Klitschko gegen Joshua Der Alte muss durchhalten

Anthony Joshua hat alles, um der nächste Superstar im Schwergewicht zu werden. Der 27-Jährige ist noch muskulöser als Wladimir Klitschko - aber genau das ist die Chance des langjährigen Champions.

Anthony Joshua und Wladimir Klitschko beim Wiegetermin
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Anthony Joshua und Wladimir Klitschko beim Wiegetermin

Aus London berichtet


Anthony Joshua lacht einem direkt ins Gesicht, wenn man an der Haltestelle Wembley Park aussteigt. Überall hängen Plakate, die auf den Kampf am Abend hinweisen, von TV-Sendern, Sportartikelherstellern und Wettanbietern, die den 27-Jährigen deutlich favorisiert sehen gegen Wladimir Klitschko (22.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: RTL).

Anthony Joshua lachte auch Klitschko an, bei den Presseterminen der vergangenen Tage musste sich der Brite Mühe geben, zumindest einigermaßen grimmig zu gucken. Sein Gegenüber lächelte zurück. Klitschko und Joshua kennen sich schon lange, haben gemeinsam trainiert, respektieren sich. Auf die oft so erwartbaren Eklats zwischen den Konkurrenten, wie es sie in der Geschichte des Schwergewichtsboxens zum Beispiel zwischen Dereck Chisora und David Haye gegeben hat, verzichteten beide. Nur einmal flüsterte Joshua, nachdem er sein Mikro abgedeckt hatte, in Richtung Klitschko: "Ich werde dir wehtun." Aber selbst das wirkte eher pflichtschuldig als bedrohlich.

Man muss kein Boxexperte sein, um zu erkennen, dass Joshua Superstar-Potenzial hat. Der Junge aus dem nordwestlich von London gelegenen Watford hat Charme, Talent, eine interessante Vergangenheit und eine goldene Zukunft. 15 Millionen Pfund wird er - wie Klitschko auch - am Abend auf jeden Fall verdienen, selbst wenn er verlieren sollte. 2,2 Millionen Menschen folgen ihm schon jetzt bei Instagram (Klitschko: 196.000 Follower), wo man am Morgen des Kampfes erfahren konnte, dass Joshua gut geschlafen hat und anschließend einen großen Obstteller verzehrte. Bis zur Mittagsessenszeit gefiel das mehr als 130.000 Menschen.

Joshua posiert mit seiner Mutter

Joshua ist kein Mann der Skandale oder des Protzes, er postet lieber Fotos, auf denen er seine Mutter umarmt. Geborgenheit, Routine, das sind Teile seines Rezepts, mit dem er sich am Abend zum größten Star des Schwergewichtsboxens machen will. "Mir sind Respekt und gutes Benehmen enorm wichtig, aber wenn ich den Ring betrete, werde ich zur Bestie", sagte er dem "Daily Telegraph", der ihm wie alle großen britischen Zeitung mehrere Seiten Vorberichterstattung gewidmet hat.

Anspannung verspüre er noch keine, sagte er am Tag vor dem Kampf, das hebe er sich für den Moment auf, in dem er durch die Seile steigt, vor 90.000 Menschen. Der größte Kampf in Großbritannien seit dem Zweiten Weltkrieg.

Vor drei Jahren hatten bereits 80.000 Menschen den Kampf zwischen Carl Froch und George Groves im ausverkauften Wembley gesehen. Dass diesmal noch 10.000 Zuschauer mehr in die Arena passen, ist Sadiq Khan zu verdanken: Londons Bürgermeister genehmigte die Aufstockung unter der Bedingung, am Abend mehr U-Bahnen einzusetzen.

Die Voraussetzungen, dass die 90.000 einen denkwürdigen Kampf um die Gürtel der IBF und IBO sowie um den Titel des Super-Champions bei der WBA erleben, stehen nicht schlecht. Das liegt zu einem kleinen Teil daran, dass das Wetter für einen Londoner April gut genug ist, um ohne Regenponcho und Wintermütze im nur zu einem kleinen Teil überdachten Stadion Platz zu nehmen. Vor allem aber an den beiden Männern, die sich gegenüberstehen werden.

Klitschko zeigt sich bestens vorbereitet

Klitschko war schon bei seinen früheren Kämpfen immer sehr gut vorbereitet, der ehemalige Champion Lennox Lewis staunte im "Guardian" diesmal dennoch über den 41-Jährigen: "In so guter Verfassung habe ich Wladimir noch nie gesehen." 109,3 Kilogramm brachte der Ukrainer beim offiziellen Termin auf die Waage, Joshua sogar 113,4 Kilo. Beide sind 1,98 Meter groß.

Wladimir Klitschko scherzte, nachdem er Joshuas Muskelberge gesehen hatte, der sehe aus "wie Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Zeiten". Und Lewis staunte über das Gewicht: "Der ist wirklich schwer, das sind eine Menge Muskeln, um sie über zwölf Runden herumzuschleppen. Er wird auf seine Ausdauer achten müssen."

Er wolle Klitschko ausknocken, kündigte Joshua an. Nicht weil er ihn nicht leiden könne, sondern aus taktischen Gründen. Bisher musste Joshua noch nie über die volle Distanz gehen, alle seine 18 Kämpfe gewann er, alle per K.o., insgesamt stand er erst 44 Runden im Ring. Klitschko kommt auf 358 Runden. Joshua wird seine Physis einsetzen müssen, um Klitschko früh unter Druck zu setzen.

Je länger der Kampf dauert, desto besser dürften Klitschkos Chancen werden, die Wachablösung als größten Star des Schwergewichtsboxens zumindest zu vertagen. Dann hat auch der alte Mann noch seine Chance.



insgesamt 9 Beiträge
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kopi4 29.04.2017
1.
Die treffendste Beschreibung der Klitschkos las sich in den frühen 200ern mal so: " In Deutschland sind sie Weltstars"
Jages-Klotzscher 29.04.2017
2. Ich habe mir Yoshuas 18 k.o.´s auf You tube angeguckt.
I wasn´t impressed. Seine Gegner waren "Fallobst". Wladimir Klischko hingegen ist ein voll ausgebildeter Boxer, der diese Gegner noch nicht einmal als Sparringpartner akzeptieren würde.
henry.miller 29.04.2017
3.
Wer immer auch gewinnt, solange ich diesen ekelhaften Fury nie wiedersehen muss, ist alles gut. Klitschko ist ein Mensch mit Format, würde ihm einen Sieg gönnen.
alternativloser_user 29.04.2017
4. Hmm
Bei ca. gleicher Körpergröße und Kraft tippe ich mal, dass der mit mehr Erfahrung gewinnt. Also Klitschko.
franz.v.trotta 29.04.2017
5.
Wir werden wohl keinen spektakulären Kampf sehen: Klitschko wird wohl ständig klammern und im Übrigen, wann immer es geht, seinen Gegner nach unten drücken, mit vollem Körpergewicht. Das ist unfair, wird aber von den Ringrichtern selten unterbunden.
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