Klitschko-Kampf in New York Nur noch Schattenboxen

Wladimir Klitschko bemüht sich, seinen Herausforderer starkzureden. Doch der US-Boxer Bryant Jennings gilt als chancenlos. Für Aufsehen sorgt einer, der gar nicht kämpfen wird.

Getty Images

Von Sebastian Moll, New York


Wladimir Klitschko ließ sich Zeit mit seinem Auftritt, beinahe eine halbe Stunde wartete die Presse im Atrium des Madison Square Garden, bevor der Weltmeister im Schwergewicht mit seiner Entourage - einem knappen Dutzend Muskelmännern in roten Trainingsanzügen - wie eine Hollywood-Diva der Vierzigerjahre die Freitreppe heruntergeschwebt kam.

Langweilig wurde es auch in der Zwischenzeit nicht. Denn da war ja noch Shannon Briggs. Seit Monaten verfolgt der Mann, der einst von Vitali Klitschko fürchterlich verprügelt wurde, dessen Bruder rund um den Globus, taucht in Restaurants auf, wo der Champ seinen Burger verdrückt, umzingelt ihn mit einem Jet-Ski, wenn Klitschko mit dem Paddleboard unterwegs ist, und schiebt sich bei jedem öffentlichen Auftritt des ukrainischen Weltmeisters ins Rampenlicht. Und so ließ er auch nicht die Gelegenheit aus, als Klitschko, 39, quasi vor der Haustür des alternden Boxers aus Brooklyn auftauchte.

So stand Briggs also in der Marmorhalle und krakeelte, dass er der wahre Herausforderer sei, der wahre Champion. Klitschkos Kampf gegen den jungen Bryant Jennings am Samstag? Eine Farce! Man setze Klitschko mal wieder Kanonenfutter vor statt eines echten Gegners wie ihn. Shannon Briggs. Und um das zu unterstreichen, zog der einstige Bezwinger von George Foreman sein Shirt aus und präsentierte einen für einen 43-Jährigen beeindruckend durchtrainierten Oberkörper.

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Klitschko versuchte Briggs' unermüdliche Selbst-Promotion scherzend abzutun, als er endlich nach den langen Sonntagsreden der Veranstalter und Promoter und Vorkämpfer an die Mikrofone trat, er raunte etwas davon, dass man Briggs vor sich selbst schützen müsse. Doch Briggs hatte da sein Ziel des Nachmittags längst erreicht: Heftig wurde unter den anwesenden Journalisten diskutiert, ob Briggs nicht tatsächlich ein formidabler Gegner für Klitschko wäre.

Verbale Verneigung - dann deutliche Ansage

Da halfen auch die Bemühungen nur wenig, den Samstagskampf zwischen Klitschko und Jennings als großes Duell zu pushen. Klitschko selbst lobte Jennings als gefährlichen, überaus athletischen Kämpfer, "mit guter Bewegung im Ring und hervorragender Technik". Keiner der Vorredner, ob es nun Jennings Promoter Gary Shaw war oder Klitschko-Promoter Tom Loeffler, versäumten es, auf die große Boxtradition von Jennings' Heimatstadt Philadelphia hinzuweisen und den jungen Emporkömmling in eine Reihe mit den Boxlegenden aus "Philly", Rocky Marciano, Joe Frazier und Tim Witherspoon zu stellen.

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Boxlegenden: Historische Kämpfe
Und natürlich gab sich auch Jennings selbst kämpferisch. Bei seiner Ansprache verneigte er sich zwar höflich vor den Verdiensten des dominanten Schwergewichtlers seiner Generation. Doch er sei nicht nach New York gekommen, um zu verlieren. "It's going fucking down on Saturday", brüllte er ins Mikrofon, ganz Kind der rauen Arbeiterstadt 200 Kilometer südlich von New York.

Aber begriff Jennings wirklich, wovon er da redete? Er ist zwar ein begabter Schwergewichtler, der 30-Jährige hat bislang in seiner erst sechs Jahre dauernden Karriere noch keine Niederlage hinnehmen müssen (19 Kämpfe, 19 Siege, zehn davon durch K.o.). Jennings ist außerdem so durchtrainiert wie lange kein Klitschko-Herausforderer mehr. Und doch: Einem Gegner von Klitschkos Format stand er nie gegenüber - schon gar nicht mit dessen gigantischer Reichweite. "Es wird eine ziemliche Bergauf-Schlacht", sagte der Boxexperte des US-Sportsenders ESPN, Dan Rafael, und fügte süffisant an: "Nicht jeder ist dazu geboren, ein Schwergewichtsweltmeister zu sein."

