Folgen der Corona-Pandemie Ein verlorenes Sportjahr? Nicht für alle

Ein Fußballer arbeitet an seiner Doktorarbeit, eine Basketballerin kämpfte gegen Polizeigewalt – und auch sportlich wussten manche zu überzeugen: Welche Sportlerinnen und Sportler das Corona-Jahr genutzt haben.
Andrea Petković ist nicht nur auf dem Tennisplatz aktiv

Andrea Petković ist nicht nur auf dem Tennisplatz aktiv

Foto: Robert Michael / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Wenn das Sportjahr zu Ende geht, dann meist mit der Ehrung der Sportlerin und des Sportlers des Jahres. In Deutschland waren das 2020 die weltbeste Weitspringerin Malaika Mihambo und der Eishockeystar Leon Draisaitl .

Allerdings war das Sportjahr 2020 kein normales. Wegen der Corona-Pandemie konnten sich etliche Sportlerinnen und Sportler nicht dort auszeichnen, wofür sie eigentlich seit Jahren trainieren: Auf Höhepunkten wie den Olympischen Sommerspielen in Tokio oder der Fußball-Europameisterschaft, beide Veranstaltungen mussten verschoben werden, auch Tennisturniere wie Wimbledon fanden nicht statt. Für Mihambo, die eigentlich in die USA zu einem neuen Trainer wechseln und dann in Tokio erstmals Olympiagold gewinnen wollte, war es jedenfalls ein Jahr mit einigen ungewollten Wendungen – und sie wurde trotzdem als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. Etwas einfallslos, wenn man ehrlich ist, da waren andere Sportlerinnen beeindruckender unterwegs.

Aber es war eben kein normales Jahr – war es ein verlorenes? Hier sind ausgewählte Kurzgeschichten von Sportlerinnen und Sportlern, die 2020 mit besonderen, anderen Taten eindrucksvoll begegnet sind.

Die Unterhalterin

Der härteste Gegner von Andrea Petković in diesem Jahr ließ ihr kaum Luft zum Atmen. Immer wieder wechselte er das Tempo, brachte sie aus dem Konzept, drehte wie aus dem Nichts auf. Am Ende war vor allem der Zuschauer der Sieger nach zwei harten Matches zwischen Tennisprofi Petković und Autor Benjamin von Stuckrad-Barre. Bei Instagram hatten die beiden sich zum Livegespräch verabredet. Chaotisch, schnell und schlau ging es zu, es war beste Unterhaltung. Das lag vor allem an Petković, die selbst die wirrsten Vorstöße ihres Gegenübers so konterte, dass ein Spiel zustande kam.

Auch wenn sie wegen der Pandemie und Verletzungen nur neun Matches in diesem Jahr bestritten hat, sieben davon bei Showturnieren, würde Petković wohl protestieren, wenn man schreibt, Tennis sei in diesem Jahr für sie zur Nebensache geworden. Dafür hassliebt die 33-Jährige ihren Sport zu sehr. Aber die Schriftstellerei hat in ihrem Leben eine noch größere Rolle als bisher schon eingenommen. Mitte März gründete sie ihren eigenen Buchklub, schon länger schreibt sie für verschiedene Zeitungen und Magazine, im Herbst erschien ihr erstes Buch »Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht«, das fast ausschließlich positiv besprochen wurde. Lukas Rilke

Der Repräsentant

Corona hat den Fußball in zwei verschiedene Zeiten geteilt: Zunächst kam die gestreckte Zeit, die gefühlt langsamer verstrich, weil der Spiel- und Trainingsbetrieb pausierte. Danach aber folgte die gedrungene Zeit, in welcher der Spielplan nachgeholt werden musste und somit viele Partien in kurzen Abständen aufeinanderfolgten. Leon Goretzka hat beide Zeitformen so gut genutzt wie kaum ein anderer Fußballer.

Als die Bundesliga im März zum Halten kam, gründete der Mittelfeldspieler vom FC Bayern gemeinsam mit seinem Münchner Teamkollegen Joshua Kimmich die Hilfsaktion #WeKickCorona. »Man ist ja aktuell zu Hause gefesselt, und wir haben uns zusammen überlegt, wie wir in diesen Krisenzeiten helfen können«, sagte Goretzka damals dem SPIEGEL. Mehr als fünf Millionen Euro sind seither durch Spenden zusammengekommen. Von der Kinderstiftung Die Arche bis zu den Wormser Tafeln wurden Projekte unterstützt.

