"Maximum Wrestling" in Kiel Und Mutter wäscht das Blut aus der Matte

Bei den Shows von "Maximum Wrestling" in Kiel kämpfen Restaurantbesitzer gegen Studenten. Dem Publikum gefällt es. Und der Promoter ist schon zufrieden, wenn er nicht zu viel Geld draufzahlen muss.

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"Noch fünf Minuten!" Marcus Sellhorn wirkt sehr entspannt, als er seinem Team mitteilt, dass in der Kieler Event-Location "Max" gleich die Türen öffnen. Während in dem kleinen Ring noch vier Jungs in Trainingshosen und auf Socken die Choreographie ihres bevorstehenden Kampfes durchsprechen, warten draußen ungefähr hundert Gäste darauf, dass die "Maximum-Wrestling"-Show endlich losgeht.

"Ich hoffe, dass viele von denen noch keine Karte haben", sagt Sellhorn. Der Vorverkauf sei schwächer gelaufen als erwartet. Er rechnet mit rund 250 Gästen. "Es sind Sommerferien, da sind viele in Urlaub. Deswegen lassen wir den Oberrang zu." Bei Veranstaltungen im Herbst kommen bis zu 380 Fans.

Seit acht Jahren ist Sellhorn Vorsitzender des Vereins "Catch Wrestling Norddeutschland" und hat über 80 Veranstaltungen organisiert. Insgesamt koordiniert er an solchen Abenden von der Merchandising-Verkäuferin bis zum Ringrichter 35 Personen, die Wrestler eingeschlossen.

Die Angst vor der großen Diskokugel

Grund zur Aufregung hätte Sellhorn nur, weil heute seine Eltern zu Besuch sind. Es ist ihre erste Show, seit er mit den Events nach Kiel gezogen ist. Begonnen hatte er 2009 in der Sporthalle seiner alten Grundschule in einer 10.000-Einwohner-Gemeinde im nördlichen Hamburger Speckgürtel. "Die war uns aber zu groß und zu steril, da kam nicht so richtig Stimmung auf", sagt der 38-Jährige. "Außerdem mussten wir Licht und Stühle mitbringen. Dagegen ist die Location jetzt ein absoluter Traum."

Tatsächlich hat das "Max" einen ganz besonderen Charme. Große glitzernde Discokugeln hängen so tief unter der Saaldecke, dass man bei jeder Flugeinlage Angst hat, ein Kämpfer könnte mit dem Kopf dagegen stoßen. Auch Mutter Sellhorn ist beeindruckt, aber eins fällt ihr sofort auf: "Die Matte ist ja doch eingelaufen." Der Vereinsvorsitzende wohnt zwar schon lange nicht mehr bei seinen Eltern, lagert den Ring aber nach wie vor in Tangstedt. Seine Mutter hatte die Ringmatte für ihn gewaschen, "weil da so viel Blut drauf war."

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Wrestling in Kiel: Fliegende Körper

Im richtigen Leben arbeitet der Wrestling-Promoter bei einer großen Handelskette. An vier Wochenenden im Jahr sorgt er dafür, dass sich erwachsene Männer zur Belustigung des Publikums durch die Luft wirbeln. Wie alle hier tut er das aus Leidenschaft und Idealismus. Bei 200 Sitzplätzen, von denen die teuersten in der ersten Reihe 20 Euro kosten, ist das Budget überschaubar. Sellhorn ist froh, wenn er nicht zu viel drauflegen muss, um Saalmiete, Reisekosten und Spesen zu bezahlen. "Wir machen Amateursport und sind Überzeugungstäter", sagt Sellhorn. "Vergleichbar mit Oberligafußball." Aber deutlich unterhaltsamer.

Der Tag des Vereinsvorsitzenden hat um 8 Uhr mit einer Hiobsbotschaft begonnen. "Das Erste, was ich heute morgen gesehen habe, war die E-Mail eines Kämpfers, der seinen Flieger verpasst hat", erzählt Sellhorn. "Insgesamt sind sechs Leute ausgefallen, sodass wir kurzfristig umdisponieren mussten." Den Stress und die Probleme bei der Planung merkt man weder ihm noch der Veranstaltung an. Bemerkenswert ist vor allem, wie gut die Kämpfer harmonieren, obwohl sie nicht gemeinsam trainieren, sondern sich erst kurz vor der Show treffen.

Der Biermann feiert mit Halbliterdose

Das Publikum honoriert die guten Leistungen und geht vom ersten Moment an voll mit. "Die Zuschauer machen die Show", sagt Sellhorn und meint, dass die Jungs im und am Ring besser performen, wenn sie für ihre Leistungen eine unmittelbare Rückmeldung bekommen. Außerdem macht es die eingeschworene Fangemeinde auch denjenigen leicht, die zum ersten Mal bei so einem Kampfabend sind. Man versteht sofort, dass der schlaksige Bo "Down" Jones mit Anzug, Schlips und Aktenkoffer ein Unsympath ist, wenn er mit "Halt's Maul"-Sprechchören empfangen wird - noch bevor er überhaupt versucht, etwas zu sagen. Ganz anders die Reaktion bei Mike Schwarz aus Oberhausen, den alle nur als "Biermann" feiern. Standesgemäß feiert er seinen Sieg mit einer Halbliterdose.