Klitschko will Weltmeister aller Klassen sein

Ein zartes Wiederaufleben des Schwergewichtsboxens in den USA signalisiert das Auftauchen eines Kämpfers wie Jennings freilich trotzdem. Zusammen mit WBC-Weltmeister Deontay Wilder gibt er Hoffnung auf ein Ende der langen Flaute der Gewichtsklasse diesseits des Atlantiks, die seit Mike Tyson und Evander Holyfield keinen Kämpfer mit Charisma und Format mehr hervorgebracht hat.

Die Aufmerksamkeit des Publikums ist deshalb längst zu anderen Gewichtsklassen abgewandert. Auf den Box-Blogs wird in dieser Woche mehr über den großen Paquaio-Mayweather-Kampf am 2. Mai in Las Vegas gesprochen als über Klitschko-Jennings. Beinahe schon verschämt wies Tom Loeffler bei der Pressekonferenz darauf hin, dass es für Samstagabend noch Karten am Ring gebe. Ab 100 Dollar pro Stück.

Ausgerechnet Klitschkos Quälgeist Shannon Briggs sprach aus dem Off aus, was sich viele Boxfans in den USA nur denken: "Die Leute wissen doch gar nichts von diesem Kampf hier." Und tatsächlich: Klitschko ist kein Zugpferd in den USA, sein uninspirierter Auftritt gegen Zlatan Ibragimov bei seinem letzten Besuch in New York hat dazu sicherlich beigetragen. Wohl auch deshalb hat es sieben Jahre gedauert, bis Klitschko in die USA zurückgekommen ist.

Jetzt, sagt Klitschkos Manager Berd Bönte, habe erstmals seit 2008 wieder alles gestimmt: Der Gegner, der Austragungsort und die Tatsache, dass sowohl RTL als auch der US-Bezahlsender HBO an Bord zu holen waren. Ein wenig wird aber wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass Klitschko sich früher oder später neben seinen Gürteln der WBA, der WBO und der IBF wohl auch noch den Hüftschmuck der WBC von Deontay Wilder holen will, um wirklich der Weltmeister aller Klassen zu sein. Das könnte dann tatsächlich ein interessantes Match werden. Und es ist nie zu früh, für einen solchen Kampf den Boden zu bereiten.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
sudich 25.04.2015
1.
Zlatan Ibragimov(ic) kämpfte nicht gegen Klitschko, sondern spielt Fußball. Klitschko kämpfte gegen Sultan Ibragimov. Dass keiner der Ranglistenboxer gegen Klitschko eine Chance hat, ist nicht gut für diese Sportart - was will man hier aber machen?
TonyTK 25.04.2015
2. Obwohl ...
... von Klitschko's "gigantischer Reichweite" die Rede ist, soll auch angemerkt werden, dass die Reichweite von Jennings die von Klitschko um ca. 3 cm übertrifft ...
megamekerer 25.04.2015
3. Tja
Zitat von sudichZlatan Ibragimov(ic) kämpfte nicht gegen Klitschko, sondern spielt Fußball. Klitschko kämpfte gegen Sultan Ibragimov. Dass keiner der Ranglistenboxer gegen Klitschko eine Chance hat, ist nicht gut für diese Sportart - was will man hier aber machen?
Die Amis haben Klitchko vorgeschlagen zum Spaß auch mal sich schlagen lassen um für den nächsten Kampf mehr Werbung zu machen, also nach dem Muster wie Boxkämpfe in 70er Jahren gemacht worden sind! Klitchko hat abgelehnt, den er weiß, wenn er sich schlagen lässt, dann werde ihm die Amis nie wieder eine Chance geben hoch zu kommen, daher ist der Klitschko-Kampf ein anderes Kamps als die Amis wollen!
DMenakker 25.04.2015
4.
Tja Klitschko ist eben nicht nur ein sehr guter Boxer ( das war Mike Tyson auch ), sondern hat auch noch etwas im Hirn. Der kloppt nicht nur, der denkt mit. Leider im Schwergewicht ein einmaliges Phänomen. Und genauso wie wir in in D von den Brüdern fasziniert sind, eben weil sie beides, Kampsport und Intelligenz unter einen Hut bringen, genau deswegen werden sie in USA niemals einen Fuss auf die Erde bekommen. Wobei das jetzt nicht im geringsten wertend sein soll. Die Amis lieben diese "Underdog der sich nach oben kämpft" stories. Mit "Akademiker verkloppt eine ganze Sportart" können sie schlicht nix anfangen.
Lassehoffe 25.04.2015
5.
Aber es ist doch irgendwie traurig, dass ein 300 Millionen Volk mit großer Boxtradition keinen ernsthaften Gegner für Klitschko hervorbringt...
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