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DOPING Sprung aus dem Fenster

Verlogene Funktionäre verdammen Anabolika - und lassen erwischte Olympia-Hoffnungen laufen. Dabei sind die Folgen des Dopings dramatischer als bisher angenommen. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

So schnell wie möglich«, versprach Arrigo Gattai, der Präsident des Italienischen Olympischen Komitees, wolle er den Skandal aufklären: Italiens Leichtathletik-Verband soll seine 25 aussichtsreichsten Medaillenkandidaten über ein eigens eingerichtetes Büro regelmäßig mit Dopingmitteln versorgt haben.

Das war im Januar; die Beweislage schien eindeutig. Seit 1985, so erklärte Carlo Vittori, der Trainer von Olympiasieger Pietro Mennea, öffentlich, seien »anabole Steroide an die Athleten verteilt« worden. Und Speerwerfer Agustino Ghesini sagte aus, er sei nach einem Rekordwurf aufgefordert worden, seine »Leistung durch die Einnahme verbotener Substanzen noch zu steigern«.

Doch seit vier Monaten ist von dem verwerflichen Tun keine Rede mehr. Die Aufklärung blieb aus, der Grund ist simpel: Die Dopingsünder bereiten sich auf den Olympiastart in Seoul vor.

Der italienische Dopingskandal ist ein besonderes augenfälliges Beispiel für die Doppelzüngigkeit der Sportfunktionäre. Nach außen beklagen sie lautstark die Dopingseuche. Wird aber ein potentieller Medaillenkandidat ertappt, akzeptieren sie die platteste Entschuldigung und hintertreiben eine wirksame Bestrafung.

Vor allem in der Leichtathletik dauern selbst lebenslange Sperren höchstens 18

Monate. So durften die DDR-Kugelstoßerin Ilona Slupianek und die sowjetische Fünfkämpferin Nadeschda Tkatschenko 1980 Olympiasiegerinnen werden, obgleich sie wegen Dopings 1978 für alle Zeiten gesperrt worden waren.

Der Gewichtheber Alexander Kurlowitsch und Eisschnellauf-Weltrekordler Nikolaj Guljajew, beide aus der UdSSR, waren beim Schmuggel mit für den Schwarzhandel bestimmten Muskelpillen erwischt worden. Kurlowitsch, der 1985 lebenslang gesperrt worden war, wurde zwei Jahre später wieder Weltmeister. Guljajew, der behauptete, er sei unwissentlich als Bote mißbraucht worden, stand im Februar bei Olympia in Calgary wieder auf dem Siegertreppchen.

Doping ist keinesfalls, wie hierzulande immer wieder gern beschönigend verkündet wird, vor allem ein Problem des Ostblocks. Auch in der Bundesrepublik wird der Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel, die im vorigen Jahr an der zerstörerischen Kombinationswirkung von über 100 verschiedenen Präparaten starb, offensichtlich verdrängt.

So nominierte jetzt der Bundesverband Deutscher Gewichtheber bedenkenlos seinen Olympiasieger Karl-Heinz Radschinsky wieder für Seoul. Der Mitinhaber eines Trimmstudios war zwar 1986 wegen Handels mit verbotenen Anabolika von einem Nürnberger Gericht zu 18 Monaten Haft mit Bewährung und 35 000 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Aber im April dieses Jahres stemmte sich Radschinsky wieder zum deutschen Meistertitel, und bei den Europameisterschaften vor zwei Wochen schaffte er die Olympia-Qualifikation.

Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, sträubte sich lange, sah in der Olympiazulassung des rechtskräftig Verurteilten auch eine »ethische Frage«. Doch die patriotischen Hoffnungen auf eine Medaille dürften derlei Hindernisse beiseite räumen: Jetzt soll eine fünfköpfige Kommission feststellen, ob Radschinsky schon wieder olympiawürdig ist.

Ausgerechnet Daume lieferte den Heberfunktionären das populärste Startargument. Radschinsky könne »auf jeden Fall olympischen Anspruch erheben«, befand Wolfgang Peter, der Leiter der Medizinischen Kommission des Weltverbandes, »wenn ein Anaboliker wie Peter Angerer in Calgary die deutsche Fahne trägt«. Daume hatte den Biathleten in Kanada mit der ehrenvollen Aufgabe betraut.

Angerer war 1986 zusammen mit seinem Mannschaftskameraden Peter Wudy des Doping-Mißbrauchs bei der Weltmeisterschaft in Oslo überführt worden. Der Biathlon-Olympiasieger wurde nur für ein halbes Jahr gesperrt, weil der Verband die beliebte Version auftischte, nicht der Athlet selbst trage die Schuld, sondern der Arzt, der ihm ein Grippemittel mit der verbotenen Substanz verordnet habe. Unter den 93 Athleten in Calgary fand das NOK aber offenkundig keinen geeigneteren Athleten für den Fahnen-Gang.

Bei den international üblichen Gnadenakten sehen die Funktionäre großzügig über die jüngeren Erkenntnisse der Medizin hinweg: Neue Untersuchungen in den USA belegen, daß die Risiken für gedopte Athleten dramatisch höher sind als bisher angenommen.

»Ich halte es für ziemlich gut untermauert«, faßte der amerikanische Krebsexperte Dr. Wylie Overly seine Beoachtungen zusammen, »daß diese Drogen Krebs erzeugen.« US-Sportmediziner Dr. Bob Goldman kann zwar keinen unmittelbaren Zusammenhang beweisen, führt aber als Beispiel einen Gewichtheber an, der sich dopte und mit 26 Jahren an Krebs starb.

