Boxkampf in New York Klitschkos Frustsieg

Der Herausforderer triumphierte, der Champion zeigte sich nachdenklich: Wladimir Klitschko hat beim WM-Kampf in New York nur knapp ein Debakel verhindert. Sein Gegner spottete, er habe "vom berühmten Stahlhammer nichts gesehen".

AFP

Von Sebastian Moll, New York


Als die Schlussglocke erklang, rissen beide Kämpfer die Arme in die Höhe. Beide fühlten sich als Sieger, sowohl der Herausforderer, der unerfahrene US-Amerikaner Bryant Jennings, als auch Wladimir Klitschko, der 27-fache Titelverteidiger im Schwergewichtsboxen.

Daran änderte sich auch nichts, als die Ringrichter kurze Zeit später Klitschko deutlich zum Sieger nach Punkten erklärten. Jennings stolzierte herum und erzählte jedem, der es hören wollte, dass er mit der Wertung nicht einverstanden sei. Er beschwerte sich, der Weltmeister habe ihn durch sein ständiges Klammern blockiert und sah sich als wahrer Sieger: "Das Urteil war nicht korrekt. Ich fordere ein Re-Match."

Klitschko dagegen schlug leisere Töne an. Jennings habe es ihm schwer gemacht, sagte er, viel schwerer, als er das erwartet habe. Von dem erhofften raschen K.o.-Sieg war der Titelverteidiger weit entfernt, Jennings attackierte ihn noch in der zwölften Runde mit der Energie eines hungrigen, an Berufsjahren jungen Kämpfers.

"Manchmal läuft es eben nicht so, wie man sich das wünscht", sagte Klitschko. Wie ein triumphierender Sieger sah er dabei nicht aus, auch wenn er kurz darauf auf die Seile stieg und den ukrainischen Fans im New Yorker Madison Square Garden seine drei Weltmeister-Gürtel präsentierte. Danach verschwand er in den Katakomben.

Jennings entdeckte sein Talent erst spät

Dass der 30-jährige Jennings den Großmeister des Schwergewichtsboxens derart in Bedrängnis bringen konnte, war eine Sensation. Schließlich hat Wladimir Klitschko, 39, mehr Titelkämpfe auf dem Buckel als Jennings Profikämpfe.

Als Wladimir Klitschko 2008 zum letzten Mal im Madison Square Garden um den Weltmeistertitel kämpfte, gegen Sultan Ibragimow, da hatte Bryant Jennings noch nie eine Box-Gym von innen gesehen. Der ehemalige Leichtathlet arbeitete als Handwerker bei einer Gebäudeverwaltung und hielt sich in der Freizeit mit Basketball fit.

Doch dann betrat er eines Tages mit einem Freund das ABC Recreation Center in Nord-Philadelphia und begann einen Sandsack zu bearbeiten. "Ich konnte nicht mehr zurück, so gut war es", sagte er.

Jennings entpuppte sich als großes Talent. Er gewann als Feierabendboxer in der Region Philadelphia alles, was es zu gewinnen gab, wurde in den Casinos von Atlantic City angeheuert und bekam schließlich seinen ersten Schwergewichtskampf, der vom Bezahlsender HBO in den gesamten USA gezeigt wurde. Nach zwei Siegen gegen bisher ungeschlagene Gegner erhielt er das Recht den WBC Champion Deontay Wilder herauszufordern, doch er passte. Jennings setzte mit der gleichen unbekümmerten Frechheit, die er auch am Samstag im Ring zeigte, alles auf eine Karte und forderte stattdessen Klitschko heraus.

"Wo war denn der berühmte Stahlhammer?"

Erst nachdem Klitschko die Herausforderung annahm und die Verträge für einen Kampf im Madison Square Garden gemacht waren, konnte Jennings seinen Job als Hausmeister aufgeben. Auf dem Papier war der Kampf mehrere Nummern zu groß für Jennings, doch er erklärte, dass er keine Angst vor Klitschko habe. Sein Trainer Fred Jenkins ging sogar so weit zu behaupten, dass Klitschko einen Fehler gemacht habe, als er Jennings Herausforderung annahm.

Zum Königssturz, wie Jenkins ihn prophezeite, kam es dann zwar nicht, doch es fehlte nicht viel. Jennings richtete deshalb nach dem Kampf ein paar spöttische Worte an alle, die seine Qualifikation als Herausforderer bezweifelt hatten. "Der zu kleine, zu unerfahrene Kämpfer mit der schlechten Beinarbeit hat sich heute Respekt verschafft", sagte er und stichelte: "Wo war denn der berühmte Stahlhammer heute? Ich habe ihn nicht gesehen."

Die Niederlage gegen Klitschko, so Jennings, habe sein Selbstvertrauen nur noch gestärkt: "Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass ich der beste Schwergewichtler der Welt bin."

