Zufallsschach als neues WM-Format Der reinste Ausdruck der Fantasie

Der Schach-Weltverband kürt einen Weltmeister in einer neuen WM-Variante. Sie begünstigt den Zufall. Seine Wurzeln hat das Format bei Bobby Fischer - und dessen Verfolgungswahn vor den Sowjets.

Amtierender, wenn auch inoffizieller Weltmeister im Fischer-Random: Magnus Carlsen
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Amtierender, wenn auch inoffizieller Weltmeister im Fischer-Random: Magnus Carlsen

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Bobby Fischer hatte keine Lust mehr auf klassisches Schach. 20 Jahre hatte der ehemalige Weltmeister keine Turnierpartie absolviert und nun überhäuften ihn Großmeister mit ihren neuen Analysen, Varianten und Kombinationen. Doch Fischer interessierte das nicht, er wollte Schach spielen und nicht Schach arbeiten. Das Showduell gegen Boris Spasski 1992, die Wiederholung des berühmten WM-Duells von 1972, gewann er zwar trotzdem. Aber Fischers lange Pause sah man auf dem Brett. Seine Eröffnungen wirkten geradezu verstaubt.

Vorbereitung, das war etwas für die Russen, die ihr Spanisch oder ihre Sweschnikow-Variante bis ins letzte Detail durchrechneten, Züge absprachen und Partien schoben. So dachte zumindest Fischer in seinem fortschreitenden Verfolgungswahn. Das klassische Schach war nichts mehr für ihn, der es doch so liebte, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Er brauchte etwas Neues.

Der Ex-Weltmeister wendete sich dem Zufallsschach zu. Einer Variante, bei der die Figuren auf der Grundlinie zufällig aufgestellt werden und jede Eröffnungstheorie nutzlos ist. Er selbst überlegte sich neue Regeln.

Bobby Fischer setzte am Brett auf seine Kreativität
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Bobby Fischer setzte am Brett auf seine Kreativität

Einer, der sich mit der Variante bestens auskennt, ist Großmeister Peter Svidler, dreimal wurde er inoffizieller Weltmeister im Fischer-Random. "Für Profis ist dieses Spiel äußerst attraktiv, weil es den reinsten Ausdruck der Fantasie und des Schachverständnisses ermöglicht, ohne dass man sich um die Vorbereitung sorgen muss", sagt Svidler dem SPIEGEL. Genau das ist die Idee hinter der ersten offiziellen WM im sogenannten Fischer-Random-Schach. In diesem Jahr hat der Weltverband Fide die Variante anerkannt, ab Sonntag spielt unter anderem Magnus Carlsen um den Titel.

Der Vater dieser WM-Variante ist Fischer. Er hatte sich zwar einschränkende Regeln für seine Variante des Random-Chess überlegt. Als er dann jedoch feststellte, dass diese Regeln bereits 1910 von Izidor Gross, einem Juden, aufgestellt worden waren, wollte sich der krankhafte Antisemit laut Biograf Frank Brady unbedingt von Gross abgrenzen (Lesen Sie hier ein Porträt über Bobby Fischer). Er änderte seine Richtlinien für den Rahmen der zufälligen Startaufstellung, sie begründen bis heute das Fischer-Random-Chess:

  • die Bauern stehen in der zweiten Reihe
  • der König muss zwischen den beiden Türmen stehen
  • es muss einen Läufer für die schwarzen und einen für die weißen Felder geben
  • die schwarzen Figuren spiegeln die weiße Aufstellung

Video: So läuft eine Partie im Fischer-Random-Chess ab

Die Auswirkungen dieser Figurenumstellung sind enorm. Das zeigt eine simple Rechnung: Nach dem ersten Zug einer klassischen Partie sind 400 verschiedene Stellungen möglich, nach dem zweiten Zug sind es bereits 72.084. Kommen nun die 960 verschiedenen Grundstellungen des Random-Chess hinzu, eröffnen sich den Spielern ungeahnte Möglichkeiten. Niemand kann sich auf alle möglichen Grundstellungen vorbereiten. Die Folge: Im Zufallsschach entscheidet nur die Denkleistung am Brett, nicht die Vorbereitung.

Als Fischer sich seine Regeln für das Zufallsschach überlegte, tat er das, weil seine Erzrivalen, die Spieler aus der Sowjetunion, Eröffnungsspezialisten waren. Sie hatten die besten Lehrbücher und damit einen Wissensvorsprung. Doch heute ist die Variante aktueller denn je. Schachcomputer schlagen jeden Spieler, mit ihrer Hilfe können alle Eröffnungswege berechnet werden. Auch wenn die Möglichkeiten im klassischen Spiel riesig sind, wird es immer schwieriger für Spieler, neue Eröffnungskombinationen zu finden. Schon zu Fischers Zeiten dachten Spieler an den schlimmsten Fall: Irgendwann ist alles einmal gespielt worden, nur noch nicht von jedem.

