Wimbledon-Pleite für Federer "So bin ich noch nie hingefallen"

Der große Roger Federer musste sich in Wimbledon dem Kanadier Milos Raonic geschlagen geben. Nun kann Andy Murray auf seinen zweiten Titel hoffen.

Roger Federer auf dem Bauch
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Roger Federer auf dem Bauch

Aus London berichtet Philipp Joubert


Es war natürlich das Bild des Tages. Vielleicht sogar eines, das für immer im kollektiven Tennisgedächtnis bleiben wird. Roger Federer liegt auf dem Bauch, mitten auf dem Centre Court, die Stirn auf die Hände gelegt. Es dauerte ein paar Sekunden, dann hob er den linken Unterschenkel. Schließlich stand der Schweizer auf und ließ sich kurz behandeln.

Federer, der stets so mühelos über den Platz gleitet, war mit dem linken Fuß im Rasen hängen geblieben. Noch heute ist die Beinarbeit von Federer der Hauptgrund, warum der Schweizer zu den besten Spielern der Welt gehört. Die kleinen Schritte, die Fähigkeit stets am richtigen Ort zu sein, immer die Balance zu wahren, sie bilden die Grundlage seines Hochrisikospiels. Sie erlauben es Federer, Bälle zurückzublocken und so früh wie möglich auf den Angriff zu gehen.

"So bin ich noch nie hingefallen," berichtete ein konsternierter Federer nach dem Match über die Szene beim Stand von 1:2 im fünften Satz und ergänzte "Danach habe ich mich nicht mehr gleich gefühlt."

Ob Federer eine Verletzungspause einlegen muss, konnte er noch nicht sagen. Am Ende blieb eine 3:6, 7:6, 6:4, 5:7, 3:6 Niederlage gegen Milos Raonic, der sein erstes Grand-Slam-Finale erreichte. "Er hat einfach toll gekämpft und seine Chancen genutzt," sagte Federer über seinen neun Jahre jüngeren Gegner.

Neustart missglückt

Lange hatte es ausgesehen, als wenn der Nachmittag das Ende einer monatelangen Progression für Federer sein würde. Der ursprüngliche Plan fürs Jahr hatte einen Fokus auf den Sommer vorgesehen. Federer wollte im europäischen Frühling nur die French Open spielen. Ansonsten sollte die volle Aufmerksamkeit auf Wimbledon, die US Open und die Olympischen Spiele gerichtet sein. Bei allen drei Turnieren hat er realistische Chancen, um den Titel mitzuspielen. Doch ein Meniskusriss und Rückenprobleme verhinderten die Teilnahme an fast allen Turnieren von Februar bis Mai, inklusive der French Open.

Federer, der zum ersten Mal in seiner Karriere verletzungsbedingt länger aussetzen musste, begann den Neustart auf Rasen in Stuttgart. Wie auch in der Folgewoche in Halle war jedoch ein Federer zu sehen, der, wie er selber sagte, etwas Rost angesetzt hatte. Federer dämpfte die Erwartungen vor dem Wimbledon-Turnier. Er selbst hatte gemerkt, dass das Timing im Bewegungsablauf und vor allem beim Return noch nicht stimmte. Erst am Mittwoch im Laufe seines Fünfsatzsiegs gegen Marin Cilic hatte Federer zur alten Höchstform gefunden.

Nicht nur ihn hatte der Sieg träumen lassen, auch das jederzeit auf seiner Seite stehende Publikum. Das Match gegen Raonic hatte wieder Züge einer Prozession. Als Federer nach verlorenem erstem Satz die nächsten beiden Sätze gewann und auch im vierten Satz das beste Tennis des Jahres zeigte, schwappte Welle um Welle von Applaus über die Anlage.

Doch im vierten Satz zeigte sich auch ein altbekanntes Problem - die Chancenverwertung. Drei Breakchancen ließ er im vierten Durchgang ungenutzt, und beim Stand von 5:6 konnte Federer trotz einer 40:0-Führung den eigenen Aufschlag nicht halten. "Ich hatte so viele Chancen im vierten Satz", sagte Federer. "Aber ich konnte sie einfach nicht nutzen. Es war schon vorher klar, dass es am Ende auf ein paar Punkte ankommen würde. Die hat er gewonnen. Das ist schon sehr enttäuschend für mich."

