WM-Gold für Steffi Nerius "Der größte Moment in meinem Leben"

Speerwerferin Steffi Nerius hat einen Lebenstraum verwirklicht. Mit ihrer Goldmedaille sorgte sie zudem für den ersten Titelgewinn des deutschen Teams bei der Leichtathletik-WM in Berlin. Zum Feiern gab es auch noch einen anderen Grund: Sie beendet ihre Karriere.

Speerwerferin Nerius: "Ich bin noch in einem Schockzustand"
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Speerwerferin Nerius: "Ich bin noch in einem Schockzustand"

Von Susanne Rohlfing, Berlin


Steffi Nerius will nicht gehen. Die Deutschlandfahne weht hinter ihr her, fest zwischen ihren ausgestreckten Fäusten verspannt. Den Kopf hat sie leicht in den Nacken gelegt. Die 37-Jährige genießt den größten Moment ihrer Karriere. Sie ist Weltmeisterin im Speerwerfen. Sie gewinnt bei der Leichtathletik-WM in Berlin überraschend die erste Goldmedaille für das deutsche Team. Nerius kann nicht genug bekommen vom Applaus der Zuschauer, obwohl sich das Berliner Olympiastadion längst geleert hat und die Konkurrentinnen der Leverkusenerin wahrscheinlich schon unter der Dusche stehen. Aber was soll's? Steffi Nerius zelebriert ihren Abgang. Schließlich endet für sie nicht nur ein großer Abend, sondern auch eine beeindruckende Karriere.

"Ich würde auch aufhören, wenn ich mit 75 Metern Weltmeisterin werde", hatte sie vor der WM gesagt. Das klang lustig, nach einem verwegenen Traum. Diese Frau hatte ein Abonnement auf Bronze. 2003, 2005 und 2007 war sie WM-Dritte geworden. Eine Medaille zum Abschied, gut. Aber Gold? Immerhin gab es da die Tschechin Barbora Spotakowa, die Russin Maria Abakumowa und allen voran die bis zur WM Jahresbeste Christina Obergföll. Und Steffi Nerius konnte zwar auf eine bärenstarke Saison zurückblicken, hatte Obergföll mehrfach geschlagen, doch zuletzt blieb sie öffentlichen Terminen fern, um lieber den Physiotherapeuten aufzusuchen. Ihr Körper zwickte und zwackte gehörig.

Doch jetzt ist Steffi Nerius tatsächlich Weltmeisterin. Sie sagt: "Das ist der größte Moment in meinem Leben." Und: "Ich bin noch in einem Schockzustand." Ein erstes Danke galt ihren Ärzten und Krankengymnasten. Ihre Bestleistung von 68,34 Metern übertraf Nerius nicht, doch als Makel darf das kaum gelten. Mit 67,30 Metern war sie deutlich weniger weit davon entfernt als die Favoritinnen von ihren Bestmarken.

"Berlin macht Rabatz" und "Danke für Eure Treue"

Für Nerius schließt sich in Berlin der Kreis einer traumhaften Karriere. Sie erinnert sich noch gut an ihren Einstieg ins internationale Geschehen - 1993 ließ sie sich in Stuttgart von der Stimmung begeistern. 16 Jahre später bei ihrer zweiten Heim-WM waren die Ränge zwar sehr viel spärlicher besetzt, aber dafür stand Nerius im Mittelpunkt. Ihr obligatorisches Wendestirnband zeigte zunächst den Schriftzug: "Berlin macht Rabatz." Vor ihrem letzten Versuch, als klar war, dass der Titel ihr gehörte, drehte sie es um und dann war zu lesen: "Danke für Eure Treue."

Der Diplomsportlehrerin stiegen die Tränen in die Augen, bevor sie zum letzten Mal zu einem WM-Wurf anlief. Sie ruderte mit den Armen und forderte Krach. Es gab Krach. Jubel, Applaus, alles. Der Speer trudelte, blieb bei einer unbedeutenden Weite im Rasen stecken - und Steffi Nerius begann ihr Bad in den Emotionen.

Im ersten Versuch eine unerreichbare Marke gesetzt

Die Speere wollten am Dienstag nicht recht fliegen in der kühlen Berliner Abendluft. Und so schlich sich zunehmend Verzweiflung in die Gesichter von Obergföll, Abakumowa und Spotakowa. Nur Nerius konnte gelassen bleiben. Denn sie hatte gleich in ihrem ersten Versuch die Marke gesetzt, die für alle anderen unerreichbar bleiben sollte. Olympiasiegerin Spotakowa kam noch auf 66,42 Meter und gewann Silber, die Olympiazweite Abakumowa musste sich mit 66,06 Metern und Bronze zufriedengeben.

Europarekordlerin Obergföll hatte schon vor der WM mit ihrem Sportgerät auf Kriegsfuß gestanden. Im Juni war ihr Speer noch auf 68,59 Meter geflogen, aber seither wollte er ihr nicht mehr so recht gehorchen. Sie präsentierte sich in den vergangenen Tagen trotzdem kernig und zuversichtlich. Vergebens. Sie wurde mit 64,34 Metern Fünfte. Mit Rang sechs und 63,23 Metern komplettierte Linda Stahl ein sehr gutes deutsches Teamergebnis.

Nach der Qualifikation hatte es noch so ausgesehen, als würde in Berlin ein Wurf auf 70 Meter nötig sein, um Gold zu gewinnen. Die Russin Maria Abakumowa hatte ihren Speer auf 68,92 Meter katapultiert und Großes angedeutet. "Ich dachte, dass ich hier 70 Meter werfen kann", sagte sie dann auch nach dem Finale. "Aber vielleicht wollte ich es zu sehr." Die Zweitplatzierte Barbora Spotakowa erklärt die vergleichsweise harmlosen Weiten mit der "weichen Bahn". Dadurch habe sie ihre Technik nicht wie gewohnt abrufen können. "Steffi kannte die Bahn wahrscheinlich einfach am besten."

Die geheime Sehnsucht alternder Sportler

Nerius' Traum von der Bestmarke ging zwar nicht in Erfüllung, obwohl sie in diesem Jahr gefühlt haben will, dass noch etwas in ihr steckt. "Wenn ich den Speer nur noch einmal so richtig treffen würde. Ich glaube, ich weiß selber noch gar nicht, was ich eigentlich werfen kann", hatte sie gesagt. Das muss wohl eine geheime Sehnsucht des alternden Sportlers sein. Die Magdeburger Kugelstoßerin Nadine Kleinert hatte sie auch gespürt - und im Alter von 33 Jahren in Berlin mit persönlicher Bestweite von 20,20 Metern und Silber vorgemacht, dass dies mehr sein kann als eine senile Spinnerei. Die Bestleistung blieb Nerius verwehrt, aber Gold ist wohl die beste Entschädigung dafür.

Die Leverkusenerin ist jetzt Welt- und Europameisterin, bei den Olympischen Spielen 2004 gewann sie Silber. "Das war die geilste und schönste Saison, die ich je gehabt habe", sagt sie. Nerius wurde Deutsche Meisterin, sie verabschiedete sich kurz vor der WM in Leverkusen mit einem Sieg von ihrem Heimpublikum - und jetzt dieser Titel. Am 13. September wird sie ihren letzten Wettkampf bestreiten, und am 1. Oktober beginnt sie beim TSV Bayer 04 Leverkusen einen 40-Stunden-Job als Trainerin im Behindertensport. "Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist", sagt Nerius mit fester Stimme. "Das werde ich tun." Sie will doch gehen.

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