Dann kommen die Jungs, die bis fünf Minuten vor Türöffnung noch geübt haben. Das hat sich gelohnt, ihre Leistung ist ähnlich überzeugend wie die im folgenden Match, dem technisch anspruchsvollsten des Abends. Die "Grizzled Young Veterans" AJ Anderson und Zack Gibson sind aus England angereist und müssen sich immer wieder laute "Brexit"-Rufe gefallen lassen. Deutlich härter trifft sie aber eine Aktion, bei der ihre Gegner Michael Schenkenberg und Michael Knight sie durch die Seile nach draußen fliegen lassen. Weil die Stühle so nah am Ring stehen, scheuchen sie vorher mit einem deutlich vernehmbaren "Platz da!" die Zuschauer zur Seite. Das ist auch nötig. Gibson segelt schwer getroffen bis in die dritte Reihe.

Die unmittelbare Interaktion zwischen Publikum und Akteuren macht den Wrestlingabend zu einem echten Erlebnis. Die verschwitzten Muskelmänner sind Stars zum Anfassen. In der Pause mischen sie sich in Kampfkleidung unter die Zuschauer, unterhalten sich mit Fans und machen Fotos. Zum Beispiel mit Familie Reimers.

Von links: Marco Reimers, Shane-Connor Reimers, Michael Schenkenberg und Michaela Reimers
Malte Müller-Michaelis

Von links: Marco Reimers, Shane-Connor Reimers, Michael Schenkenberg und Michaela Reimers

Marco Reimers ist seit seiner Kindheit Wrestling-Fan: "Die erste Show, die ich gesehen habe, war Wrestlemania 3, 1987. Die meisten, die da gekämpft haben, sind schon tot." So wie die verstorbene Wrestlinglegende "Ultimate Warrior", deren markante Gesichtsbemalung Reimers heute aufgetragen hat. Sein Sohn Shane-Connor will irgendwann mal in die Fußstapfen der ganz großen Stars treten. Dafür trainiert der Neunjährige in der Lübecker "Suplex-Schmiede". "Er hat viel Spaß daran, deswegen unterstützen wir ihn", sagt seine Mutter Michaela. "Wir sind ein ganz normaler Sportverein."

Nach dem Hauptkampf ist der Jubel bei Familie Reimers groß. Immerhin setzt sich im 16-Mann-"Maximum-Rumble" mit Apu Singh einer von Shane-Connors Trainern durch. Wenn er keine Gegner über das oberste Seil wirft oder den Nachwuchs trainiert, betreibt Singh ein Restaurant in Wedel. Kaum einer der Kämpfer an diesem Abend ist hauptberuflicher Wrestler. Manche haben Full-Time-Jobs, die jüngeren studieren und träumen insgeheim davon, für eine große Weltkarriere entdeckt zu werden.

Der Pinneberger Marcel Barthel hat genau das geschafft. Auch er stand früher unter anderem für "Catch Wrestling Norddeutschland" im Ring, inzwischen kämpft er in den USA für den weltweiten Marktführer "World Wrestling Entertainment". Die dortigen Superstars verdienen Millionengagen. Davon sind die Aktiven in Kiel weit entfernt. Neben jungen, ambitionierten Kämpfern gibt es auch skurrile Typen, die als Vorlage für Mickey Rourkes preisgekrönte Filmrolle in "The Wrestler" gedient haben könnten.

"The Future Shock" Tom Fulton ist einer dieser Ringveteranen, die schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Vom Ringsprecher wird er als "aus dem Jahr 2133" kommend angekündigt. Gemeint sein könnten auch die 2133 Kilometer, die er für die Show auf sich genommen hat. Er ist mit dem Auto angereist - aus Bukarest. Eine halbe Stunde vor Einlass war er in Kiel. "Tom ist einer von den Jungs, die man immer anrufen kann, wenn man kurzfristig Ersatz braucht", sagt Promoter Sellhorn. "Zum Glück wollte er sowieso Freunde in Wolfsburg besuchen, deswegen zahlen wir nur die Fahrtkosten für das letzte Stück nach Kiel."



insgesamt 7 Beiträge
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skade 22.07.2017
1.
ich habe mit dem Wort "kämpfen" in dem Artikel etwas Probleme.
barlog 22.07.2017
2. Amüsantes Artikelchen
Gern hätte ich allerdings noch mehr Fotos vom Publikum gesehen - ein Grund, weswegen ich auch gelegentlich mal für ein paar schöne Minuten bei Andrea-Berg- (oder Helene-Fischer-) Konzerten im TV hängenbleibe.
w.weiter 22.07.2017
3. Netter kleiner Artikel
über ein "Event" in Kiel. Schön über Kiel etwas anderes zu lesen als über den THW-Kiel (Handball!), Kreuzfahrer im Sommer, oder Kieler Woche. Bis zu 380 Fans? WOW. Maybe der Artikel bringt mehr Fans. Nichtsdestotrotz, es ist eine winzige/witzige Randnote. Ist SPON bereits im tiefsten Sommerloch?
tailspin 22.07.2017
4. Ich habe vollstes Verstaendnis
Was soll man in Kiel denn auch sonst machen?
torsten_raab 22.07.2017
5. 200-400 Fans in der Halle?
Da wären manche Fußballvereine in der fünften Liga froh drüber.
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