Auf und neben dem Platz wichtig: Leon Goretzka

Auf und neben dem Platz wichtig: Leon Goretzka

Foto: Jan Huebner/Taeger / imago images/Jan Huebner

Als der Fußball ab Mai wieder weiterhetzte, blieb Goretzka politisch und sozial aktiv. Hatte er sich schon zuvor oft gegen Diskriminierung eingesetzt, bezeichnete der 25-Jährige die AfD kürzlich in einem Interview mit der »Welt am Sonntag«  als »Schande für Deutschland« und forderte seine Kollegen zu mehr sozialem Engagement auf: »Als Nationalspieler sind wir nicht nur Fußballer, sondern auch Repräsentanten unseres Landes. Es gibt viele Menschen, die zu uns aufblicken, gerade aufgrund der sportlichen Erfolge wollen Kids uns nachahmen. Da müssen wir vorangehen und einen positiven Einfluss nehmen.« Er glaube, »dass das aktuell wichtiger denn je ist«.

Leon Goretzka gewann in diesem Corona-Jahr insgesamt fünf Titel mit den Bayern. Sie aber waren die kleinere Leistung. Jörn Meyn

Die Bezwingerin

Es gab in diesem Jahr viele Sportstätten, die aufgrund der Pandemie geschlossen werden mussten. Dazu gehörten vielerorts Kletterhallen, und davon war die Extremsportlerin und Kletterin Emily Harrington betroffen – sie musste sich im Frühjahr für einige Zeit in ihren vier Wänden und im Garten überwiegend mit Trockenübungen fit halten. Ein Glück: Die 34-Jährige hat eine eigene kleine Kletterwand und andere -elemente in ihrem Haus verbaut, allerdings sind die kein Vergleich zu der Wand, die sie im November bezwingen sollte.

Vor knapp zwei Monaten gelang Harrington Einmaliges: Als erste Frau hat sie die steile Wand des El Capitan über die schwierige Golden-Gate-Route innerhalb von 24 Stunden überwunden. Fast 1000 Meter ging es hinauf, viele Stunden ohne Tageslicht, ohne technische Hilfe, nur mit der eigenen Körperkraft, Meter für Meter, zog und drückte sie sich an die Spitze. »Ich habe nie geglaubt, dass ich El Cap wirklich an einem Tag frei besteigen kann, als ich mir das erste Mal dieses Ziel gesetzt habe«, schrieb sie damals bei Instagram.

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Bereits vor einem Jahr hatte Harrington einen Versuch an jener Felswand gestartet, die als der Pilgerort schlechthin der Kletterszene gilt; über die Besteigung des El Captain entstand 2017 die oscarprämierte Dokumentation »Free Solo«. Harringtons Versuch vor einem Jahr endete nach einem Sturz über zwölf Meter in die Tiefe im Krankenhaus. Harrington erlitt keine schwereren Verletzungen, aber es braucht Kraft, Zeit und Ruhe, solche Rückschläge zu überwinden. Harrington hat im Corona-Jahr diese Ruhe gefunden – und ihr Ziel erreicht. Jan Göbel

Der Stream-Lehrer

Schach boomt. Die Plattform Chess.com registrierte im November 2,8 Millionen neue User, die Seite Lichess.org zählte im selben Monat über 78 Millionen Schachpartien. Und die Netflix-Serie »Das Damengambit«  wurde innerhalb von 28 Tagen von 62 Millionen Accounts angeschaut. In der Coronakrise, der Zeit der Shut- und Lockdowns, entdecken viele Menschen Schach – auf dem Brett und online – wieder oder neu für sich.

Einer, der den Boom selbst erfährt und auch vorantreibt, ist Hikaru Nakamura. Als »GMHikaru« ist der US-amerikanische Großmeister auf der Streamingplattform Twitch berühmt geworden. Zwar streamt er schon seit Jahren. »Aber die große Veränderung kam während der Coronakrise«, sagte Nakamura dem SPIEGEL im Juli. Tausende Menschen sehen dem Weltranglistenführenden im Blitzschach nun bei seinen Partien zu.