Damit war Klitschko natürlich nicht einverstanden. Nachdem er geduscht und sich ein wenig gesammelt hatte, sagte er: "Ich glaube, es gibt keine Frage, wer heute gewonnen hat." Die Frustration konnte er trotzdem nicht ganz verbergen. "Ich wollte hier eindrucksvoller gewinnen, aber er hat es mir sehr, sehr schwer gemacht."

Trösten konnte der Weltmeister sich damit, dass er ein weiteres Kapitel der "Klitschko-Story" geschrieben hat, wie er es ausdrückte. Doch das Zusammentreffen mit Jennings hat ihm gezeigt, dass irgendwann ein junger talentierter Kämpfer aus dem Nichts kommen und seine Karriere beenden könnte.



insgesamt 47 Beiträge
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Wupperflipper 26.04.2015
1. Ich kenne keine Sportart
die sich so negativ entwickelt hat wie das Schwergewichtsboxen. Man vergleiche mal die Entwicklung vom Fußball, Handball, Volleyball oder Basketball seit den 70er Jahren mit Heute. Ein George Foerman, Ali, Joe Frazier oder Larry Holmes haben zu Ihrer Zeit um Klassen besser geboxt als ein Klitschko. Wer einen guten Boxkampf sehen will muss auf Youtube gehen. Das aktuelle Schwergewicht ist ist eine Schande. Und besonders wenn man dann sieht wie dieses Boxen auf Zweitliganiveau, bei RTL als Champions League verkaut wird.
spon-facebook-10000012354 26.04.2015
2. Die großen Athleten sind beim Basketball
Der Kampf macht wieder deutlich, dass es im Boxen im Schwergewicht ein grundlegendes Problem gibt. Ein Sportler, der um die 2 Meter groß, ausgesprochen athletisch und schnell ist kann in anderen Sportarten (z.B. Basketball) mehr und sicher Geld verdienen als im Boxsport. Für die kleineren und leichteren Sportler im Boxen gilt dies nicht unbedingt (z.B. Floyd Mayweather Jr.), aber Sportler wie die Klitschkos können im Basketball als allerdings relativ kleiner "Power Forward" agieren. Ein typischer Spieler für diese Position war z.B. Charles Barkley (1,97). Dies muss nicht unbedingt in der NBA sein, deren Vereine zum Teil – was die Bezahlung der Spieler betrifft – auch im Durschnitt über dem Niveau der Fußballer von Bayern München liegen, sondern sie können auch in Europa spielen (selbst in Russland) oder in den unteren Ligen in Europa. Während sich der Boxsport im Schwergewicht auf wenige Personen und Verbände konzentriert, können diese Sportler z.B. im Basketball in zahlreichen Vereinen und Klubs ihre sportlichen Fähigkeiten als Verdienstquelle nutzen und sind nicht so auf Zufälle und Manager angewiesen wie dies im Kampfsport der Fall ist. Dies ist wohl der zentrale Grund dass den Klitschkos die attraktiven Gegner fehlen. http://de.wikipedia.org/wiki/Power_Forward http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Barkley http://de.statista.com/statistik/daten/studie/183446/umfrage/spielergehaelter-der-top-vereine-in-europa-und-den-usa/ http://www.spiegel.de/sport/sonst/in-der-euroleague-wird-besserer-basketball-als-in-der-nba-gespielt-a-821888.html
dr.schmockbach 26.04.2015
3. Klitschko sucht sich vermeintliche schwache Gegner
irgendwann fällt Herr Klitschko um und es gibt einen neuen Weltmeister. Gestern war es schon knapp. Die biologische Uhr läuft für jeden.....
silenced 26.04.2015
4.
Jennings trifft den Nagel auf den Kopf mit seiner Erkenntnis, daß Klitschko's ständiges Klammern den Kampf versaut hat. Das ist in jedem Klitschko-Kampf das gleiche: Klammeraffe Klitschko! Den letzten Klitschko-Kampf den ich gesehen habe, der ist zwar schon einige Jahre zurück, aber auch damals war es nicht anders: Klammern bis der Gegner freiwillig die Deckung fallen lässt und dann die Faust auf die 12. Langweilig.
max.fi 26.04.2015
5. Richtig!
Zitat von Wupperflipperdie sich so negativ entwickelt hat wie das Schwergewichtsboxen. Man vergleiche mal die Entwicklung vom Fußball, Handball, Volleyball oder Basketball seit den 70er Jahren mit Heute. Ein George Foerman, Ali, Joe Frazier oder Larry Holmes haben zu Ihrer Zeit um Klassen besser geboxt als ein Klitschko. Wer einen guten Boxkampf sehen will muss auf Youtube gehen. Das aktuelle Schwergewicht ist ist eine Schande. Und besonders wenn man dann sieht wie dieses Boxen auf Zweitliganiveau, bei RTL als Champions League verkaut wird.
Evander Holyfield nicht vergessen, gehört unbedingt dazu. Ich habe 1976 für den Kampf Muhammad Ali - Richard Dunn 400 DM Eintritt bezahlt, und zwar gerne. Die Klitschkos wären mir nicht mal einen Bruchteil davon wert.
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