Wimbledon-Halbfinalistin Strycova Die Netzstürmerin

Boris Becker kritisiert die Eintönigkeit im Tennis, John McEnroe vermisst das "alte" Wimbledon. Die Hoffnung heißt Barbora Strycova. Mit ihrem offensiven Spielstil will die Tschechin nun Serena Williams ärgern.

Adrian Dennis/AFP

Aus Wimbledon berichtet


Boris Becker ist in Wimbledon allgegenwärtig. Als Ansprechpartner für ehemalige Schützlinge wie Novak Djokovic, aber auch als TV-Experte, und wenn man ihm in dieser Rolle so zuhört, dann wirkt der 51-Jährige etwas enttäuscht. Die Profis meiden Angriffe auf seinem geliebten Rasen, meiden das aggressive Becker-Spiel, weil der Belag mittlerweile langsamer ist und die Bälle insbesondere in der Endphase des Turniers höher abspringen als noch vor Jahren. Serve-and-Volley, der direkte Angriff nach einem Aufschlag, ist schon länger kein spielentscheidendes Mittel mehr.

Im Halbfinale der Frauen dürfte Becker, dreimaliger London-Champion, dagegen auf seine Kosten kommen. Der Tschechin Barbora Strycova liegt das Spiel auf Rasen. Im Gegensatz zu ihren Konkurrentinnen stürmt sie mit Vorliebe ans Netz, weil ihre Stärken dort eher zur Geltung kommen. Und die wird sie im Halbfinale gegen Serena Williams am Donnerstag gebrauchen.

55-mal am Netz - in nur zwei Sätzen

Strycova verfügt über viel Ballgefühl, ihre Volleys sind mit Bedacht gespielt. Auch im Doppel, wo sie ihre bisher größten Erfolge feierte, steht sie an der Seite der Taiwanerin Hsieh Su-Wei im Halbfinale. Acht Turniersiege im Einzel stehen 43 Titeln im Doppel gegenüber. Daher stammt vermutlich ihre Affinität für Netzangriffe. Im Doppel agieren die Spieler allein schon wegen ihrer Grundpositionen weiter vorn. So tauchte Strycova beim deutlichen Zweisatzsieg gegen die Deutsche Laura Siegemund 55-mal am Netz auf. Zum Vergleich: Ihre Halbfinalgegnerin, Serena Williams, traute sich in drei engen Sätzen gegen Alison Riske nur 14-mal vor.

Die Veränderungen des Spiels haben neben der Beschaffenheit der Plätze noch weitere Gründe. Immer weniger Profis zählen den Aufschlag in ihrem Repertoire zum wichtigsten Schlag, die Volleys werden vernachlässigt, stattdessen wird der Fokus im Training schon früh auf einen guten Return gelegt. Dieser ist in Wimbledon ebenfalls von großer Bedeutung. Roy Emerson, zwölffacher Grand-Slam-Sieger aus Australien, hatte kürzlich die mangelnde Ausbildung von Tennistalenten beklagt. Deshalb, so der 82-Jährige, leide auch "die Schönheit des Spiels".

Während früher fast ausschließlich starke Aufschläger in Wimbledon dominierten, bestimmen heute die Returnspieler das Geschehen. Im vergangenen Jahr triumphierten mit Angelique Kerber und Novak Djokovic zwei Profis, die sich weder über den Aufschlag noch über ein solides Volleyspiel definieren. Strycova könnte daran in diesem Jahr etwas ändern.

Mit 33 Jahren erstmals in einem Einzel-Halbfinale eines Grand Slams: Barbora Strycova.
Victoria Jones/DPA

Mit 33 Jahren erstmals in einem Einzel-Halbfinale eines Grand Slams: Barbora Strycova.

Gegen Konta und Bertens keinen Satz abgegeben

Die 33-Jährige, die erstmals im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers steht, hat in den Runden zuvor namhafte Spielerinnen bezwungen. Gegen die britische Tennishoffnung Johanna Konta und die Mitfavoritin Kiki Bertens gab sie dabei keinen Satz ab. Nun wartet mit Serena Williams eine noch größere Herausforderung auf Strycova.

Die US-Amerikanerin hatte im Vorfeld des Turniers mit großen Problemen zu kämpfen. Zuletzt war sie in Paris bereits in der dritten Runde gescheitert. Doch auf dem Weg zu ihrem 24. Grand-Slam-Sieg scheint sich die 37-Jährige rechtzeitig auf ihre Stärken zu besinnen. Vor allem ihr Aufschlag dürfte über den Ausgang der Partie entscheiden. Gelingt es Strycova, diesen zu entschärfen, könnte sie Williams mit ihrem mutigen Spiel gefährlich werden.

Es ist bereits das vierte Duell der beiden bei einem Grand-Slam-Turnier. Nicht eines davon konnte die Tschechin für sich entscheiden. Mit einem Erfolg würde Strycova wohl auch Boris Becker und seinen einstigen Rivalen John McEnroe glücklich machen. Dieser hatte unlängst gesagt, dass "Wimbledon nicht mehr Wimbledon" sei. Mit ihrem Spiel möchte Strycova das zumindest kurzzeitig ändern.

insgesamt 3 Beiträge
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hansen555 11.07.2019
1. Wimbledon früher
Gut zu erkennen, wie sich das Tennis in Wimbledon heute zum Wimbledon der 80er und 90er Jahre verändert hat, ist es an der Abnutzung des Rasens. Früher, als fast alle Topspieler bei den Herren und einige wenige bei den Damen, Serve and Volley gespielt haben, war die Fläche rund um die T-Linie fast genauso abgenutzt wie die an der Grundlinie. Heute sieht die T-Linie wie neu aus, dafür die die Stelle, wo aufgeschlagen wird, ziemlich hinüber.
ulisses 11.07.2019
2. Rasentennis
Rasentennis hat immer noch diesen nicht zu vernachlässigen Teil von Improvisation. Viele Bälle verspringen, ein Slice kommt kaum noch hoch. Die Taktik war bis zum Jahr 2000, 2005, den Ball möglichst nicht aufspringen zu lassen. Alle rannten nach dem Aufschlag ans Netz. Bis 1985-90 sah das noch einigermaßen spannend und ästhetisch aus. Aber mit den modernen Carbonrackets ließen sich dann so schnelle Aufschläge erzielen, dass aus gepflegtem Serve n Volley ein BummBumm Tennis mit unzähligen Assen wurde. Das war langweilig anzusehen. Ich persönlich mag Tennis auf allen anderen Belägen lieber.
Silversurfer2000 11.07.2019
3. Hartplatztennis mit schlechtem Belag...
... das ist aus Wimbledon geworden. Das Gras stumpfer und langsamer, alles Grundlinienduelle wie auf Hartplätzen, nur dass hin und wieder der Ball verspringt. Sehr schade! Vielleicht geht es nicht anders mehr, nachdem die Schläger so schnell und leicht geworden sind, dass die Netzspieler mit einem Schlag aus dem Handgelenk vom verteidigenden Spieler passiert werden können. Aber das Zuschauen ist schon extrem langweilig geworden.
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