018 hatte er Haug bereits zum dritten Platz auf Hawaii begleitet, im August dieses Jahres zum deutschen Rekord über die Ironmandistanz. Dass Haug nun den größten Erfolg ihrer Karriere feierte, lag auch an einer starken Schwimmleistung. Nach 54:09 Minuten kam sie nur fünf Minuten nach den Spitzenschwimmerinnen aus dem Wasser. "Ich war sehr überrascht, dass ich da wirklich ganz vorne mit dabei war", sagte Haug dem Magazin "Triathlon": "Du kannst das Rennen aktiv mitgestalten. Du hast ganz andere taktische Optionen und musst nicht erst von hinten nach vorne hecheln."

Diese Optionen nutzte Haug aus. Auf dem Rad hielt sich die Bayreutherin in der Spitzengruppe, nach 4:50:18 Stunden für die zweite Disziplin wechselte sie als dritte Athletin auf die Laufstrecke. Hier konnte sie ihre große Stärke ausspielen. Erst überholte sie Daniela Bleymehl, anschließend die Führende Charles-Barkley. "Jemanden zu überholen, heißt noch gar nichts", meinte Haug nach dem Rennen. Der berühmte "Mann mit dem Hammer" könne auch noch wenige Kilometer vor dem Ziel zuschlagen.

Haug traf der Hammer aber nicht. In 2:51:07 Stunden lief sie die zweitschnellste Marathonzeit der Frauen in der Geschichte des Ironman auf Hawaii.

Anne Haug (M) feierte mit ihren Konkurrentinnen Lucy Charles Barclay (l.) und Sarah Crowley (r.)
Marco Garcia/AP/dpa

Anne Haug (M) feierte mit ihren Konkurrentinnen Lucy Charles Barclay (l.) und Sarah Crowley (r.)

Ganz anders ging es der Schweizerin Daniela Ryf. Nachdem sie seit 2015 viermal in Serie den Ironman gewonnen hatte, wurde sie diesmal nach einer schwachen Leistung auf dem Rad nur Dreizehnte. Schwer zu sagen, ob Haug auch eine Ryf in der Form der vergangenen Jahre geschlagen hätte. Bescheiden erklärte Haug, auch "viel Glück" habe ihr zum Titel verholfen.

Dass sich ihr Leben nun grundlegend verändern, sie vielleicht so prominent wie Kollege Frodeno werden könnte, hofft Haug nicht. Die neue Aufmerksamkeit in Deutschland ist ihr noch nicht geheuer. "Ich hoffe, Frodo fängt das alles für mich ab", sagte sie: "Ich hoffe, es ändert sich nicht allzu viel. Ich liebe mein Leben, so wie es ist." Nun eben als Ironman-Siegerin.

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webstar2568 13.10.2019
1. Beeindruckend
Egal, welche Zeit die Sportler dort erreicht haben: Gratulation an alle, die dort ins Ziel gekommen sind!
mussich 13.10.2019
2. unglaublich beeindruckend
Diese Frau ist der Hammer und das Siegerfoto eine reine Freude. Glückwunsch Anne Haug.
hugahuga 13.10.2019
3.
Da lohnt es wenigstens die Nacht über wach zu bleiben. Mein Resprekt gilt allen Ankommern!
Aberlour A ' Bunadh 13.10.2019
4. Es hat Spaß gemacht ihr zuzuschauen
Der Laufstil ist wirklich eine Augenweide. Mit der Marathonzeit von 02:51:07, die sie da in den Asphalt gefedert hat, hätte sie auch mit den besten Männern mithalten können. Zum Vergleich: Sebastian Kienle 2:49:57 Stunden.
frankenbarbie 13.10.2019
5. Glückwunsch!
Toll dass eine Frau aus Franken es gepackt hat. Allerherzlichste Glückwünsche!
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