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Zehnkämpfer Behrenbruch: Ausgewanderter Rebell

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Zehnkämpfer Behrenbruch Der vertriebene Pöbler

Eskapaden führten zu Pascal Behrenbruchs Rauswurf aus dem DLV-Förderteam. Der Zehnkämpfer wagte in Estland einen Neustart, wurde professioneller - und gewann EM-Gold. Nun will der Mann mit dem losen Mundwerk eine olympische Medaille.
Von Nils Lehnebach

Hamburg - Sie mögen es, wenn es fetzt, wenn jemand eine klare Meinung hat? Dann dürfte Ihnen Pascal Behrenbruch gefallen. Ein paar Beispiele: "Fuck" (über seine Trainingsleistung), "krasse Laufserien" (über sein Trainingsprogramm), "brauche mal einen Arschtritt" (über seine Motivation), "bin der King im Ring" (über sein Kugelstoßen) und "geiles Ding" (über seine Goldmedaille bei der EM). Auch für Doping-Unterstellungen gegenüber seinen Konkurrenten ist der 27-Jährige zu haben. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie was nehmen", sagte er jüngst der "Bild"-Zeitung mit Blick auf die Osteuropäer.

Sie können mit solchen Kraftausdrücken nichts anfangen? Auch damit sind sie nicht alleine. Pascal Behrenbruch ist wohl der polarisierendste deutsche Olympiateilnehmer. Und einer der besten. Denn spätestens seit seinem vor sechs Wochen errungenen EM-Sieg zählt er zu den Medaillenkandidaten beim Olympischen Zehnkampf, der am Mittwoch beginnt (Start 11 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) sah man Behrenbruchs Lebensstil und die eigenen Vorstellungen schon im vergangenen Oktober nicht mehr vereinbar. Wegen "nicht ausreichender kontinuierlicher Zusammenarbeit mit den Disziplintrainern", wie Zehnkampf-Bundestrainer Claus Marek begründete, schmiss man ihn aus dem "Top-Team" für die Spiele und verweigerte ihm damit zugleich die Förderung.

Neustart beim estnischen Olympiasieger

"Ich polarisiere eben. Beim Verband bemängelten sie meinen Lebensstil, meine Trainingseinstellung, meine Wettkampfergebnisse", sagte Behrenbruch dem SPIEGEL. Ohne finanzielle Unterstützung und Trainer wagte Behrenbruch einen radikalen Schritt. Er fragte den estnischen Olympiasieger von 2000, Erki Nool, um Hilfe, und der nahm sich des wilden Deutschen an.

Fortan wurde mit Nool und dessen ehemaligem Trainer Andrei Nazarov gearbeitet. Seine Stärken wie das Kugelstoßen wurden vernachlässigt, stattdessen durchlief Behrenbruch die Sprungschule russischer Tradition. "Du bewegst dich wie ein Panzer", kritisierte Nool. Weitere Ansatzpunkte: Die Ernährung wurde umgestellt und das Seilspringen ins Programm aufgenommen.

"Wir sind wie eine Familie und verstehen uns super", sagt Behrenbruch. In Talinn werde auf seine Wünsche eingegangen, in Deutschland hingegen sei er "angeschissen" worden. Behrenbruch wurde professioneller, spritziger, stärker - und Europameister. "Ich war sauer, und wenn man mich sauer macht, dann antworte ich darauf", sagte Behrenbruch nach seinem Triumph. Es war als Spitze gegen den DLV zu verstehen.

Dass es damals bei seinem Rauswurf nicht um Kritik an den sportlichen Fähigkeiten oder dem fehlenden Glauben an Behrenbruchs Leistungsfähigkeit ging, war offensichtlich - und wurde auch nie bestritten. Denn der Offenbacher hatte nur zwei Monate zuvor bei der Leichtathletik-WM als bester Deutscher in Daegu Platz sieben belegt.

Olympiamedaille anvisiert

Vielmehr ging es um die fehlende Anpassungsfähigkeit Behrenbruchs. Bevorzugten die Kollegen an freien Tagen einen Stadtbummel, ging er Wasserski fahren. Es sei besser für seine Regeneration. Nachts saß er ab und an bis halb eins vor dem Computer. Er könne nach einem abendlichen Training eh nicht gleich einschlafen, sagte Behrenbruch. Er hatte wenig Interesse an einem gemeinsamen Frühstück oder langen Aufwärmphasen vor den Wettkämpfen.

Dass es im vergangenen Herbst zum Bruch mit dem DLV kam, hatte sich angedeutet: Streit hatte es schon 2009 gegeben. Der Verband hatte Behrenbruch nicht für die Europameisterschaft nominiert. Dieser hatte sich zunächst unter Vorbehalt qualifiziert, konnte die Norm dann aber nach einer Verletzung nicht wie gefordert bestätigen. Behrenbruch klagte, das Schiedsgericht bestätigte aber die Verbandsentscheidung.

Talent und ein loses Mundwerk hatte Behrenbruch schon in der Jugend, in der er in verschiedensten Sportarten gestartet war. 2000 wurde er in seiner Altersklasse Hessischer Meister im Achtkampf, Hochsprung, Kugelstoßen, Diskuswerfen und Speerwerfen.

Zwei Jahre später siegte er bei den Deutschen B-Jugend-Meisterschaften im Zehnkampf und beim Speerwerfen. Dennoch war der Mehrkampf immer sein Zuhause, ein Wechsel in eine Wurfdisziplin kam nicht in Frage. "Das ist mir viel zu eintönig. Nach sechs Würfen hat man den Sieg schon in der Tasche. Beim Zehnkampf muss man hingegen richtig hart dafür arbeiten und kämpfen", sagte er damals.

Seine Kämpferqualitäten muss Behrenbruch auch in London beweisen. Gold sieht er an Weltrekordler Ashton Eaton vergeben. Doch dahinter sei alles möglich. Obwohl: Das ist es bei ihm ja eigentlich eh immer.