Spieler begrüßen Fischerschach

Nun wird die WM im Fischerschach das klassische Spiel natürlich nicht ersetzen. Schon allein, weil die neue Variante kaum nachvollziehbar ist. Ein Partieverlauf ist für die Spieler am Brett kaum vorherzusehen, so geht es auch den Zuschauern. Der Reiz für Fans liegt im Schach aber darin, dass sie anhand ihrer Theoriekenntnisse mitrechnen und selbst Lösungen für Probleme auf dem Brett finden können, erklärt Experte Svidler. Das ist bei einer Variante, bei der das Vorwissen fast auf null gestellt wird, so nicht mehr möglich - auch nicht für die professionellen Kommentatoren.

Nur ganz basale Richtlinien des klassischen Schachs gelten für die Zufallsvariante: Die Zentrumsfelder sind sehr wichtig, die Springer und Läufer sollten schnell entwickelt werden.

Auch wenn Fischer-Random so auch seine Nachteile hat, heißen die Spitzenspieler die Variante willkommen. "Ich denke, mehr als 90 Prozent befürworten mehr Fischerschach, weil es Spaß macht", sagt Svidler. Zufallsschach ist eine willkommene Abwechslung, auch weil eine Vorbereitung so gut wie unmöglich ist. Er wisse nicht mal, ob Carlsen, Weltmeister im klassischen Schach, sich überhaupt vorbereite, und wenn, dann wahrscheinlich nur mit Trainingspartien.

Peter Svidler wurde dreimal inoffizieller Weltmeister im Fischer-Random. Bei der laufenden WM schied er aber im Viertelfinale aus
Salah Malkawi/ Getty Images

Peter Svidler wurde dreimal inoffizieller Weltmeister im Fischer-Random. Bei der laufenden WM schied er aber im Viertelfinale aus

Am Sonntag beginnen in Norwegen die WM-Halbfinals. Kurz vor den Partien wird mit einer Software eine der 960 Stellungen ausgelost, anschließend werden zwei Spiele mit dieser Formation gespielt, jeder Spieler tritt einmal mit Weiß und einmal mit Schwarz an. Im Halbfinale spielen die Konkurrenten je zwölf Partien gegeneinander.

Inoffiziell fand die WM im Fischer-Random bereits achtmal statt, nach seinem Sieg 2018 ist Carlsen auch in dieser Variante der Titelverteidiger und Favorit. Den Norweger zeichnet insbesondere seine Kreativität im Endspiel aus. "Was in Norwegen passiert, wird extrem interessant", sagt Svidler. "Weil vier sehr, sehr starke Spieler uns zeigen werden, was dieses Spiel bietet."



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Europa! 27.10.2019
1. Verstehe ich nicht
Hat nicht der weiße Spieler automatisch einen Vorteil, weil er sich die Aufstellung ausdenken kann? Werden die Spiele nicht alsbald wieder genauso "langweilig", weil jeder mit seiner Lieblingsaufstellung anfängt?
blacksimon 27.10.2019
2. Langweilig?
Zitat von Europa!Hat nicht der weiße Spieler automatisch einen Vorteil, weil er sich die Aufstellung ausdenken kann? Werden die Spiele nicht alsbald wieder genauso "langweilig", weil jeder mit seiner Lieblingsaufstellung anfängt?
Es gibt 960 mögliche Anfangsaufstellungen. Die Anfangsaufstellung wird ausgelost. Schwarz spiegelt die Aufstellung von Weiß. Es wird also nicht langweilig und Weiß kann sich seine Lieblingsaufstellung nicht aussuchen.
jc-ob 27.10.2019
3. Chess960
Hallo zusammen, GM Vlastimil Hort ist seit 2006 (dann nicht mehr ausgetragen) amtierender Seniorenweltmeister im Fischer-Schach. Also nix Neues vom Chess960 Übrigens als Antwort für den ersten Kommentar: Die Ausgangsstellung wird gelost! Kann man sich nicht aussuchen.
jc-ob 27.10.2019
4. Link zu Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Weltmeister_im_Chess960
meresi 27.10.2019
5. So ist es
Zitat von blacksimonEs gibt 960 mögliche Anfangsaufstellungen. Die Anfangsaufstellung wird ausgelost. Schwarz spiegelt die Aufstellung von Weiß. Es wird also nicht langweilig und Weiß kann sich seine Lieblingsaufstellung nicht aussuchen.
wer lesen kann ist klar im Vorteil. Auslosung durch computer, 960 mögliche Ausgangsstellungen. Dann wirds spannend. Hab das mit einigen Jungs gespielt. Kreativität schlägt Auswendiglernen...as simple as that. Da kommt die Wahrheit ans Tageslicht, bzw das tatsächliche Können. Das einzige was man im Kopf haben sollte ist: Kurt Richter's Mattkombinationen, die sind dann sehr hilfreich
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