Schach ist wieder ein Hit: Hikaru Nakamura hat mitgeholfen

Schach ist wieder ein Hit: Hikaru Nakamura hat mitgeholfen

Foto:

JOEL SAGET/ AFP

Nakamura ist ein guter Lehrer, den Sinn seiner Züge erklärt er seinem Publikum noch während der Partie. Und noch wichtiger: Nakamura hat Humor und kann auch über sich selbst lachen – für einen Weltklassespieler nicht selbstverständlich. »Nahbar zu sein, das ist sicherlich ein Problem für Topschachspieler«, sagte Nakamura. Wie kaum ein anderer Schachprofi wusste er den Boom für sich zu nutzen. Um sein Publikum zu unterhalten, spielt er mal blind, mal ohne Dame.

Heute hat Nakamura fast 700.000 Follower auf Twitch, dank zahlender Abonnenten und seines Vertrages mit einem E-Sports-Team verdient er mit dem Streaming Geld. Dass der Unterhaltungsaspekt bei Schachtraditionalisten nicht so gut ankommt, macht Nakamura wenig aus. »Das ist dieser typisch elitäre Ansatz«, sagte Nakamura: »Es geht darum, dass die Leute Spaß am Spiel haben. Es geht darum, Leute zum Spiel zu führen. Das ist viel, viel wichtiger.« Florian Pütz

Die Aktivistin

Wer in der oben erwähnten Wahl der Sportlerin des Jahres auch die Plätze hinter Mihambo begutachtet, muss sich die Augen reiben. Denn unten den Top 20 dieser von Journalisten durchgeführten Wahl  taucht eine der besten des Jahres gar nicht auf: Satou Sabally. Aber von vorn.

Die erste Welle der Corona-Pandemie lief noch, der Profisport war weltweit praktisch zum Erliegen gekommen –  da sorgte eine Meldung aus der US-Basketballliga der Frauen für Aufsehen: Satou Sabally wurde beim WNBA-Draft, der Talentezuteilung, bereits an zweiter Stelle gewählt. Nie entschied sich ein US-Profiklub früher für eine deutsche Spielerin. Sabally, 22 Jahre, geboren in New York City und zunächst in Berlin aufgewachsen, hätte noch ein Jahr an ihrem College in Oregon bleiben können, doch sie wollte zu den Profis – und die Profis wollten sie. Sabally spielt für die Dallas Wings, und wenn die US-Liga ruht, ist sie für Fenerbahçe Istanbul in der Türkei aktiv.

Gleich in ihrer dritten Partie in der US-Liga setzte Sabally mit 23 Punkten und 17 Rebounds ein erstes Ausrufezeichen und schaffte ein Double-Double

Gleich in ihrer dritten Partie in der US-Liga setzte Sabally mit 23 Punkten und 17 Rebounds ein erstes Ausrufezeichen und schaffte ein Double-Double

Foto: Phelan M. Ebenhack / AP

New York City, Berlin, Oregon, Dallas (die Stadt von Dirk Nowitzki), Istanbul: Sabally ist nicht nur eine herausragende Basketballerin (»immer für einen Wow-Moment gut«, O-Ton Kelly Graves, ihr Trainer am College), sie ist eine Weitgereiste, die sich für das Weltgeschehen interessiert, die sich für jene einsetzt, die kaum eine Plattform haben. Als Sabally nach einem Spiel in der US-Liga nach ihrer Leistung gefragt wurde, sagte sie: »Wir spielen aggressiv, aber heute haben wir für Sandra Bland gespielt, das ist alles, was ich sage.« Sabally wollte im Live-Interview auf den Tod einer afroamerikanischen US-Bürgerin in Polizeigewahrsam aufmerksam machen. Das ist mutig, das ist wichtig: »Ich will als Aktivistin gesehen werden«, sagte sie der »Süddeutschen Zeitung« .