Murray hofft auf zweiten Wimbledon-Sieg

"Enttäuschend" war ein Wort, das immer wieder fiel, weiß doch auch Federer, dass dies vielleicht eine der letzten Chancen auf einen Grand-Slam-Titel gewesen war.

Sein Gegner Raonic bekommt am Sonntag hingegen die Chance, den ersten von möglicherweise einigen Grand-Slam-Titeln zu gewinnen. Das Spiel des 25-jährigen ist so technokratisch wie seine Herangehensweise an den Erfolg. Über die Jahre hat der 1,96 Meter große Kanadier seinen starken Aufschlag und die Vorhand um zusätzliche Facetten ergänzt. Am Freitag kam Raonic wesentlich häufiger ans Netz als Federer. Die Rückhand ist über die letzten beiden Jahre ebenfalls flexibler geworden.

Auch Raonic machte das Selbstvertrauen, sich im entscheidenden Moment auf die eigenen Stärken zu verlassen, als entscheidenden Faktor aus: "Heute habe ich viele Sachen richtig gemacht. Meine positive Einstellung hat mich im Match gehalten, als ich die Breakbälle im vierten Satz abwehren musste. Ich habe stets nach Lösungen gesucht."

Als Raonic in der Pressekonferenz gefragt wurde, ob er die Energie des Publikums nach dem Spielende gespürt habe, sagte er, dass er zwar stolz gewesen sei und den Applaus für beide Spieler mitbekommen habe. "Aber ich habe mich auch ganz schnell darauf konzentriert, was ich alles vor der nächsten Aufgabe am Sonntag machen muss."

Dort wartet der britische Weltranglistenzweite Andy Murray. Wäre es zu einem Finale gegen Federer gekommen - das Publikum hätte seine Zuneigung wohl gleichmäßig zwischen Federer und Murray verteilt. Doch der Wimbledon-Sieger von 2013 ist ob seiner geradlinigen Art und der kämpferischen Attitüde einer der beliebtesten Sportler des Landes. Obwohl Murray zum ersten Mal in seiner Karriere in einem Grand-Slam-Finale nicht auf die Dauersieger Federer oder Novak Djokovic trifft, weiß er um die herausfordernde Aufgabe gegen Raonic. "Milos spielt das beste Tennis seiner Karriere. Das wird ein ganz schweres Match im Finale."



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
JugoBoss 09.07.2016
1. So fiel er noch nie hin
Gut zu wissen - Roger! :D
Valis 09.07.2016
2. Schade
Ich hätte es Federer vom Herzen gegönnt noch einmal dort zu gewinnen. Für mich der Beste Tennisspieler aller Zeiten...doch leider hat er sein Zenit schon überschritten.
kopi4 09.07.2016
3.
Schade.Durch das frühe Aus Djokovics tat sich die wahrscheinlich letzte Chance auf einen großen Titel auf und Federer hat sie weggeworfen.
stefan1904 09.07.2016
4.
Zitat von kopi4Schade.Durch das frühe Aus Djokovics tat sich die wahrscheinlich letzte Chance auf einen großen Titel auf und Federer hat sie weggeworfen.
Auch wenn ich großer Fan von Roger Federer bin. Er hat nicht die Form, die er letztes und vorletztes Jahr im Wimbledon-Finale hatte. Daher hätte er mit Sicherheit gegen Andy Murray verloren. Raonic hat sehr viele Fehler gemacht und kein gutes Match gezeigt. Diesen Gefallen hätte Murray ihm nicht getan. Außerdem ist dieser ein deutlich besserer Return-Spieler als Raonic. Hoffentlich läuft es in Rio besser.
Sibylle1969 09.07.2016
5.
Der große Roger Federer hat seinen Zenit schon seit mehreren Jahren überschritten. Ich habe schon 2012 gesagt, dass mit ziemlicher Wahrscheinlickeit der Wimbledon-Titel 2012 Roger Federers letzter Grand-Slam-Titel sein wird. Mit nunmehr 34 Jahren macht sich auch der Körper vermehrt bemerkbar, und das nachdem Federer in seiner Karriere nun wahrlich von größeren Verletzungsproblemen verschont geblieben ist, was ja die ganz große Ausnahme im Spitzentennis ist.
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