World Games Olympias Zukunft

Klettern, Frisbee, Squash: Bei den World Games in Breslau bekommen Sportarten ihre Bühne, die nicht im Olympischen Programm stehen - noch nicht. Auch sonst sind die Wettkämpfe ein Blick in die Zukunft Olympias.

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Die World Games der größtenteils nichtolympischen Sportarten, die bis Sonntag in Breslau stattfinden, sind ein Testlauf für die Olympiatauglichkeit vieler Sportarten und Disziplinen. Wer über die Wettkämpfe im Bowling, Tauchen, Rettungsschwimmen, Speedklettern, Faustball, Frisbee oder über Wettbewerbe vor wenigen Dutzend Zuschauern lächelt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Denn Olympia soll und muss jünger, attraktiver, urbaner und nachhaltiger werden. Und da bieten die World Games Optionen.

Seit das Internationale Olympische Komitee IOC das Olympiaprogramm gelockert hat und, wie vor Jahrzehnten schon einmal, neben den Kernsportarten andere Gäste an der Party teilnehmen lässt, steigt die Hoffnung der Außenseiter, in die höchste Liga aufzusteigen. Für die Sommerspiele 2020 in Tokio hat das IOC neben jenen 28 Sportarten, die schon das Programm der Spiele 2016 in Rio de Janeiro bildeten, fünf weitere Verbänden zugelassen: Baseball/Softball, Karate, Sportklettern, Skateboard und Surfen.

Diese Verbände müssen allerdings auf die millionenschweren Tantiemen aus dem IOC-Marketingprogramm verzichten, die weiter nur unter den 28 Kernsportarten verteilt werden: in Rio waren das 540 Millionen Dollar - für die meisten Weltverbände sind diese Überweisungen lebenswichtig. Aber auch eine olympische Gastrolle verheißt mehr Geld, zum Beispiel aus öffentlichen Töpfen. Und darum geht es letztlich: Geld, Aufmerksamkeit, Prestige.

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World Games: Diese Sportarten wollen olympisch werden

Nachdem das IOC im Sommer 2016 die fünf Neuen für Tokio genehmigt hatte, wurden diese Verbände aus den Sportfördermitteln des Bundesinnenministeriums (BMI) für 2017 sofort mit drei Millionen Euro bedacht. Diese drei Millionen sind schon jetzt eine halbe Million Euro mehr, als alle anderen nicht-olympischen Verbände insgesamt aus dem BMI-Topf erhalten. Wobei die Verbandsförderung der olympischen Verbände mehr als 60 Millionen jährlich beträgt - zusätzlich der gewaltigen Ausgaben für die Sportsoldaten und Sportpolizisten und Bundesstützpunkte.

Diese Zweiklassengesellschaft der Einteilung von Verbänden dominiert national wie international, nur wenige Länder machen da eine Ausnahme und bevorzugen transparente Fördersysteme, in Skandinavien findet man derlei positive Beispiele. Deutschland liegt in Transparenzfragen weit zurück und garantiert quasi keinen offenen Wettbewerb der Sportverbände um öffentliche Förderung, sondern orientiert sich fast ausschließlich an den noch immer undurchsichtigen Vorgaben des IOC.

Auf Grundlage einer im April 2016 unterzeichneten Absichtserklärung kooperieren IOC und die World-Games-Vereinigung IWGA enger als je zuvor. Der Onlinekanal Olympic Channel, in den das IOC 600 Millionen Dollar investiert, überträgt nonstop aus Polen. IOC-Präsident Thomas Bach hat die World Games eröffnet, bevor er via Leipzig (Fecht-WM) nach Budapest (Schwimm-WM) reiste. Der IOC-Sportdirektor hat sich das Treiben in Breslau einige Tage angeschaut und weiß ein Team von Beobachtern vor Ort.

Zwar gibt es keine glasklaren Kategorien, die über Olympiatauglichkeit von Sportarten entscheiden, auch bleiben die Analysen des IOC Herrschaftswissen und werden selten öffentlich, am Ende ist halt immer alles Politik, wer im Olympiaprogramm steht und wer nicht: Wäre es anders, müssten beispielsweise Sportarten wie Squash (betrieben in 185 Nationen, in 50 Ländern sogar mit professionellen Ligen) olympisch sein - nicht aber Gewichtheben oder Moderner Fünfkampf. Die Aufnahme-Kampagnen des Squash-Weltverbandes wurden vom IOC zuletzt aber zweimal abgelehnt - für Rio und für Tokio.

World Games sollen nur 75 Millionen Euro gekostet haben

Neben den World Games verfügt das IOC mit seinen eigenen Olympischen Jugendspielen, erstmals 2010 in Singapur (Sommer) und 2012 in Innsbruck (Winter) ausgetragen, über ein weiteres Versuchslabor. Sportklettern beispielsweise zählte bei den Jugendspielen 2014 in Nanjing (China) zu den Highlights und zu den "urbanen Sportarten", von denen IOC-Boss Bach derzeit ständig redet. Dreier-Basketball war bereits 2010 in Singapur dabei - und feiert in Tokio seine olympische Premiere.