Auch das sportliche Jahr der Aktivistin verlief erfolgreich, ihre Werte in der US-Liga waren oft herausragend, Sabally hätte in Deutschland mehr Anerkennung verdient. Aber vielleicht kommt das noch, auch beim aktuellen Sportler des Jahres, Leon Draisaitl, hat es lange gedauert, bis man auf seine Topleistungen in der NHL aufmerksam wurde. Jan Göbel

Der Doktor

Sebastian Nachreiner hat nicht nur Fußball im Kopf. Der Innenverteidiger des Fußball-Zweitligisten Jahn Regensburg hat die frei gewordene Zeit in der Corona-Pandemie genutzt, um mit seiner Doktorarbeit in Rechtswissenschaft voranzukommen. »Wenn man derzeit schon aufgrund der Beschränkungen nicht viel machen kann, dann gibt es auch weniger Ausreden, nicht an der Doktorarbeit weiterzuschreiben«, sagt Nachreiner dem SPIEGEL.

Dreimal die Woche für drei Stunden versucht er, an der Dissertation mit dem Thema »Rechte und Pflichten von Fußballschiedsrichtern« zu arbeiten. Das Wichtigste sei eine gute Organisation, dann klappe es auch neben dem Training. Für seine Teamkollegen ist Nachreiner längst Ansprechpartner für juristische Fragen geworden. »Bei kleineren Sachen versuche ich weiterzuhelfen.«

Kommt auf bisher 108 Einsätze in der zweiten Liga: Sebastian Nachreiner

Kommt auf bisher 108 Einsätze in der zweiten Liga: Sebastian Nachreiner

Foto: Armin Weigel / picture alliance/dpa

Nach Regensburg ist er 2009 zunächst nur zum Studieren gekommen, Fußball spielte er nur, weil es ihm Spaß machte. Erst ein Jahr später stieß er zum SSV Jahn. Das Studium wegen der Doppelbelastung abzubrechen, war nie eine Option. »Da hätte ich auch Ärger mit meinen Eltern bekommen«, lacht der 32-Jährige, dessen Vater Anton nach vierjähriger Fußballkarriere bei 1860 München ebenfalls promovierte und heute Richter ist.

»Eine Verletzung kann jederzeit passieren. Dann war es das mit dem Fußballspielen. Die Wenigsten schaffen es, nach der aktiven Zeit ausgesorgt zu haben«, sagt Nachreiner, der 2018 einen Kreuzbandriss hatte und Monate ausfiel. Profivereine sollten aus seiner Sicht mehr tun, um Fußballer auf die Zeit nach der Karriere vorzubereiten. Er jedenfalls ist auf gutem Weg. Marie-Julie May

Die Nummer eins

Was Dustin Johnson sieht, wenn er auf das Corona-Jahr zurückblickt: Er sieht sich an der Spitze der Golf-Weltrangliste, er sieht bei sich im Schrank das Grüne Jackett des Masters-Siegers. Und er sieht keinen Golfer, der ihm in diesem Jahr wirklich ernsthaft den Rang des Besten streitig machen konnte.

Mann in Grün: Dustin Johnson (mit Tiger Woods, r.)

Mann in Grün: Dustin Johnson (mit Tiger Woods, r.)

Foto: Brian Snyder / REUTERS

20 Schläge unter Par, was für ein Resultat am Ende des Masters, was für eine Dominanz. Ein solches Endergebnis hat nur Jason Day mal in einem Major-Turnier geschafft. Und wenn es ein ganz normales Golfjahr gewesen wäre, wäre Johnson dies wahrscheinlich nicht gelungen. Die Verlegung des Masters in den November, in die Zeit, in der die Regenschauer auch über den sonst von der Sonne verwöhnten Bundesstaat Georgia hinweggehen, hat die Grüns feuchter und damit langsamer gemacht. Ein Vorteil für die, die die langen Schläge beherrschen. Und Johnson ist ein Langschläger in der Szene.

19 Mal hatte sich Johnson bei Major-Turnieren schon unter den Top Ten platziert, er hat schon so viel gewonnen, aber dieses verflixte Masters-Turnier von Augusta, das Turnier, in dessen Nähe Johnson aufgewachsen ist, dieser Sieg wollte ihm einfach nicht gelingen. Bis 2020 kam. Nie war er so gut, nie war er so erfolgreich. 2020 war einfach sein Jahr. Peter Ahrens