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Wladimir Klitschko: Niederlage nach elf Jahren voller Siege

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Klitschko-Besieger Fury Triumph der Zuckmücke

Der Weltmeister im Schwergewicht heißt - nicht mehr Wladimir Klitschko. Nach mehr als neun Jahren beendete Tyson Fury die Dominanz des Ukrainers. Der 27-Jährige setzte auf Lässigkeit und eine Verwirrungstaktik.

Beide saßen sie ausdruckslos auf ihren Stühlen, vor sich mehrere Hundert Reporter und Fotografen. In sich trug der eine Freude, der andere Enttäuschung. Man sah den beiden Schwergewichten nach zwölf Runden nicht an, was dieser Abend für sie bedeutete, zumindest nicht ihren Mienen.

Tyson Fury, der neue Weltmeister, starrte zusammengesunken vor sich hin. Wladimir Klitschko, der entthronte Champion, hatte sich kerzengerade aufgebaut, sein Blick fixierte das Nichts.

Doch den Ukrainer zeichneten gleich mehrere frisch versorgte Platzwunden, unter dem linken Auge, an der rechten Braue. So malträtiert hat man Klitschko selten gesehen. Am meisten aber hatte nicht sein Gesicht gelitten, sondern das Ego. "Gratulation an Tyson Fury", sagte Klitschko. Einen Glückwunsch hatte er seit seiner Niederlage im April 2004 gegen Lamon Brewster nicht mehr über die Lippen bringen müssen.

Nach neun Jahren, sieben Monaten und sechs Tagen ist die Dauerherrschaft des 39-Jährigen zu Ende gegangen, um 0.11 Uhr am frühen Sonntagmorgen. Eine Sensation, ein Beben für die Boxwelt. 115:112, 115:112 und 116:111 hatten die drei Punktrichter zugunsten von Fury abgestimmt, diesem 27-Jährigen mit dem unberechenbaren Auftreten und den ebenso wilden Schlägen.

Fury, der Spaziergänger

Auch nur eins dieser Großmäuler, die vor dem Kampf eine große Show abziehen und dann im Ring chancenlos sind? Es sollte anders kommen, als viele erwartet hatten, Wladimir Klitschko inklusive.

Der Schock der Niederlage wirkte noch sichtbar nach, als Klitschko eine erste Analyse wagte. Zu langsam sei er gewesen in seinen Attacken. Die erste Hälfte des Kampfes habe er sich noch gut gefühlt, dann sei es bergab gegangen. "Ich habe die richtige Distanz zu Fury nicht mehr gefunden", sagte er. Damit war auch das Gefühl weg, das Timing für den Schlag mit der starken Rechten. "Ich habe viel mit links geschlagen, eigentlich hätte dann die Rechte folgen sollen." Tat sie aber nicht, oder zumindest viel zu selten.

Klitschko hatte gewartet, eine Runde, zwei Runden, drei Runden. Auf einmal war der Kampf zur Hälfte um - und Fury stand immer noch. Oder besser: Er tänzelte, schlenderte durch den Ring, machte Faxen, verzichtete oft komplett auf seine Deckung und legte stattdessen die Faust aufs Seil, als sei es der Handlauf einer Treppe während eines Strandspaziergangs. Wenn Klitschko doch mal einen Treffer landete, grinste Fury und forderte den Gegner auf, doch nächstes Mal bitte etwas fester zuzuschlagen.

Doch so betont locker sich Fury über die zwölf Runden gab, nach dem Kampf sagte er: "Mir ging es genau so wie Wladimir, ich konnte ihn auch kaum treffen, er hat gut geboxt, hat es mir schwer gemacht. Wenn ich mal ein halb so großartiger Champion werde, wie er es ist, wäre ich froh."

So weit ist der 2,06-Meter-Hüne natürlich noch lange nicht, aber bei seinem 25. Sieg im 25. Profikampf hat Fury mit seiner erfolgreichen Verwirrungstaktik bewiesen, dass er eben doch viel mehr ist als ein Typ mit wirren Sprüchen, klarer Sangesstimme und einem Faible für Psychospielchen, die sich bis kurz vor dem Duell fortgesetzt hatten, als noch der Ringboden ausgetauscht werden und Klitschko später seine Hände neu bandagieren lassen musste.

"Jeder Kampf ist nur einen Schlag vom Desaster entfernt"

Die boxerische Taktik, mit der Fury und sein Trainer und Onkel Peter Fury in den Kampf gegangen waren, ging auf. Sie wollten Klitschko die Chance nehmen, sich Fury zurechtzustellen, Maß zu nehmen. "Die Bewegungen, die Abstände zum Gegner, darauf haben wir großen Wert gelegt", sagte der Trainer: "Jeder Boxkampf ist nur einen Schlag vom Desaster entfernt. Aber wen man nicht treffen kann, kann man auch nicht besiegen."

Und so wich sein Neffe Klitschko vom ersten Gong an geschickt aus, den Oberkörper weit zurückgebogen, im Rückwärtsgang, und ruckte mit dem Kopf hin und her. Elegant war es nicht, was er vor 50.000 in der Düsseldorfer Arena bot, aber es erfüllte seinen Zweck. Lautete das Credo von Muhammad Ali, wie ein Schmetterling zu schweben und wie eine Biene zuzustechen, erinnerte Fury eher an eine Zuckmücke.

Auch, weil der Brite trotz seiner beeindruckenden Statur nicht den Eindruck machte, mit einem Schlag Klitschko einen Knockout zu verpassen. Erst gegen Ende des Kampfes, als das lange Abtasten ein wahrer Schlagabtausch wurde, schien ein K.o. möglich.

"Partys und Alkohol habe ich aufgegeben"

Im Eifer des Gefechts verpasste Fury Klitschko dabei einen Schlag gegen den Kopf, als der Kampf vom Ringrichter unterbrochen war. Fury bekam einen Strafpunkt. "Da dachte ich, ich würde den Kampf doch noch verlieren", sagte er später auf der Pressekonferenz. Vor ihm glänzten die breiten Weltmeistergürtel der Verbände WBA, IBF und WBO, die so lange Wladimir Klitschko gehört hatten. Der Ukrainer hat die Chance, sich die Titel bei einem Rückkampf zurückzuholen, der vertraglich schon zuvor fixiert worden war. Seine Karriere wolle er noch nicht beenden.

Fury, dessen gesamte Entourage sich in den Medienraum gedrängt hatte, inklusive Ehefrau Paris, die das dritte gemeinsame Kind erwartet, wurde gefragt, ob er jetzt noch feiern gehen würde. "Partys und Alkohol, diese angeblich 'schönen Dinge des Lebens', habe ich aufgegeben. Für mich zählt nur die Familie", antwortete der sehr gläubige Christ: "Für mich war das heute das erste Ziel meiner Mission, die vor 27 Jahren begonnen hat: Schwergewichtsweltmeister zu werden."

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