Federer-Gala in Wimbledon Roger bis zur Rente

100. Sieg in Wimbledon, 352. Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier: Roger Federer stellt auch mit 37 Jahren noch Bestmarken auf. Im Halbfinale trifft er nun auf Rafael Nadal - um eine alte Rechnung zu begleichen.

Roger Federer ist auch mit 37 Jahren noch in Form
Adrian Dennis / AFP

Roger Federer ist auch mit 37 Jahren noch in Form

Aus London berichtet


Kei Nishikori konnte einem leidtun. Immer wieder trottete der Japaner mit gesenktem Kopf in Richtung Grundlinie. Seine Körpersprache ließ nur erahnen, was in ihm vorging. Der 29-Jährige stürmte mit zunehmender Spieldauer immer häufiger ans Netz, eigentlich untypisch für den Weltranglistensiebten, dessen Stärken eher in der Defensive liegen. Doch hatte er eine andere Wahl?

Auf der anderen Seite stand Roger Federer. Ein 20-facher Grand-Slam-Sieger in Bestform. Wie gut diese tatsächlich ist, demonstrierte der Schweizer im vierten und letzten Satz beim Stand von 2:2. Nishikori ließ den bald 38-Jährigen laufen, hetzte ihn erst ins linke, und schließlich mit einem tiefen Slice ins rechte Eck. Doch Federer fand auch in diesem Moment einen Ausweg: Ein Alles-oder-Nichts-Schlag, der mit beinahe 150 Stundenkilometern an Nishikori vorbeischoss, ließ den ausverkauften Center Court im Kollektiv aufspringen. Ein Moment, der vielen Zuschauern noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Am Ende der Viertelfinal-Begegnung hieß es 4:6, 6:1, 6:4, 6:4 aus Sicht des Schweizers.

Wieder einmal hat Federer gezeigt, wie außergewöhnlich sein Spiel auf Rasen noch immer sein kann. Seine Dominanz lässt sich mittlerweile auch immer besser in Zahlen ausdrücken:

  • Der Sieg gegen Nishikori war der insgesamt 100. in Wimbledon. Damit ist er der erste männliche Profi überhaupt, der bei einem einzigen Grand-Slam-Turnier einen dreistelligen Erfolgswert vorweisen kann.
  • Mit 186 Siegen auf Rasen ist er nun auch offiziell der erfolgreichste Akteur auf dem grünen Untergrund - vor Jimmy Connors.
  • Seine 19 Turniersiege auf Rasen sind unerreicht.
  • Federer steht zum nunmehr 45. Mal in einem Major-Halbfinale, zum 13. Mal in Wimbledon.
  • mit 352 Erfolgen bei einem der vier großen Turnieren liegt er im Ranking deutlich vor Novak Djokovic (274) und Rafael Nadal (264).

Federer begeistert mit druckvollen Schlägen

"Es ist sehr speziell. Ich komme nun schon so viele Jahr hier her. Wer hätte damals gedacht, dass ich eines Tages diese Marke erreichen kann", sagte Federer kurz nach dem Spiel zum Jubiläumssieg. Dabei hatte es zunächst nicht danach ausgesehen. Sein Erfolg gegen den Japaner geriet im ersten Satz in Gefahr. Dort deutete Nishikori an, warum er in Asien zu den populärsten und weltweit zu den bestbezahlten Sportlern zählt. Vor allem seine gefürchteten Returns bereiteten Federer Probleme, so ging der erste Satz verdient mit 6:4 an Nishikori.

Doch lediglich 23 Minuten später glich Federer nach Sätzen aus und begeisterte mit druckvollen Schlägen, denen Nishikori nichts mehr entgegenzusetzen hatte. "Ich fühle mich aktuell sehr gut auf dem Platz. Ob ich hinten liege oder nicht - ich bleibe ruhig. Ich serviere und treffe den Ball momentan sehr gut, darüber bin ich glücklich", sagte Federer, der am Ende 32 Punkte mehr machte als sein Gegner.

Ewiges Duell im Halbfinale - Revanche für Paris?

Wie groß die Überlegenheit des vierfachen Familienvaters tatsächlich war, verdeutlichen die Spielstatistiken. Federer servierte viermal so viele Asse wie sein Gegner (12/3), gleichzeitig verwertete er 81 Prozent der Punkte, wenn sein erster Aufschlag kam. Nishikori kommt auf schwache 57 Prozent. Auch die Netzangriffe waren klarer durchdacht: Bei 31 Versuchen glückte 25-mal der Punkt, Nishikori hingegen rannte 39-mal ins Netz, nur 22-mal ging der Punkt an ihn.

