Wimbledon-Finalist Djokovic Der ungeliebte Champion

Titelverteidiger Novak Djokovic steht erneut im Finale von Wimbledon. Dort wird die Gunst des Publikums seinem Rivalen Roger Federer gehören. Warum sind die Sympathien so klar verteilt?

Novak Djokovic: "Der Bösewicht, der nichts falsch gemacht hat"
Carl Recine / REUTERS

Novak Djokovic: "Der Bösewicht, der nichts falsch gemacht hat"

Aus London berichtet


Novak Djokovic musste nur kurz um seinen erneuten Einzug ins Wimbledon-Endspiel bangen. Im zweiten Satz des Halbfinals übernahm Roberto Bautista Agut die Kontrolle. Als der Spanier seinen ersten Satzball verwandelte, hatte er allerdings Glück: Sein Ball tropfte von der Netzkante unerreichbar in Djokovics Hälfte. Ein Jubelsturm fegte über den Center Court - und der Favorit reagierte merklich gekränkt: Ironisch animierte Djokovic die Zuschauer, weiter zu applaudieren.

Im Anschluss an einen Netzroller hält sich das Tennispublikum in aller Regel zurück. Doch in diesem Fall sprang es vor Freude auf. Wären Roger Federer und Rafael Nadal in Djokovics Position gewesen, wäre die Reaktion vermutlich verhaltener ausgefallen. Noch immer fällt es dem Serben schwer, die Herzen des Publikums zu erobern. Daran konnten auch vier Titel in Wimbledon nichts ändern.

Seit Jahren gilt es als offenes Geheimnis, dass der Weltranglistenerste unter der mangelnden Wertschätzung leidet. Vor allem darunter, dass es seinen beiden größten Widersachern, Federer und Nadal, deutlich einfacher gelingt, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Das bestätigte nun auch Boris Becker.

"Die Leute sehen nicht den großen Erfolg"

In einem Interview am Rande des Rasenklassikers in London sagte der ehemalige Trainer des Serben, dass es eine Zeit gegeben habe, in der ihn das "sehr gestört" habe. Bereits im Juni hatte Becker dem Portal "Tennis World" gesagt: "Die Leute sehen nicht den großen Erfolg, den er hat. Sie stellen sich nur die Frage: 'Kann er den Grand-Slam-Rekord von Federer brechen?'"

Fakt ist: Djokovic hat - wie auch Nadal und Federer - auf der ganzen Welt Millionen Fans. Allein auf Twitter und Instagram folgen ihm rund 14 Millionen Menschen. Das sind zwar weniger als bei Federer (19 Millionen) und bei Nadal (23 Millionen). Seine Popularität ist dennoch weltweit hoch. "Er ist der Bösewicht, der nichts falsch gemacht hat", befand der siebenfache Grand-Slam-Champion John McEnroe während der US Open 2015. Dabei könnte es Gründe für seinen schweren Stand geben.

2008 lieferte er sich bei den US Open mit Andy Roddick in dessen Heimat eine verbale Auseinandersetzung. Der ehemalige Champion hatte dem Serben vorgeworfen, sich während eines Spiels zu oft behandeln zu lassen. Djokovic konterte in der Partie darauf und wurde von den Zuschauern ausgepfiffen. Gerüchten zufolge soll es in der Kabine zwischen den beiden fast zu einer Schlägerei gekommen sein.

Djokovic zuletzt in der Kritik

Im Laufe seiner Karriere machte sich Djokovic immer wieder einen Spaß daraus, Konkurrenten und Konkurrentinnen zu imitieren. Die Videos, die sich auf allen Kanälen schnell verbreiteten, kamen nicht überall gut an. Zuletzt stand er in der Kritik, weil er auf einer Pressekonferenz behauptete, mit dem umstrittenen und wegen Körperverletzung verurteilten ATP-Funktionär Justin Gimelstob ein "freundschaftliches Verhältnis" zu pflegen.

Djokovic verbringe 80 Prozent seiner Zeit damit, seine "Gegner zu zerstören", so McEnroe. Den Rest der Zeit versuche er, die Liebe des Publikums zu gewinnen. Das dürfte auch im Finale gegen Federer schwer werden (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV Sky).

"Es wird nicht das erste Mal sein, dass ich gegen Federer oder Nadal auf dem Centre Court spiele. Ich habe diese Erfahrung mehr als einmal gemacht. Ich weiß, was mich erwartet", sagte Djokovic nach seinem Halbfinalsieg.

