Behandlung mit Eis im Sport Schädliche Kälte

Jahrzehntelang wurde jede kleine Verletzung auf Sportplätzen mit Eis behandelt. Nun zeigt eine neue Studie: Beschädigte Muskeln zu kühlen, ist womöglich sogar hinderlich für die Heilung.
Der ehemalige Bayern-Profi Franck Ribéry während der EM 2012 bei der Behandlung mit Kälte

Der ehemalige Bayern-Profi Franck Ribéry während der EM 2012 bei der Behandlung mit Kälte

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FRANCK FIFE, STR / AFP

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Bei einer Verletzung oder im Anschluss an ein intensives Spiel greifen viele Sportlerinnen und Sportler zu Eis, um ihren Muskel abzukühlen. Doch damit tun sie sich offenbar keinen Gefallen. Beschädigte Waden oder Oberschenkel zu vereisen, ist nicht nur wirkungslos, sondern womöglich sogar nachteilig. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die im Journal of Applied Physiology veröffentlicht wurde.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Kobe in Japan und anderer Institutionen haben die Unterschenkel von 40 jungen, gesunden, männlichen Mäusen elektrisch angeregt und so für die Tiere eine extreme Dauerbeanspruchung simuliert. Es gilt zu beachten, dass in dem Experiment Muskelschäden wie eine Zerrung oder ein Riss herbeigeführt wurden – und nicht nur Muskelkater oder Müdigkeit.

Die Eistonne wird nach hohen Belastungen zum Beispiel im Trainingslager gern genutzt, aber die Muskelregeneration wird dadurch womöglich ausgebremst

Die Eistonne wird nach hohen Belastungen zum Beispiel im Trainingslager gern genutzt, aber die Muskelregeneration wird dadurch womöglich ausgebremst

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Klaus Rainer Krieger / imago images

Wie beim Menschen bestehen die Muskeln der Nagetiere aus Fasern, die sich bei jeder Bewegung dehnen und zusammenziehen. Die Fasern werden bei einer Überlastung beschädigt. Nach der Heilung sollten die betroffenen Muskeln und ihre Fasern stärker werden und besser in der Lage sein, denselben Kräften standzuhalten, wenn Sie das nächste Mal trainieren.

Die Forscherinnen und Forscher wollten wissen, ob das Kühlen mit Eis den Heilungsprozess verändert. Sie schnallten der Hälfte der Tiere winzige Kühlpacks an die Beine.

Bislang war nur wenig darüber bekannt, was tief in den Geweben der beschädigten Muskeln passiert – und ob die Vereisung möglicherweise die Erholung behindert?

»Um akute Schmerzen abzuschwächen und Schwellungen zu vermeiden, kann Eis hilfreich sein. Aber wenn Sportlerinnen und Sportler wieder langfristig fit gemacht werden sollen, ist Kühlen die falsche Maßnahme.«

Ingo Tusk, Chefarzt der Klinik für Sportorthopädie und Endoprothetik in Frankfurt

Den Mäusen wurden regelmäßig Muskelproben entnommen. In den nicht gekühlten Muskeln sammelten sich rasch Zellen, die das entzündete Gewebe wiederherstellten. Innerhalb weniger Stunden begannen diese Zellen damit, die geschädigten Fasern zu entfernen. Nach zwei Wochen waren die Muskeln vollständig geheilt. Nicht so in den vereisten Muskeln: Dort verzögerte sich die Erholung deutlich. Auch nach zwei Wochen waren die Muskeln unvollständig geheilt und die Gewebe beschädigt.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Muskelregeneration durch das Kühlen mit Eis ausbremst wird. Ingo Tusk, Chefarzt der Klinik für Sportorthopädie und Endoprothetik in Frankfurt, bestätigt die Erkenntnisse: »Um akute Schmerzen abzuschwächen und Schwellungen zu vermeiden, kann Eis hilfreich sein. Aber wenn Sportlerinnen und Sportler wieder langfristig fit gemacht werden sollen, ist Kühlen die falsche Maßnahme.«

Gerade bei Verletzungen wie einem Muskelfaserriss sei die Behandlung mit Eis kontraproduktiv.

Wann ist ein Eisbeutel sinnvoll?

In der operativen Medizin ist die Behandlung mit einem Eisbeutel etwa nach Knie- oder Hüftoperationen weitestgehend abgeschafft worden, »weil es bereits klare Anzeichen aus der Forschung gab, dass durch die schlechtere Durchblutung in der Kälte der Heilungsprozess verlangsamt wird«, sagt Tusk. Der Mediziner, der auch als Vizepräsident der Deutschen Sportärzte (DGSP) tätig ist, berichtet von Patientinnen und Patienten, die Eis mit seinem schmerzstillenden Effekt als sehr angenehm empfinden. Er müsse ihnen nun häufig erklären, warum es keine Eisbeutel mehr gibt, die es jahrzehntelang gab.

Eisspray beim Fußball: Für die Linderung von akuten Schmerzen sinnvoll, für die Heilung nicht

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Foto: Ben Majerus / imago images

Und was ist mit dem Eisspray, zu dem besonders im Leistungssport schnell gegriffen wird? Hier sei der Nutzen ein anderer, sagt Tusk. »Damit wollen wir keine Heilung erreichen, sondern ein Anschwellen verhindern, sodass die Spielerinnen und Spieler möglichst schnell auf den Platz zurückkehren können.« Durch die Kälte zieht sich das verletzte und blutende Gewebe zusammen, weitere Einblutungen bleiben dadurch aus.

Tusk rät, zwischen Verletzung und Belastung zu unterscheiden. Bei Sportlerinnen und Sportlern, deren Muskeln belastet, aber nicht verletzt ist, sei ein Eisbad oder ein Sprung in die Eistonne sinnvoll. »Dabei ziehen sich die Gefäße zusammen und es kommt nach dem Heraussteigen zu einer Mehrdurchblutung, die die Regeneration verbessert.«

Wichtig sei deshalb im Umgang mit Eis: »Zur Regeneration darf es genutzt werden, aber nicht als Therapie.«

Die beschädigten Muskeln scheinen eigenständig zu wissen, wie sie sich heilen. Einen Eisbeutel braucht es dafür nicht.

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