Der Spanier José Perurena, Präsident der IWGA und des olympischen Welt-Kanuverbandes ICF, wird in Breslau nicht müde, die vielen Vorzüge der World Games aufzuzählen. Perurena ist auch IOC-Mitglied und führte Bach stolz in Breslau herum. Sein größtes Argument: Diese Spiele sollen nur 75 Millionen Euro inklusive kleinerer Infrastrukturmaßnahmen gekostet haben. 75 Millionen für ein elftägiges Sportfest mit 3.200 Aktiven aus 111 Nationen in 31 Sportarten (davon vier Gastsportarten) und 222 Wettbewerben wären tatsächlich eine rekordverdächtig bescheidene Summe und wohl auch unvergleichlich nachhaltig.

Dagegen wurden die Kosten der kommenden Olympischen Sommerspiele in Tokio von der Gouverneurin gerade erst von 20 Milliarden auf nunmehr 13 Milliarden Dollar reduziert - für rund 11.000 Sportler aus wahrscheinlich 206 Ländern in 33 Sportarten. Die olympischen Kernsportarten kommen in Tokio auf 321 Entscheidungen, für die fünf Gastverbände sind 18 Wettbewerbe vorgesehen.

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World Games: Diese Sportarten wollen olympisch werden

Die Aufwertung der World Games zeigt sich auch in Personalien des deutschen Teams. Vor vier Jahren in Cali war der Delegationschef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) noch der Ressortleiter des nicht-olympischen Sports. Diesmal ist es Dirk Schimmelpfennig, der DOSB-Vorstand Leistungssport, der wie vor einem Jahr in Rio die sportliche Oberaufsicht hat. In Breslau herrsche eine etwas andere Atmosphäre als in Rio, sagt Schimmelpfennig, jedoch sei die Aufbruchstimmung spürbar, und die Professionalisierung in vielen World-Games-Sportarten ebenfalls. Nachdem, was er in Breslau erlebt hat, kann sich Schimmelpfennig durchaus vorstellen, dass Tauchen für 2024 oder 2028 olympisch werden könnte, will sich am Telefon aber nur sehr vorsichtig äußern.

In Breslau ist die Bogenschützin Lisa Unruh die einzige Sportlerin im deutschen Team, die an den Olympischen Spielen 2016 in Rio teilgenommen hat. In Rio gewann sie Silber. In Breslau, nach zwei vierten Plätzen bei den World Games 2009 in Kaohsiung (Taiwan) und 2013 in Cali (Kolumbien), holte sie im Wettbewerb mit dem Feldbogen die Goldmedaille. Und derlei Medaillen sind noch immer das beste Argument für eine staatliche Förderung - ob nun mit oder ohne Olympia-Status.



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philipp.zuerich 29.07.2017
1.
Das problem ist doch dass der laie keinen unterschied spürt: wenn du einen ball über ein netz schlagen willst mach volleyball. Und wenn du dich halt trotzdem für faustball entscheidest gibts halt kein olympia. Das selbe gilt wohl für beachhandball oder skaten (eisschnelllauf) etc. Und von den professionellen breitensportarten die aktive sportler in erwähnenswerter höhe vor den tv locken seh ich halt nur karate und american football als quotenbringer.
Ringmodulation 29.07.2017
2. World Games
Das war doch ... Gewichtheben (Rußland), Klippenspringen (Mexiko), Baumstammweitwurf (Schottland), Fässerspringen (Deutschland), Bullenreiten (USA), Baumstammbalancieren (Kanada), Sumoringen (Japan). Dann noch Slalomski oder sowas. Das Schönste waren die Farben, die das Gesicht des Gewichthebers annahm, wie später Guybrush Threepwood unter Wasser. Oder das Fingerlockern, wenn man vor dem Anheben noch wartete. Eine Zeitlang war Epyx die Traumfabrik, besser als Hollywood. Dann wanderten die besten Grafiker zu Electronic Arts ab, und das Handy-Projekt landete überteuert bei Atari (als "Lynx").
borrussiad. 29.07.2017
3.
Also ich wünsche mir von den Sportarten bei den World Games auf jeden Fall Beachhandball und Inlinerfahren zu den olympischen Spielen, da die beiden SPortarten einfach sehr schön anzusehen waren. Auch Wakeboard und Wasserski kann ich mir gut vorstellen, auch wenn ich sie bei der Fernsehübertragung von Sport 1 verpasst habe.
kopi4 29.07.2017
4.
Sand gibt es ja mehr als genug, also her mit diversen Sportarten als "Beach" Variante bei Olympia. Volleyball gib's schon, Handball, Fußball, Basketball bieten sich an. Wobei, die Attraktivität liegt natürlich im sportlichen und nicht an den knappen Outfits der Spielerinnen.....
bart_haar 29.07.2017
5. Beispiel American Football
Das Beispiel American Football zeigt wie zwiespältig die Bemühungen der jeweiligen Verbände zu betrachten sind. In Deutschland wurden dem Dachverband AFVD die Fördergelder gestrichen, weil die Führung Gelder zu sehr für nicht sportartbezogene Felder ausgegeben hat. Das Geld landete nicht im Sport. Das wurde sogar gerichtlich bestätigt. Just der Präsident, der dafür mit verantwortlich gewesen ist, hat nun vor geraumer Zeit den Weltverband mit einem Husarenstreich gespalten, so dass jetzt zwei Konkurrenzverbände dien Alleinvertretung für sich in Anspruch nehmen. Das Teilnehmerfeld war so alles andere als eine Empfehlung für Olympia. Die USA hatten erst kurz vor dem ersten Spiel eine Rumpftruppe zusammenstellen können und bei der deutschen Vertretung war nach der Final-Niederlage von der 2. Garnitur die Rede. Eine gute Präsentation sieht anders aus...
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