Wimbledon-Sieger Nadal Neuer Herrscher im Tennis-Paradies

Dramatisches Finale in Wimbledon: Fast fünf Stunden bekämpften sich Roger Federer und Rafael Nadal. Am Ende setzte sich der Spanier durch, schlug seinen Kontrahenten zum ersten Mal auf Rasen - und ist damit zur gefühlten Nummer eins der Tenniswelt aufgestiegen.


Wenn Rafael Nadal in den beiden vergangenen Wochen aus seiner gemieteten Luxusvilla herausschaute, dann hatte er ihn morgens, mittags und abends immer im Blick: den berühmtesten Center-Court der Welt in Wimbledon, das Paradies für jeden Tennisspieler. Nun ist der 22-Jährige der neue, der stolze Herrscher im All England Club. Der Mann, der mit seiner ungestümen Leidenschaft und Kraft demonstrierte, dass auch die Herrlichkeit eines Genies wie Roger Federer nicht ewig währt.

"Das ist der schönste Moment meines Lebens", sagte Nadal, der die fünfjährige Dominanz Federers mit seinem 6:4, 6:4, 6:7 (5:7), 6:7 (8:10), 9:7-Endspielsieg beendet hatte. Das große Finale dauerte vier Stunden und 48 Minuten - ein Jahrhundertspiel der beiden besten Profis dieser Generation. Für Federer platzte der Traum, als erster Spieler sechsmal hintereinander in Wimbledon zu gewinnen. Nun muss er sich den Rekord weiter mit Björn Borg teilen, der von 1976 bis 1980 durchgehend triumphierte.

"Dieses Turnier zu gewinnen, war schon immer mein größter Traum", sagte Nadal. "Es war mir noch wichtiger als die French Open." 2005 war der bullige Athlet noch in der zweiten Runde gescheitert, 2006 und 2007 verlor er jeweils knapp im Endspiel gegen Federer. Im vergangenen Jahr war er noch in fünf Sätzen unterlegen, diesmal drehte er das Ergebnis um. "Nadal hat die Sache Schritt für Schritt erledigt. Das Finale 2008 war nur der Vollzug eines Umschwungs mit ganz langem Atem", sagte Englands ehemaliger Weltklassespieler Tim Henman.

Trotz seines Coups in dem regnerischen und windigen Glücksspiel ist Nadal nun zwar nicht die offizielle, aber doch die gefühlte Nummer eins der Welt. Immerhin hat er als erster Profi seit Borg 1980 die French Open und Wimbledon direkt hintereinander gewonnen. Ein Double, das zu den anspruchsvollsten Kunststücken im Tennissport zählt, weil die Beläge Sand und Rasen so unterschiedlich zu spielen sind.

"Nadal ist schon ein unglaublicher Spieler. Er hat so schnell gelernt, sich auf Rasen zu Hause zu fühlen, das ist phänomenal", sagte Borg, der als Ehrengast in London war. Tatsächlich war es nur eine Frage der Zeit, wann Nadal beim wichtigsten Turnier des Jahres triumphieren würde. Er ist seit Jahren der grimmigste, hartnäckigste und stärkste Herausforderer Federers. Und er hat sich binnen 36 Monaten vom reinen Sandplatz-Spezialisten zum gefürchteten Allrounder und Titelkandidaten bei allen großen Wettkämpfen entwickelt.

Dort, wo Federer in den vergangenen Jahren mit einer fast schon irritierenden Selbstverständlichkeit geherrscht hatte, zeigte er sich im diesjährigen Finale ungewohnt nervös. Zwar wirkte er nicht so fahrig und angespannt wie jüngst auf Sand in Paris, doch von einer "Wellnesszone Wimbledon" konnte auch keine Rede sein.

Dass Federer in den entscheidenden Situationen nicht immer hellwach war, zeigte sich bei den Breakchancen deutlich: Während der 26-Jährige bis Mitte des dritten Satzes eine von nur zwölf Möglichkeiten verwertete, nutzte Nadal drei von vier Chancen. In einem teilweise grotesken Match mit ständig wechselnden Winden war der Spanier lange der solidere zweier Akteure, die vor allem aufpassen mussten, den Ball passabel im Spiel zu halten.

Erst im dritten Satz zeigte Nadal erstmals nicht diese zupackende Entschlossenheit, das große Spiel frühzeitig zu beenden. Beim Stand von 3:3 ließ er drei Breakchancen aus. Das war besonders bitter, da er sich mit dem vorentscheidenden 4:3 wohl auch die folgende einstündige Regenunterbrechung gespart hätte.

Im Anschluss daran zeigte sich Federer nämlich entschlossener und gewann den Durchgang im Tiebreak. Das schien ihm auch seine Nervenstärke zurückzugeben, denn im Tiebreak des vierten Satzes konnte er bei 6:7 und 7:8 zwei Matchbälle abwehren. Letzteren vereitelte er mit einem glänzenden Rückhand-Passierschlag die Linie entlang.

Im fünften Satz hatte Nadal als Zweiter serviert und musste so dauernd einem Rückstand hinterherlaufen. Beim 4:5 wehrte er sich gegen den drohenden Matchverlust, glich zum 5:5 aus, hatte selbst zwei Breakbälle zum 6:5, vergab sie aber. Noch einmal ließ er zunächst bei 7:7 drei Breakbälle liegen, ehe ihm doch der Durchbruch zum 8:7 gelang. Bei eigenem Aufschlag vergab er erneut zwei Chancen, um schließlich mit dem fünften Matchball die Rekordserie seines Gegners zu beenden: Für Federer war es nach 65 Siegen auf Rasen die erste Niederlage.



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