WM-Titelverteidigung Dr. Klitschkos kurzer Prozess

Was ist der Unterschied zwischen einem perfekten Frühstücksei und dem Boxer Ray Austin? Ein Ei braucht fünf Minuten - Wladimir Klitschko benötigte nur 4 Minuten und 25 Sekunden, um seinen WM-Gegner weichzukochen. Der Amerikaner erwies sich dabei als doppelt schlechter Verlierer.

Es war die Nacht des Donners: Als Ray Austin nach 1:25 Minuten in der zweiten Runde auf den Ringboden donnerte, hatte er die Erwartungen in ihn gleich doppelt erfüllt. Kaum einer hatte dem 36-jährigen Amerikaner auch nur den Hauch einer Chance eingeräumt, Gegner Wladimir Klitschko in seinem Pflichtverteidigungskampf um den Titel des IBF-Schwergewichtchampions ernsthaft in Gefahr zu bringen. Diese Zweifel hat Austin ebenso eindrucksvoll bestätigt, wie den Titel seiner Einlaufmusik. Zu den Gitarrenriffs der Hard Rocker AC/DC war der Amerikaner zehn Minuten vor seinem Niederschlag in die Mannheimer SAP-Arena geschlendert. Mit "Thunderstruck" wählte er dabei einen überaus passenden Titel. Übersetzt heißt das Wort soviel wie "vom Donner gerührt" oder "vom Blitz getroffen".

Dabei sah es in der ersten Runde überhaupt noch nicht nach einem Unwetter für den Mann aus, der in der Szene "Rainman" genannt wird ("Den Namen habe ich, seit ich mal in einer Runde 94 Treffer anbrachte und ein Reporter kommentierte: Austin lässt Schläge regnen"). Geschickt wich der Texaner Klitschkos Schlagversuchen aus, um immer wieder aus sicherer Distanz Blitzattacken zu starten. Die Angriffe des Ukrainers verfehlten allerdings ihre Wirkung. Auffällig war zu diesem Zeitpunkt lediglich, dass Austin seine linke Deckung vollkommen vernachlässigte und den Arm immer wieder baumeln ließ, als wisse er nicht um die Punchqualitäten des amtierenden Weltmeisters.

Wie ein nasser Sack

Diese Undiszipliniertheit sollte ihm in der zweiten Runde schnell zum Verhängnis werden. Bereits nach dem zweiten Gongschlag verließen Austin sichtbar die Kräfte. Seine feigen Ausweichmanöver fanden dann nach 1:25 Minuten ein blamables Ende. Klitschko drängte den Weltranglisten-Ersten der IBF, der ebenso wie sein Gegenüber 112 Kilo auf die Waage brachte, geschickt in die Seile. Wieder baumelte Austins linke Hand in Hüfthöhe, diesmal schlug Klitschko Kapital daraus: Er stellte sich geschickt seitlich in den Mann und bearbeitete Austin effizient mit donnernden linken Haken.

Der erste schlug über dem linken Ohr des Amerikaners ein, Klitschko legte sofort einen krachenden zweiten Volltreffer nach.

Als Austin langsam in die Seile fiel, schlug Klitschkos Faust erneut, aber mit nicht ganz so viel Wucht über Austins Kiefer ein. Ein wenig hatte es den Eindruck, als wolle Austin möglichst unversehrt aus der Nummer herauskommen, so dass er auch noch die vierte Linke nacheinander über sich ergehen ließ, um dann wie ein nasser Sack in den Seilen zusammenzusacken. Nachdem Ringrichter Eddie Cotton (USA) obligatorisch bis zehn gezählt hatte, brach er den Kampf ab und entschied auf technisches K.o.

"Ray war sehr benommen"

"Ich war überrascht, dass Ray wieder aufgestanden ist, während er angezählt wurde", sagte Klitschko. Der alte und neue Champion sprach von einer "konsequenten Entscheidung: Was Ray abbekommen hat, war deutlich zu hören. Der Ringrichter hat sich für den Schutz des Sportlers entschieden. Das war völlig okay, Ray war sehr benommen."

Die Zuschauer, die bis zu 875 Euro für eine Eintrittskarte bezahlt hatten, quittierten Austins Kurzauftritt mit wütenden Pfiffen. "Faules Fallobst", rief ein Fan in Richtung Austin, als dieser wie ein geprügelter Hund aus der Halle schlich. Der Beifall für den Sieger hielt sich in Grenzen, zu groß war die Enttäuschung, nur 4 Minuten und 25 Sekunden Aktion erlebt zu haben. Nach dem Farce-Fight leerte sich die SAP-Arena so schnell, wie das Wasser aus einer Badewanne abfließt, wenn man den Stöpsel zieht.

Auch Larry Merchant, Kommentator des amerikanischen Bezahl-Fernsehsenders HBO, ließ seinem Frust freien Lauf: "Für so einen Scheiß bin ich 18 Zeitzonen geflogen." Der amerikanische Boxer Virgil Hill, der am 31. März in München auf Rückkehrer Henry Maske trifft, rettete sich in den Zynismus: "Es war ein super Kampf", sagte Hill und lachte dabei hemmungslos: "Wir haben doch drei tolle linke Haken gesehen." Austin war das Lachen da längst vergangen. Der Verlierer zeigte nicht nur im Ring eine peinliche Vorstellung. Genauso wie sein Promotor Don King schwänzte Austin, der für den Kampf eine Million Euro kassierte, die Pressekonferenz. "Dieses Verhalten ist ein Zeichen für die Qualität von Don King", stichelte Klitschko-Manager Bernd Bönte vor den Journalisten. "Damit knüpft King an die schwache Leistung seines Kämpfers nahtlos an", so Bönte weiter.

Klitschko als Gentleman

Diese Aussagen sind wie eine Kriegserklärung an den mächtigsten Promoter des Boxsports, der Klitschko vor dem Kampf noch verhöhnt hatte: "Ray wird Wladimir fertig machen. Aber für den Herrn Doktor wird es ja kein Problem sein, bald als Lehrer, Arzt oder Schauspieler zu arbeiten." Klitschko, der sich auf Mallorca fünf Wochen auf dem Fight vorbereitet hatte und in weniger als fünf Minuten rund fünf Millionen Euro verdiente, zeigte sich einmal mehr als Gentleman: "Diese Sprüche haben mich motiviert, mehr möchte ich dazu nicht sagen", so der 30-Jährige.

Gleichzeitig betonten Klitschko und Bönte, dass sie weiter auf einen Vereinigungskampf drängen werden. Zu diesem Thema habe es bereits Ende 2006 ein Meeting mit dem Fernsehsender HBO gegeben, das Don King laut Bönte einmal mehr torpediert habe: "Don King hat eine Vereinigung abgelehnt, weil er keinen seiner Weltmeister verlieren will. Die Kämpfer sind nun mal seine Geldquellen", so Bönte. Klitschkos Wunschgegner ist WBA-Champion Nikolai Valuev, der zwar beim deutschen Promoter Sauerland unter Vertrag steht, gleichzeitig aber anteilig zu Don Kings Boxstall gehört. "Wir werden alles dafür tun, dieses Duell noch in diesem Jahr zu realisieren." Voraussetzung für einen Vereinigungskampf wäre allerdings, dass Valuev am 14. April in Stuttgart seinen Titel erfolgreich gegen den Universum-Boxer Ruslan Chagaev verteidigt.

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