Grand Prix in Hamburg Wie Schach auch ohne Magnus Carlsen spannend werden soll

Schach hat einen aktiven Weltstar: Magnus Carlsen. Doch wenn der Weltmeister nicht mitspielt, schauen weniger Menschen hin. Um das zu ändern, will der Weltverband mit der Fifa kooperieren.

Spielte zuletzt bei der Fischer-Random-WM: Magnus Carlsen
NTB Scanpix/Berit Roald via REUTERS

Spielte zuletzt bei der Fischer-Random-WM: Magnus Carlsen

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Grauer Hoodie und Sportschuhe - so saß Magnus Carlsen vergangenen Sonntag am Brett. Der Schachweltmeister spielte weder ein internationales Turnier, noch traf er auf einen Gegner aus der Weltspitze. Carlsen spielte in Oslo für den von ihm gegründeten Klub Offerspill gegen einen deutlich unterlegenen Gegner. Man kann das getrost eine kleine Auszeit nennen, die sich Carlsen zwischen der WM im Fischer-Random-Schach und seinem nächsten Turnier nimmt - zu erkennen an der legeren Kleidung.

Strikter sieht der Dresscode dieser Tage in Hamburg aus, wo das dritte von vier Grand-Prix-Turnieren des Schachweltverbandes Fide läuft. Dort tragen die Spieler am Brett Sakko. Die Grand-Prix-Serie zählt zu den wichtigsten Veranstaltungen im Schachkalender, nach der vierten Runde qualifizieren sich die beiden besten Spieler der Serie für das Kandidatenturnier 2020. In Jekaterinburg gehören sie zu den acht Spielern, die den nächsten Herausforderer von Weltmeister Carlsen ermitteln. Obwohl hier Weltklasse-Schach gespielt wird, schaut kaum einer zu. Denn Carlsen ist nicht dabei.

Er ist der berühmteste aktive Spieler, sein Name sorgt für Aufmerksamkeit. Der Ruf des Weltmeisters geht über die Schachszene hinaus. Menschen, die sich kaum für Schach interessieren, kennen Carlsen - aber selten andere Spieler.

"Es gibt zwei Arten von Turnieren: Turniere, bei denen Carlsen mitspielt und Turniere ohne Carlsen", sagt Ilya Merenzon, der Chef von Grand-Prix-Organisator World Chess, dem SPIEGEL. Heißt: Für den Grand Prix ohne Carlsen ist die Aufmerksamkeit nicht groß.

Mit der Frage, wie sich der WM-Zyklus ohne Carlsen auch für neue Fans attraktiver gestalten lässt, beschäftigen sich der Schach-Weltverband Fide und Turnier-Organisator World Chess seit Jahren. Die große Lösung haben sie noch nicht gefunden. Merenzon bezeichnet Schach als "Milliarden-Dollar-Startup", aus den Startlöchern hat es der Sport nach dieser Ansicht aber noch nicht geschafft. Die Organisation des Kandidatenturniers und der WM hat der Weltverband World Chess bereits entzogen, die Grands Prix darf Merenzons Team aber noch ausrichten.

World-Chess-Präsident Ilya Merenzon (l.) und Fide-Präsident Arkady Dvorkovich (r.).
Valeria Gordienko/ World Chess

World-Chess-Präsident Ilya Merenzon (l.) und Fide-Präsident Arkady Dvorkovich (r.).

Um die Turniere bis zur Weltmeisterschaft interessanter zu gestalten, hat die Fide den WM-Zyklus geändert. Zusätzlich zu den Grands Prix können sich die Spieler bei zwei weiteren Veranstaltungen für das Kandidatenturnier qualifizieren.

Die vier Turniere des Grand Prix, vormals im Ligasystem ausgetragen, finden seit diesem Jahr im K.o.-Modus statt. Hochwertiges Schach spielen Großmeister wie der Russe Alexander Grischuk oder der Franzose Maxime Vachier-Lagrave sowieso. Das neue System soll aber dafür sorgen, dass Partien seltener Remis enden, die Spieler sollen mehr Risiko eingehen.

Der Fide-Präsident und die Fifa

Doch nicht alle Turniere des WM-Zyklus sollen in Zukunft im K.o.-Modus gespielt werden. Der Weltverband will die richtige Mischung aus Turnierformaten finden, sagt Fide-Präsident Arkady Dvorkovich, der seit etwa einem Jahr im Amt ist. Er will Schach prominenter in die Öffentlichkeit tragen, auch mithilfe des Fußball-Weltverbands Fifa.

Dvorkovich war Leiter der Organisation der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland, durch den Job hat er ein Netzwerk an Kontakten. Fifa-Präsident Gianni Infantino soll einer der ersten gewesen sein, die ihm zur Wahl als Fide-Chef gratulierten. Schach- und Fußball-Weltverband befänden sich seit ein paar Monaten in Gesprächen über eine Kooperation, sagt Dvorkovich dem SPIEGEL.

Diese soll in drei Bereichen stattfinden:

  • Schach soll in Fußballschulen gefördert werden
  • Die Fide will im Bereich Management von der Fifa lernen
  • Fußballstars sollen Schachturniere besuchen und promoten

Davon verspricht sich Dvorkovich mehr Sichtbarkeit seines Sports. Gern redet er - wie Merenzon - von den Möglichkeiten, die die Vermarktung bieten könnte. 50 Millionen Menschen würden sich täglich online mit Schach beschäftigen, sagt der Fide-Präsident. Das soll offenbar die Zielgruppe sein.

Der Livestream des ersten Tags des Grand Prix auf Youtube hat bis heute etwa 20.000 Aufrufe. Der Account von Magnus Carlsen auf der Videoplattform hat rund 233.000 Abonnenten.

Von den Zielen, die er in seiner vierjährigen Amtszeit erreichen will, habe er 30 Prozent erreicht, sagt Dvorkovich. Es liegt noch viel Arbeit vor ihm.



insgesamt 7 Beiträge
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phthalo 09.11.2019
1. ....
Schach ist doch v.a. dann spannend für jemanden, der die Schachzüge in ähnlicher Weise nachvollziehen kann. Und ich behaupte mal, dass dies bei Großmeistern nur die allerwenigsten können. Und daher muss man für so eine Minderheit wohl kaum ein großes Fass aufmachen um diese Minderheit zufrieden zu stellen.
mueller1 09.11.2019
2. Schach ist sicherlich am spannendsten,
wenn es selbst spielt. Aber man muss nicht auf Großmeisterniveau spielen, um geniale Züge nachvollziehen zu können. Das wäre ja so, als ob man Musik nur nach mehreren Semestern Harmonielehre genießen könnte.
godfader 09.11.2019
3. Es dauert Jahre
bis man als Normalsterblicher mal eine WM Partie von 1910 oder 1920 'verstehen' kann. Von modernen Matches ganz zu schweigen.
search_for_truth 09.11.2019
4. Heutzutage...
läuft doch bei jeder Schachpartie von Großmeistern (im Internet) eine Schachengine mit, anhand der auch der Schachamateur unmittelbar erkennen kann, ob der jeweilige Großmeister einen sehr guten oder einen schwachen Zug gemacht hat.
phoenix! 09.11.2019
5. Nicht gerade preiswert, aber lohnend
Im Zuschauerraum sitzen, die Atmospäre erleben, ohne Engine versuchen, selbst die Züge zu finden, das bringt den interessierten Schachspieler voran. Wer dagegen Zuhause vor dem Computer sitzt, verbessert seine Spielstärke nur wenig.
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