Physische Auswirkungen, vom Hodenschwund bei Männern und Unfruchtbarkeit bei Frauen bis hin zum Exitus, sind nur ein Teil der möglichen Dopingfolgen. Seit der schwedische Diskushüne Ricky Bruch nach einem Wettkampf im Flugzeug randalierte und der belgische Rekord-Gewichtheber Serge Reding in tiefer Depression Selbstmord beging, ahnen Experten, daß die Muskelmittel auch psychische Folgeschäden auslösen.

Zwei US-Ärzte untermauerten jetzt den Verdacht. Harrison Pope junior, ein Psychiater aus Belmont im US-Staat Massachusetts, und David Katz von der _(SPIEGEL-Titel 37/1987. )

Harvard Medical School nannten ihre Entdeckung »Bodybuilder Psychose«. Den Namen wählten sie, weil vor allem Bodybuilding-Studios als Umschlagplätze der Anabolika ausgemacht wurden.

Die beiden Ärzte hatten Patienten mit auffälligem Verhalten behandelt und dabei eine Gemeinsamkeit entdeckt: Es waren Kraftsportler, die sich gedopt hatten. Einer hatte nach einem Vorfahrtsstreit einen Autofahrer verfolgt und dessen Windschutzscheibe zertrümmert. Ein anderer glaubte, er könne unbeschadet aus dem dritten Stock springen. Ein dritter ließ sich auf Video filmen, während er in einem Auto mit gut 55 Stundenkilometer gegen einen Baum fuhr.

Durch Befragungen in Sporthallen gewannen die Ärzte 31 Leistungssportler für weitere Untersuchungen über die psychischen Folgen des Mißbrauchs anaboler Steroide. »Wir fanden ein wahrscheinlich allgemeines Problem«, schrieb Pope, »das gleichwohl lange Zeit unentdeckt geblieben ist.« Auf Nebenwirkungen der Anabolika seien »weit mehr psychiatrische Symptome zurückzuführen, als jeder bisher angenommen hat«.

Drei der Doping-Patienten litten unter psychotischen Symptomen: Einer hörte mehrere Wochen lang Stimmen und Geräusche, ein anderer behauptete, Fremde übertrügen ihre Gedanken auf ihn. Vier hielten sich für Supermänner, die ohne Folgen aus Fenstern springen könnten. Die Konsequenzen langzeitlichen Anabolika-Mißbrauchs hält Pope für »weit schwerwiegender als die des gewöhnlichen Drogenkonsums«.

Auch der Mediziner Herbert Haupt aus St. Louis stellte bei Doping-Patienten »Neigung zu Aggressionen und Gewalttätigkeit«, zu »Persönlichkeiten wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde« fest. Allerdings hatten Haupts Patienten, wie auch Popes Probanden zumeist Bodybuilder und Football-Spieler, die Muskeldrogen bis zur zehnfachen Dosis geschluckt. Nahezu alle litten unter Wahnvorstellungen. Einige glaubten, Freunde hätten sie bestohlen, andere berichteten von eingebildeten Morddrohungen. Gemessen an den Risiken wirken die Dopingbestimmungen und -strafen wie eine Farce. Vor allem bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Erdteilkämpfen müssen die Athleten mit Dopingtests rechnen. Tests in der entscheidenden Trainingsphase, in der vor allem gedopt wird, werden bisher außer in Skandinavien und in England sowie bei einigen Ruder-Organisationen von den Fachverbänden verhindert. Nach Meinung der Experten aber könnte nur so die Dopingseuche eingedämmt werden. Denn erfahrene Sportler haben längst gelernt - und setzen die Dopingmittel rechtzeitig vor Kontrollen ab.

Auch da leisten die Fachverbände ganz offensichtlich Hilfestellung. Jedenfalls forderte das Internationale Olympische Komitee (IOC) jetzt die 21 von ihm anerkannten Doping-Laboratorien in aller Welt auf, den Mißbrauch der Einrichtungen zu beenden. Den Olympia-Funktionären war aufgefallen, daß die Doping-Prüfer ihre Untersuchung in den meisten Fällen gewissermaßen als Vorwarnung verstanden hatten. Eine Umfrage bei den Laboratorien hatte ergeben, daß diese 9759 Dopingproben, die 1987 bei internationalen Wettkämpfen genommen worden waren, untersucht hatten. 229 der Proben waren positiv.

Tatsächlich aber, so fand das IOC heraus, waren - vor den Wettkämpfen - weit mehr Proben genommen worden. Insgesamt hatten die Laboratorien 37 882 Tests vorgenommen, von denen 854 positiv gewesen waren.

Die Umfrageergebnisse bestärkten den Verdacht, daß in einigen Ländern die Athleten ganz offensichtlich vorgetestet und nur dann zu internationalen Wettkämpfen geschickt werden, wenn sie sauber sind, das Doping nicht mehr nachgewiesen werden kann. Die Labors, von denen eine abschreckende Wirkung ausgehen soll, dienen also dazu, Doping im Hochleistungssport zu vertuschen.

Aber selbst das IOC weichte im vergangenen Jahr seinen Strafkatalog entscheidend auf. Schon in Seoul soll zwischen »vorsätzlichem« und »versehentlichem Doping«, etwa durch verbotene Substanzen in verordneten Medikamenten, unterschieden werden. Dopingsünder kommen dann günstigenfalls mit drei Monaten Sperre davon.

Wohin dieser Weg führen kann, zeigte sich schon vor vier Jahren in Los Angeles beim Modernen Fünfkampf. Vor dem Schießen stopfen sich ganze Nationalteams mit Betablockern voll. Die treffsicheren Patienten hatten allesamt ärztliche Atteste für passende Gebrechen vorgelegt. Der Verband akzeptierte, die Dopingschützen durften die Medaillen ganz legal ausschießen.

SPIEGEL-Titel 37/1987.

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