Der ehemalige Schweizer Tennis-Profi Claudio Mezzadri hat kürzlich in einem Interview mit der Zeitung "Blick" gesagt: "Wenn das Publikum Liebling Federer unterstützt, reagiert Djokovic mit genervten Gesten. Obwohl er die Liebe der Fans sucht, verscherzt er es sich ständig", so die ehemalige Nummer 26 der Welt.

Deshalb, so Mezzadri weiter, dominiere zwischen den beiden immer die Rivalität. Während im Duell zwischen Nadal und Federer auf dem Court neben all der Intensität immer viel Respekt und Sympathie bestehe.

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insgesamt 42 Beiträge
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schueler79 14.07.2019
1. Ostblock
Zum einen ist er Serbe, viele sehen Serben immer noch als ein Übel an, dank unberechtigt einseitiger Berichterstattungen in den 90ern, gibt auch viele Bücher hierzu, ist auch oft unterschwellig. Er hat auch ein Ostblockimage, was man auch bei anderen Spieler/innen sieht, denn die haben es immer etwas schwerer. Vorurteile eben und selbsterfüllende Prophezeihungen... Weiterhin ist dies ein Problem in der westlichen Welt, in Australien und China wird er sehr wohl verehrt und gewertschätzt. In letzter Zeit lese ich immer er sei krampfhaft bemüht, die Sympathien auf seine Seite zu ziehen, aber warum ist das so? Zu Anfang seiner Karriere hat er sich nicht so verhalten. Vielleicht kann er die Ablehnung des Publikums nicht verstehen und versucht entgegenzuwirken. Aber auch daraus dreht man ihm einen Strick, er soll der bad guy sein... Ich als Djoker Fan seh das langsam genauso, pfeiff auf das Image und hol dir den Pot!!
g.s-sanet 14.07.2019
2. Warum?
Erstaunlich, daß im Spon Beitrag einer der wesentlichen Gründe für die Unbeliebtheit von Djokovic (wie immer) ausgeklammert wird. Es ist seine politische Einstellung zum Thema Serbien/Kroatien, wo seine Sympathien auf der Seite der Leute liegen, von denen einige in Den Haag ihren Auftritt hatten. Da helfen auch noch so viele Grand- Slam Titel nicht.
vepchi 14.07.2019
3. wenn er Russe wäre
wäre es noch schlimmer. Das alte Schimpfwort aus dem 1. Weltkrieg "Serbien muss sterbien" ist immer noch gültig. Es genügt ein Blick in die Schlagzeilen der deutschen Presse nach großen Turnieren. Wenn überhaupt von Djokovic beim Erreichen von Endspielen die Rede ist, dann nur mit irgendeinem negativen Besatz wie "hat sich mit Satzverlust ins Endspiel gequält". Dass er wieder die Nummer eins im Welttennis geworden ist nach einer Krise als Nummer Eins, hat man ihm in Deutschland auch nicht verziehen, zumal er noch das Schuldenidol der Deutschen, Boris Becker, an seiner Seite hatte. Objektivität gegenüber der überragenden sportlichen Leistung zu erwarten, ist ohnehin mehr als hierzulande noch zum guten journalistischen Ton gehört.
Sibylle1969 14.07.2019
4.
Ich persönlich bin Fan von Rafael Nadal, und zwar weil ich sein Spiel einfach am attraktivsten finde. Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, in Paris bei Roland Garros Roger Federer zu sehen. Die Sympathien des Publikums waren sehr eindeutig auf Seiten von Federer. Ich finde ihn aber zu perfekt, seine Spielweise spricht mich nicht an, auch wenn ich verstehe, warum so viele ihn gut finden. Djokovic hingegen ist für mich eine Tennis-Maschine. An seinem Spiel kann ich kaum etwas attraktiv finden. Besonders nervig finde ich das ewige Aufspringenlassen des Balls vor dem Aufschlag. Spielt Nadal gegen Federer oder Djokovic, bin ich für Nadal. Spielt Federer gegen Djokovic, bin ich aber eher für Djokovic, seltsamerweise.
spon1899 14.07.2019
5.
Spon schreibt ja warum es so ist wie es ist. Die Verhöhnng von Gegnern durch Imitation ist nun mal unmöglich und wie er sich zum Balkankrieg äußerte, macht ihn auch nicht beliebter. Er ist ein überragender Sportler. Aber kein Idol und Vorbild wie Federer oder Nadal . Das ist der entscheidende Unterschied.
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