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23. August 2009, 17:22 Uhr

WM in Berlin

Deutsche Athleten schaffen den Generationenwechsel

Von , Berlin

Die Leichtathletik-WM in Berlin war ein voller Erfolg. Die DLV-Athleten haben sich nach der Schmach von Peking von ihrer besten Seite gezeigt. Ob der Verband aber auch künftig die Balance zwischen moralischem und sportlichem Anspruch halten kann, bleibt eine brisante Frage.

Die Männer auf dem Podium konnten und wollten ihre Genugtuung kaum verbergen. Nach einer feuchtfröhlichen Nacht hob Clemens Prokop, der bei dieser WM zahlreiche, ineinander verwobene Funktionen wahrnimmt, zu einer rundum zufriedenen Bilanz an. "Wir wollten die Leichtathletik in Deutschland neu positionieren. Wir wollten neuen Schwung in die Leichtathletik bringen. Ich glaube sagen zu dürfen, dass wir das erreicht haben."

Eine Generalkritik durfte niemand erwarten angesichts seiner Ämterballung: Prokop ist Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Co-Präsident des WM-Organisationskomitees und gleichzeitig Aufsichtsratschef der WM-Organisation. Ein Multi-Funktionär also, der organisiert und sich selbst kontrolliert. Würde so jemand die eigene Arbeit kritisieren?

Von Details, wie dem an den ersten Tagen gähnend leeren Olympiastadion, einmal abgesehen: Prokops Einschätzung beschreibt die Tendenz angemessen. Die WM-Organisation verlief weitgehend reibungslos und professionell, die Zuschauer waren sachkundig und bejubelten nicht nur die Deutschen, das junge DLV-Team präsentierte sich professionell sympathisch, die TV-Einschaltquoten stiegen und: Die Sonne strahlte über der Arena. Auch das ist nicht zu unterschätzen. Selbst als am Freitagabend ein Wolkenbruch die Wettbewerbe unterbrach, lief danach wieder alles in geordneten Bahnen.

"Medaillen sind nicht unser primäres Ziel"

Wann hat nach einem Mega-Event - als solches dürfen Olympische Spiele, Fußball-Weltmeisterschaften und eben auch Leichtathletik-Weltmeisterschaften bezeichnet werden - je ein deutscher Sportfunktionär so elegant-philosophisch bilanziert wie Eike Emrich?

Der Vizepräsident Leistungssport, im Hauptberuf Professor an der Universität des Saarlandes, skizzierte die Bemühungen des DLV seit Herbst 2004, als er gemeinsam mit Sportdirektor Jürgen Mallow und anderen angetreten war, die olympische Kernsportart in Deutschland zu reformieren. "Wir haben ein Modell entwickelt, das geeignet ist, Leistungssport in offenen Gesellschaften zu organisieren", dozierte Emrich: "Medaillen sind nicht unser primäres Ziel, sondern erwünschte Nebenwirkung einer ästhetischen Grundhaltung."

Präsident Prokop verkündete weniger elegant: "Es ist uns gelungen, die Leichtathletik der Bevölkerung in breiten Zielgruppen wieder nahezubringen." Prokop ist klug genug, um nur von einer "Momentaufnahme des Sports" zu reden. Es gelte nun, "das Potential als Chance zu begreifen und die Begeisterung mitzunehmen". Gerade in nacholympischen Jahren kann die Nationenwertung leicht zu voreiligen Schlüssen verleiten.

Bei den Europameisterschaften 2010 in Barcelona ist der DLV wieder gefordert. Und wenn es 2011 in Daegu (Südkorea) zur nächsten WM geht, sind der Heimvorteil von Berlin und die Erinnerung an eine teilweise rauschhafte Party längst verflogen. Bis dahin wird sich der Wettbewerb wieder verschärft haben, denn 2012 geht es in London um Olympiamedaillen.

