WM-Titel für Robert Harting Gold ist erst der Anfang

Wurf ins Glück: Erst im letzten Versuch sicherte sich Diskuswerfer Robert Harting den WM-Titel in Berlin. Doch nach seinen umstrittenen Doping-Äußerungen beginnt der echte Kampf erst jetzt. Sportlich hat er überzeugt - nun muss sich der 24-Jährige um sein Image-Problem kümmern.

dpa

Von , Berlin


Deutschland und seine Werfer. Segen und Fluch zugleich. Mit dem Berliner Duo Robert Harting, seit Mittwochabend Weltmeister im Diskuswerfen, und seinem dopingbelasteten Trainer Werner Goldmann erfährt diese Weltmeisterschaft eine beispiellose sportliche und sportpolitische Zuspitzung. Die Diskussion um die Wiederbeschäftigung des Trainers Goldmann sorgt seit acht Monaten für Schlagzeilen. Harting hatte am Dienstag nach der Qualifikation mit verbalen Ausfällen gegenüber Dopingopfern sogar seine Finalteilnahme gefährdet. Zuvor hatte er bereits angekündigt, er wolle nach dem WM-Finale den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), von dessen führenden Funktionären er nichts hält, auseinandernehmen: "Am Donnerstag fange ich mit den Reformen an!"

Die DLV-Spitze nahm Harting vor dem Finale in Schutz und tat alles, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Es wurden, nicht zum ersten Mal, geradezu diplomatische Bulletins verfasst. Nun ist Harting Weltmeister. Und er sagt in seinem ersten Fernsehinterview, es tue ihm "wirklich von Herzen leid", was er am Vortag zu Dopingopfern gesagt habe. Im nächsten Satz aber wurde er schon wieder unkonkret: "Was man schreibt und was man sagt, ist heutzutage leider ein Unterschied", formulierte Harting. Dabei waren seine Aussagen vom Dienstag nicht misszuverstehen.

Im größten Moment der Karriere des Diskus-Rabauken Harting aber kann man wohl keine wohlüberlegten Statements verlangen. Harting bieten sich nun viele Gelegenheiten, einige Dinge gerade zu rücken. Wenn er es will - und wenn er es kann.

Mit Pfiffen im Stadion gerechnet

Als er knapp zwei Stunden zuvor ins Stadion marschierte, habe er eigentlich mit Pfiffen gerechnet, sagte er. Doch die blieben aus. Auch der Berliner konnte das Olympiastadion nicht füllen. Die Organisatoren behaupteten, 32.158 zahlende Zuschauer seien in der Arena gewesen. Die Zielkurve blieb erschreckend leer, nur in der Nähe des Wurfkäfigs waren die Ränge ansprechend gefüllt, auch mit einigen Hundertschaften von Harting-Anhängern.

Nach wenigen Sekunden wurde den Harting-Fans klargemacht, wen es an diesem Abend zu schlagen galt. Der Pole Piotr Malachowski, ein Jahr älter als Harting, begann optimal: 68,77 Meter - Landesrekord, trotz getapten Zeigefingers.

Harting blieb kaum etwas schuldig. Er schleuderte das zwei Kilogramm schwere Gerät auf 68,25 Meter. Das war sehr gut, Jahresbestleistung im wichtigsten Wettbewerb des Jahres. Nur 40 Zentimeter unter seiner persönlichen Bestleistung. Doch Harting schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden. "Natürlich nicht", kommentierte Trainer Goldmann im Fernsehen: "Er wollte einen wirklich weiten Wurf vorlegen, der ist ihm gelungen. Aber ein anderer war weiter als er."

Harting sagte später: "Das war technisch nicht rund. Ich habe mich geärgert. Ich wollte den Polen schlagen." Kurz darauf deutete sich an, dass dieser Wettkampf ebenso mit dem ersten Wurf entschieden werden könnte wie tags zuvor das Speerwerfen der Frauen, das Steffi Nerius gewann. Denn Gerd Kanter aus Estland, Weltmeister und Olympiasieger, warf für ihn bescheidene 65,91 Meter. Kanter war seit Juli 2008 ungeschlagen, hatte 28-mal in Folge gewonnen und war mit 71,64 Metern natürlich auch der Jahresbeste. Doch es heißt, er habe es mit dem Krafttraining übertrieben und deshalb an Schnelligkeit eingebüßt. Das WM-Finale bestätigte diesen Eindruck.

Klare Anweisungen an die eigenen Fans

Dieses Finale wurde nicht so oft unterbrochen wie am Dienstag das Speerwerfen. Nur zwei Entscheidungen auf der Bahn störten die Werfer. Auf den Rängen kam zunächst nicht jene Stimmung auf, die Harting braucht. Die seinen Adrenalinspiegel steigen lässt und die nötige Aggressivität verleiht. Er animierte die Zuschauer immer wieder, wies dann seine Fans an, sich direkt an der Bande zu postieren, so als könnten sie mit ihrem Lärm den Flug des Arbeitsgeräts verlängern.

An der Reihenfolge der besten vier Werfer änderte sich nichts bis zur letzten Runde. Um 21.24 Uhr hatte Harting seine Medaille, als der große Litauer Virgilijus Alekna, zweimaliger Olympiasieger, nicht unter die ersten Drei vorstoßen konnte.

Um 21.25 Uhr, nach dem letzten Wurf von Gerd Kanter, hatte Harting Silber sicher, wie schon 2007 bei seinem WM-Debüt in Osaka.

Eine Minute später: Hartings letzter Wurf. Wieder heizt er seine Fans an, die geben alles. Die Flugbahn der Scheibe ist diesmal zwar flacher. Doch der Diskus segelt weit über die weiß markierte 65-Meter-Marke. "Ich war in der glücklichen Position, vor dem Führenden zu werfen", erklärte Harting danach im branchenüblichen Kauderwelsch: "Du gehst Risiko. 50 zu 50. Kanone! Klebe oben drauf!"

Harting muss verlorenes Vertrauen zurückgewinnen

Es wird lauter im Stadion. Das Gerät fliegt und fliegt. Wer weit oben sitzt, glaubt es auch ohne Messung zu erkennen. Harting ist Weltmeister. Zehn Sekunden später die Gewissheit. Um 21.27 Uhr leuchten auf der Anzeigetafel die erlösenden Ziffern auf: 69,43 Meter. Bestleistung. Gold. Harting tobt. Harting springt. Harting rast. Natürlich zerreißt er sich wieder das Leibchen. Das kennt man von ihm. Vor zwei Jahren in Osaka verspeiste er sogar seine Startnummer. Auf dieses Menü verzichtete er diesmal. Er purzelte nur mit dem WM-Maskottchen Berlino herum.

"Ich bin absolut zufrieden, ich habe mein Stadion verteidigt. Ich habe es mir selber nicht so erhofft. Zum Schluss hat alles gepasst. Volles Risiko. Super-Ding."

Nun will er bis Donnerstagabend feiern. Aber er wird auch Pressekonferenzen und viele Interviews geben. Sportlich hat Robert Harting überzeugt. Der Wettbewerb, den er jetzt meistern muss, ist in gewisser Weise komplizierter. Er muss überzeugen. Er muss verlorenes Vertrauen zurück gewinnen. Er kann sich nicht mit einem weiten Wurf befreien.

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