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FUSSBALL Sprich: pleite

Erst verspielten Vorstand und Spieler des Karlsruher SC ein Vermögen bei Spekulationsgeschäften, dann brach die Bundesliga-Mannschaft ein. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Zu Anfang der Saison hatte sich Bundesliga-Aufsteiger Karlsruher SC wacker behauptet. Doch plötzlich verlor die Mannschaft kläglich, schaffte bis zur Winterpause keinen Punkt mehr und scheiterte im Pokal sogar an einer Amateurmannschaft.

Auf respektable 12:12 Punkte bis zum 14. November folgten 0:10 Punkte bei 4:26 Toren. »Mit einem Tief muß man immer rechnen«, beschwichtigte KSC-Präsident Roland Schmider. Die Experten wiesen auf unerfahrene Spieler hin, auf Kräfteverschleiß und Verletzungspech.

Doch das erklärt nicht alles. Als die KSC-Elf an jenem 14. November gegen Werder Bremen auflief, hatten einige Spieler schon vorher verloren. Finanzielle Fehlspekulationen versetzten dem KSC offenbar einen psychischen K.o.

»Sehr geehrte Anleger«, war betroffenen Spielern und Funktionären am schwarzen Mittwoch vor dem Spiel gegen Werder in einem Rundschreiben mitgeteilt worden, »die Benmore Ltd. ist illiquide, sprich: pleite.« Die Düsseldorfer Kapitalanlagefirma »Benmore Ltd. und GmbH« betrieb über Geldhändler bei »Stotler & Company« in Chicago auch Devisenspekulationen (Mindesteinlage: 25 000 Mark). Beim KSC wollten vom Präsidenten Roland Schmider bis zum Trainer Werner Olk samt Spielern viele das große Rad mitdrehen.

Erfahrungen anderer Spieler hätten die Karlsruher warnen können: Denn bei windigen Anlagegeschäften hatten sich schon viele Bundesliga-Großverdiener festgedribbelt. Das erste spektakuläre Eigentor auf dem Finanzierungsfelde war Linksaußen Ewald Lienen von Borussia Mönchengladbach unterlaufen. Er wollte 1981 seine Karriere beenden, spielt jedoch immer noch, nachdem er durch überteuerte Wohnungen nach dem Bauherrenmodell »viel Geld in den Sand gesetzt« hatte.

Die Frankfurter Eintracht wählte gar den Vertriebsdirektor der Vermögenberatungs-Firma »Südfinanz«, Wolfgang Zenker, zum Vizepräsidenten. Er vermittelte zu den »üblichen Provisionen« etwa 80 Spielern, darunter dem Kern des Eintracht-Teams, Wohnungen nach dem Bauherrenmodell.

Doch finanzielle Siegchancen bieten die in der Regel überteuerten Immobilien nur bei langfristigem Höchstverdienst, nach Zeiträumen jedenfalls, die über die kaum zehn Glanzjahre eines

Fußballprofis hinausreichen. »Uns gehen die Geschäfte«, jammerte 1983 ein Frankfurter Profi, »auch während der Spiele durch den Kopf.«

Der Koreaner Bum Kun Tscha setzte für zwei Häuser 900 000 Mark ein, geriet mit Hypothekenzahlungen in Rückstand und mußte, ausgenommen »wie eine Weihnachtsgans« (Berater Holger Klemme), unter Wert verkaufen.

Im letzten Jahr bat der Kölner Nationalspieler Gerd Strack seinen Klub um ein Darlehen. Er hatte sich für zwei Häuser und ein Totogeschäft bis zur Belastungsgrenze verschuldet. Dann brachte ihn eine Verletzung, wie sie jedem Profi zustoßen kann, um die eingeplanten Prämien. Seine Finanzierung brach zusammen. In jeder Mannschaft, weiß Fußball-Manager Klemme, habe »mindestens eine Handvoll Spieler solche Objekte«.

Der 1. FC Köln, dessen halbe Mannschaft in Immobilien investiert hat, beabsichtigt, den finanziellen Strafraum künftig durch seriöse Finanzberater abzuriegeln. Auch Bankdirektor Rudolf Müller, der frühere Präsident Eintracht Braunschweigs, hatte eine »Pflicht zur Beratung der Spieler« anerkannt. Doch die wenigsten Klubs weihen ihre Kicker in die andersartigen Regeln des Geldanlagespiels ein. Deshalb zahlten viele ein sechsstelliges Lehrgeld.

Ob guter Rat die Karlsruher vor Schaden bewahrt hätte, steht allerdings dahin. Denn Funktionäre krochen zuerst auf den Leim: Helmut Großmann, Immobilien- und Finanzberater, aber auch Mitglied des KSC-Verwaltungsrats, brachte die frohe Kunde, daß die Benmore Ltd. mutige Einsätze im Devisenhandel mit 30 Prozent Jahresprofit zu belohnen verspreche.

Insider erfuhren, daß Großmann selber mit einer sechsstelligen Summe einsteige, Verwaltungsrat Fritz Fetzner, ein Möbelkaufmann, und Präsident Schmider, Geschäftsführer eines Getränke-Großvertriebs, weit über 100 000 Mark riskierten, ebenso Trainer Olk.

Da mochten die Spieler nicht abseits stehen: Mittelfeldspieler Uwe Dittus, Libero Klaus Theiss und Kapitän Emanuel Günther griffen zu, insgesamt wollten ein halbes Dutzend KSC-Kicker an der wunderhaften Geldvermehrung teilhaben.

Aber bevor es zur Spekulation mit Dollar, Yen und Schweizer Franken kam, zweigte Benmore-Chef Dirk Seemann von insgesamt 52 Millionen in der Bundesrepublik eingesammelten Mark eine Hälfte ab: Er verlor 24 Millionen Mark beim noch heißeren Warentermingeschäft mit Schweinebäuchen. Mit den verbliebenen 28 Millionen Mark tauchte er unter; nun jagt ihn Interpol.

Einmal meldete er sich noch aus dem Ausland bei seiner Freundin in Düsseldorf. »Beruhige die Anleger«, telephonierte er. »Sie werden alle ihr Geld zurückerhalten.« KSC-Verwaltungsrat Großmann mochte nicht darauf warten. Er verkaufte sein Haus und an seinen betroffenen Mitverwaltungsrat Fetzner den hochgetunten BMW.

In den Krisensitzungen zeigte der KSC-Vorstand ungewöhnliches Verständnis für die Fehltritte seiner Mannschaft. Er feuerte nicht einmal Trainer Olk. »Ich werde nicht dulden«, versprach Präsident Schmider, daß man »die Schuld dem Trainer zuschiebt.«

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