Neun Medaillen beim gelungenen Neustart nach dem Debakel von Peking

Es gehört zum Job des scheidenden Sportdirektors Mallow, doch einige Zahlen zu nennen. Er hatte beim Amtsantritt versprochen, 2005 fünf WM-Medaillen zu holen, 2007 sieben Plaketten - und 2009 folgerichtig neun. Das ist ihm gelungen. "Das ist das Ergebnis konsequenter, hartnäckiger und unbeirrbarer Arbeit der Leistungssportabteilung des DLV seit 2004", verkündet Mallow: "Und das Ergebnis hervorragender Arbeit unserer Trainer."

Mallow erinnert an die scheinbar aussichtslose Lage vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen in Peking, als nur die Speerwerferin Christina Obergföll Bronze gewann. Auch in jenen bitteren Tagen, als Mallow das an Medaillen orientierte deutsche Sportfördersystem schwer kritisierte, habe man sich nicht beirren lassen. "Unsere Richtung stimmte", sagt sich Mallow. "Und die Stimmung im Team war schon in Peking gut, aber jetzt ist sie natürlich besser."

In Berlin waren es vor dem letzten Wettkampftag neun Medaillen (zwei Gold, drei Silber, vier Bronze) und 99 Punkte in der Nationenwertung. Es ist das beste WM-Ergebnis seit Edmonton 2001. Es empfiehlt sich, den DLV nicht an Resultaten der neunziger Jahre zu messen, die den Blick vernebeln. Der damalige DLV-Präsident Helmut Digel hat zwar den Begriff der "humanen Leichtathletik" geprägt, zugleich aber agierten skrupellose Dopingtrainer wie Thomas Springstein, der 2002 sogar zum Coach des Jahres gekürt wurde.

Thema Doping ist längst nicht erledigt

Ein Trend, der schon bei den Weltmeisterschaften in Helsinki und Osaka zu diagnostizieren war, setzt sich fort: In der deutschen Leichtathletik hat sich ein Generationenwechsel vollzogen. Ob der DLV künftig die Balance halten kann zwischen moralischem und sportlichem Anspruch, bleibt eine brisante Frage. Jürgen Mallow tritt nun ab. Und Emrich wird auf dem Verbandstag im Oktober nach jetzigem Stand nicht wieder kandidieren, vor allem, weil er fürchtet, seinen beruflichen Verpflichtungen an der Uni nur noch unzureichend nachkommen zu können. Er hofft, dass der "DLV nie wieder mit bürokratisch-technischem Gepräge eine Medaillenproduktion" betreibe. Aber er weiß nicht, wie nachhaltig die Entwicklung ist, die er maßgeblich mit einleitete.

"Wir können junge Menschen infizieren mit dem Bazillus der Freude an der Unsicherheit des Wettbewerbs in globalen Konkurrenzen", sagt Emrich. Er ist der Chef-Intellektuelle, er soll Aufmerksamkeit binden und mit seinen meist locker vorgetragenen, manchmal jedoch bemüht wirkenden Einlassungen dem DLV genehme Argumentationsmuster verbreiten.

Zur vielschichtigen Wahrheit hinter den druckreifen Sätzen gehört allerdings auch die Diskussion über das schwere Erbe einer Dopinggeneration und die Anstellung dopingbelasteter Trainer, die das Leichtathletik-Jahr bisher prägte. Diese Debatte überlagerte teilweise die WM und kulminierte in den verbalen Ausfällen des neuen Diskus-Weltmeisters Robert Harting, dessen Trainer Werner Goldmann nun vom DLV wieder eingestellt werden dürfte. Für Emrich und Mallow zählt die Goldmedaille von Robert Harting zu den eindrucksvollsten Erlebnissen der WM. Das Thema ist längst nicht erledigt.

Vorerst hat Mallow das letzte Wort zur WM 2009. Er ist ein stiller, humorvoller und demütiger Genießer. Er hat als Trainer schon alles erlebt in den vergangenen Jahrzehnten. Mallow kennt seinen Goethe und rezitiert: "Alles geben die Götter ihren Lieblingen ganz, alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen - ganz."

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