WM in Berlin Deutsche Athleten schaffen den Generationenwechsel

Die Leichtathletik-WM in Berlin war ein voller Erfolg. Die DLV-Athleten haben sich nach der Schmach von Peking von ihrer besten Seite gezeigt. Ob der Verband aber auch künftig die Balance zwischen moralischem und sportlichem Anspruch halten kann, bleibt eine brisante Frage.

ddp

Von , Berlin


Die Männer auf dem Podium konnten und wollten ihre Genugtuung kaum verbergen. Nach einer feuchtfröhlichen Nacht hob Clemens Prokop, der bei dieser WM zahlreiche, ineinander verwobene Funktionen wahrnimmt, zu einer rundum zufriedenen Bilanz an. "Wir wollten die Leichtathletik in Deutschland neu positionieren. Wir wollten neuen Schwung in die Leichtathletik bringen. Ich glaube sagen zu dürfen, dass wir das erreicht haben."

Eine Generalkritik durfte niemand erwarten angesichts seiner Ämterballung: Prokop ist Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Co-Präsident des WM-Organisationskomitees und gleichzeitig Aufsichtsratschef der WM-Organisation. Ein Multi-Funktionär also, der organisiert und sich selbst kontrolliert. Würde so jemand die eigene Arbeit kritisieren?

Von Details, wie dem an den ersten Tagen gähnend leeren Olympiastadion, einmal abgesehen: Prokops Einschätzung beschreibt die Tendenz angemessen. Die WM-Organisation verlief weitgehend reibungslos und professionell, die Zuschauer waren sachkundig und bejubelten nicht nur die Deutschen, das junge DLV-Team präsentierte sich professionell sympathisch, die TV-Einschaltquoten stiegen und: Die Sonne strahlte über der Arena. Auch das ist nicht zu unterschätzen. Selbst als am Freitagabend ein Wolkenbruch die Wettbewerbe unterbrach, lief danach wieder alles in geordneten Bahnen.

"Medaillen sind nicht unser primäres Ziel"

Wann hat nach einem Mega-Event - als solches dürfen Olympische Spiele, Fußball-Weltmeisterschaften und eben auch Leichtathletik-Weltmeisterschaften bezeichnet werden - je ein deutscher Sportfunktionär so elegant-philosophisch bilanziert wie Eike Emrich?

Der Vizepräsident Leistungssport, im Hauptberuf Professor an der Universität des Saarlandes, skizzierte die Bemühungen des DLV seit Herbst 2004, als er gemeinsam mit Sportdirektor Jürgen Mallow und anderen angetreten war, die olympische Kernsportart in Deutschland zu reformieren. "Wir haben ein Modell entwickelt, das geeignet ist, Leistungssport in offenen Gesellschaften zu organisieren", dozierte Emrich: "Medaillen sind nicht unser primäres Ziel, sondern erwünschte Nebenwirkung einer ästhetischen Grundhaltung."

Präsident Prokop verkündete weniger elegant: "Es ist uns gelungen, die Leichtathletik der Bevölkerung in breiten Zielgruppen wieder nahezubringen." Prokop ist klug genug, um nur von einer "Momentaufnahme des Sports" zu reden. Es gelte nun, "das Potential als Chance zu begreifen und die Begeisterung mitzunehmen". Gerade in nacholympischen Jahren kann die Nationenwertung leicht zu voreiligen Schlüssen verleiten.

Bei den Europameisterschaften 2010 in Barcelona ist der DLV wieder gefordert. Und wenn es 2011 in Daegu (Südkorea) zur nächsten WM geht, sind der Heimvorteil von Berlin und die Erinnerung an eine teilweise rauschhafte Party längst verflogen. Bis dahin wird sich der Wettbewerb wieder verschärft haben, denn 2012 geht es in London um Olympiamedaillen.

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