Windsurflegende Bernd Flessner "Hau mir ab mit Hawaii!"

Seit 26 Jahren ist er als Profi auf der Tour, holte 16 Deutsche Meisterschaften und drei WM-Titel. Sein halbes Leben steht Bernd Flessner auf dem Surfboard. Ein letztes Mal tritt der 44-Jährige nun zum Heimrennen auf Sylt an. Rückblick auf eine große Karriere.

Bernd Flessner

Einmal nach einer Regatta als Sieger von der Fähre zurück auf die Insel fahren. In einem großen Auto, auf dem die Aufkleber eines Sponsoren prangen: Wenn Bernd Flessner von seinem großen Kindheitstraum erzählt, hört er sich noch immer an wie der kleine Junge von Norderney.

Dort lag er als Kind auf dem Sofa und malte sich aus, wie herrlich es wohl wäre, Windsurfprofi zu werden. Heute ist Flessner 44 Jahre alt und der erfolgreichste Deutsche in seinem Sport.

Flessner, 1,90 Meter groß, Drei-Tage-Bart und Glatze, sagt: "Surfen war von Beginn an ein großes Abenteuer." Mit sieben Jahren stand er zum ersten Mal auf dem Board, sofort war er infiziert. Sobald die Schule aus war, machte Flessner sich auf den Weg zum Strand, "während die anderen Kinder zum Badminton oder zum Volleyball gegangen sind". Er machte eine Lehre zum Heizungsinstallateur im familieneigenen Betrieb, lernte seiner Mutter zuliebe etwas "Anständiges" - dabei hatte ihn das Surf-Fieber längst gepackt. Jede freie Minute verbrachte Flessner auf dem Wasser. Er besuchte eine Surfschule, brachte sich das meiste aber selbst bei. Schon früh entwickelte er enormen Ehrgeiz - Druck kannte Flessner hingegen nie. Er trainierte oft und hart, aber immer mit viel Freude. "Damals hab ich 23 Stunden und 55 Minuten nur ans Windsurfen gedacht. Wenn Wind gemeldet war, konnte ich vor Aufregung nachts nicht mehr schlafen!"

Von wegen "Hang Loose"

16 Deutsche Meisterschaften hat Flessner mittlerweile in 26 Jahren Profi-Windsurfen gewonnen, drei Slalom-Weltmeistertitel des Windsurf-Dachverbands IFCA, drei PWA-Weltcupsiege, zwölf Jahre lang ist er unter den Top Ten der Weltrangliste gefahren. Einmal hat er die Deutsche Bucht durchquert: von Norderney nach Sylt - auf dem Surfbrett, natürlich.

Sein Sport hat dem Jungen von der Insel die Welt gezeigt, er surfte in Australien, Japan, in der Karibik, auf den Kanarischen Inseln, überwinterte 25 Jahre in Südafrika. Er erzählt von einer Regatta in San Francisco, zwischen Alcatraz und der Golden Gate Bride - eine unvergessliche Erfahrung. Windsurf-Stars wie Björn Dunkerbeck und Robby Naish sind gute Freunde von ihm.

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Deutsche Windsurflegende: Gut, besser, Flessner
Trotzdem war der Surfer-Lifestyle von Party, Strand, "Hang Loose" und Hawaii nie Flessners Welt. "Dreimal im Jahr mussten wir nach Hawaii, und ich hab immer geflucht, wenn ich dahin musste. Alle meine Freunde haben gesagt: Bist du bescheuert? Du fliegst nach Hawaii! Ich sagte dann: Hau mir ab mit Kack-Hawaii! Da bin ich zwei Tage im Flieger, hab zwölf Stunden Zeitunterschied und bin nur ein paar Tage da." Außerdem sei er nicht zum Urlaub hingereist, sagt er. Man nimmt ihm das Understatement ab.

Bis 2011 war Flessner schwer zu schlagen, inzwischen holen die jungen Surfer auf: Talente wie Philip Köster und Vincent Langer sind schnell auf dem Wasser und starten mit gutem Material. "Es wäre vermessen zu sagen: Die bügel ich mit 44 immer noch weg", sagt Flessner. Der Gedanke ans Aufhören sei schon länger da, gibt er zu: sich immer wieder aufraffen, sich neu motivieren, bei den unmöglichsten Wetterbedingungen trainieren.