Kei Nishikori mühte sich, war aber gegen den stark spielenden Federer machtlos
Mike Hewitt / Getty Images

Kei Nishikori mühte sich, war aber gegen den stark spielenden Federer machtlos

Am Freitag kommt es auf dem größten Platz der Anlage nun zum ewigen Klassiker: Nadal und Federer treffen zum insgesamt 40. Mal aufeinander. Fünf der vergangenen sechs Partien konnte Federer für sich entscheiden - das bislang letzte Duell im Halbfinale von Paris vor einem Monat ging allerdings klar an den Spanier. Dies, so Federer, spiele am Freitag aber keine Rolle. Schließlich sei es an dem Tag sehr windig gewesen, zudem habe man dort auf einem völlig anderen Belag gespielt.

Beim Klassiker gegen den Sandplatzspezialisten kann sich Federer in jedem Fall auf die Unterstützung des Publikums verlassen. Diese ist in Wimbledon noch größer als anderswo. Auch gegen Nishikori waren immer wieder laute "Roger, Roger"-Rufe von den Rängen zu vernehmen. Gegen Nadal, der ihn in London zuletzt vor 4021 Tagen im Finale bezwungen und damit Federers historische Bestmarke von sechs Triumphen in Folge verhindert hatte, dürften sie noch einmal lauter ausfallen. Wer weiß, wie oft die Fans in Wimbledon noch die Gelegenheit dazu bekommen.



insgesamt 11 Beiträge
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kopi4 11.07.2019
1. Simply the best
Es wäre wunderbar wenn er seinen neunten Wimbledonsieg holt.Nadal wird im Halbfinale schon eine hohe Hürde. Im möglichen Finale dürfte dann Djokovic der Gegner sein, der Serbe ist quasi die Nemesis Federers was Endspiele bei Grand Slams angeht.Schade auch das das Publikum im Tennis kein Faktor ist, dann hätte Federer, egal wo auf der Welt, immer ein Heimspiel. Bei seinen Spielen weiß man, auch wenn der Fernseher im Nebenraum steht, immer wer gerade den Punkt gemacht hat: höflicher Applaus heißt Punkt für den Gegner, frenetischer Jubel bedeutet immer Punkt Federer.
kloppskalli 11.07.2019
2. Finale Nadal / Djokovic
Roger sollte gegen Kei Nishikori normalerweise keinen Satz abgeben! Nix gegen Kei Nishikori, aber der Bursche ist nicht annaehernd die selbe Liga wie Nadal, d.h. gegen Nadal wird das fuer Federer so nix und wir sehen ein Finale Nadal / Djokovic.
haraldinio 11.07.2019
3. Roger Federer ist ein Vorbild
Er ist für mich einfach der beste Tennisspieler aller Zeiten .Wie er sich auf und neben und auf dem Platz präsentiert ist einfach vorbildlich einfach auch ein fairer Sportsmann der dafür aber auch hart und clever gearbeitet hat!! Ein großes Vorbild für die Jugend in allen Bereichen! Hoffentlich bleibst Du uns noch lange auf dem Tennisplatz erhalten ,Danke!
K. Larname 11.07.2019
4.
Zwei lebende Legenden treffen erneut aufeinander. Wie schade, dass - ähnlich wie in anderen populären Sportarten - der Kommerz regiert und der Sport nur im PayTV live gezeigt wird. Auch dafür werde ich kein PayTV abonnieren. Ich drücke Federer den linken Daumen und Nadal den rechten.
schwampf 11.07.2019
5. Unheimlich
So langsam wird die Dominanz der alten Herren dann doch etwas unheimlich... Warum waren Sampras, Becker, Lendl usw. mit 30 am Ende der Karriere, Borg und McEnroe gar mit 25? Und heute gibt es keinen aktiven Grand Slam Sieger unter 30 mehr... Ich würde gerne glauben, dass alles mit rechten Dingen zugeht, ich mag auch Roger Federer. Aber fragen muss man sich schon, warum jemand mit fast 38 Jahren noch die körperlichen Voraussetzungen hat, sein bestes Tennis auf den Platz zu bringen. Und es ist schwer, dabei nicht an die Pharmaindustrie zu denken....
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