Abschied beim World Cup auf Sylt

"Ich war von 1995 bis 2011 ungeschlagen Deutscher Meister, und es ist auf Regatten nicht immer schön, wenn jeder versucht, dir ein Bein zu stellen und dich abzusägen", sagt Flessner. Jahrelang nichts als Vollgas, die Karriere ging vor, Privates stellte er hinten an. "Wenn man neun Monate im Jahr unterwegs ist, hat man natürlich Heimweh und keinen Bock mehr, aus dem Koffer zu leben. Man sehnt sich nach Liebe und Ruhe. Nur hat man die meistens nicht."

Auf Norderney fand Flessner immer wieder die Ruhe, die er brauchte. Überhaupt war die kleine Insel in der Nordsee sein Glück. Flessner lebt bis heute dort, wegen der optimalen Bedingungen zum Windsurfen, und weil er dort einfach er sein kann. "Hier heißt es: der kleine Bernd, hat beim TuS Norderney Fußball gespielt und ist mit der Blechtrommel um den Weihnachtsbaum gelaufen", sagt Flessner und lacht. Als Jugendlicher spielte er Fußball bis zur Niedersachsen-Auswahl, aber keine andere Sportart habe ihm je so viel geben können wie das Windsurfen, sagt er.

Flessner wird vom 27. September bis 6. Oktober auf Sylt seinen letzten World Cup fahren. Es wird das 30. Jubiläum des Cups und Flessners 25. Teilnahme sein. Auf Sylt feierte er 1991 seinen internationalen Durchbruch, gewann 1992 seine erste Deutsche Meisterschaft. Sylt bedeutet ihm viel, hier will er mit dem heutigen Start der WM in der kommenden Woche seine internationale Karriere beenden.

"Ich hab mir meinen Traum von damals mehr als zehnmal erfüllt", sagt Flessner. Sogar die Sache mit dem Auto hat funktioniert: Seit 23 Jahren hat er einen eigenen Autosponsor.



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marecs 28.09.2013
1.
noch nie von ihm gehört... aber scheint ein cooler Typ zu sein. seine Mutter scheint auch vieles richtig gemacht zu haben. "hau mir ab mit kack Hawaii" ist sehr cool.
ratte321 28.09.2013
2.
Cooler Typ! Windsurfen ist ein unbeschreibliches Gefühl!! Wenn man als eine Einheitlich aus Brett, Segel und der eigene Körper über's Wasser ballert! Ich liebe es .
abu_kicher 28.09.2013
3. Sieht auf dem Titelfoto so aus...
als hätte er ein nerdiges IT'ler-Pferdeschwänzchen (Glatze mit Resthaar-Zopf) und ein eingeflochtenem Band... Als ein Anfang der 70ern Geborener könnte das ja durchau sein...
egbert_sass 28.09.2013
4. Sieht so aus, ist aber anders
Zitat von abu_kicherals hätte er ein nerdiges IT'ler-Pferdeschwänzchen (Glatze mit Resthaar-Zopf) und ein eingeflochtenem Band... Als ein Anfang der 70ern Geborener könnte das ja durchau sein...
Da haben Sie sich getäuscht, das ist nur ein Bändchen am Reißverschluss des Neoprenanzuges, damit man ihn ohne Helfer öffnen und schließen kann. Surfergruß aus Berlin - leider heute fast völlig windfrei. Wind, waves & weather forecast Müggelsee - Windfinder (http://www.windfinder.com/forecast/mueggelsee)
cherea 28.09.2013
5. Sehr spät
Danke für diesen Artikel und Ihr seit sehr spät auf Ihn aufmerksam geworden. Leider findet diese Sportart keinerlei Beachtung in der Berichtserstattung. Wir haben zur Zeit einen amtierenden Weltmeister im Wave Surfen. Fleske war Jahrelang unter den Top 10 Fahrern Weltweit, Robby Seger war auch mehrer Jahre auf einem Top Niveau und Jutta Müller Weltmeister. Was machen unsere Medien daraus? Alle halbe Jahre einen Bericht über die "coolen" Surfer und deren "Livestyle", was völlig ausgealssen wird, sind die sportlichen Leistungen die hinter dieser Sportart stehen. Die Reduzierung auf "fun" (Sonne "Beach" Party) wird dem nicht gerecht. Aber berichtet lieber über die Formel 1 ;), wir sind es ja gewohnt.
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