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DOPING Spuren im Müll

Der Bericht eines Spezialagenten enthüllt die Tricks der US-Leichtathleten: ein fast perfektes Betrugssystem - wenn die Beteiligten nicht so geschwätzig wären.
aus DER SPIEGEL 10/2004

Victor Conte, der Kopf der Betrügerbande aus Kalifornien, hatte am Abend des 20. August 2002 gute und schlechte Nachrichten für seine Kundschaft.

In einer E-Mail warnte er einen Geschäftspartner, auf keinen Fall mehr das Dopingmittel mit dem Codenamen »The Clear« zu verwenden. Verräter hätten eine Probe mit dem Anabolikum an Kontrolleure des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geschickt. Er habe dies »gerade von einem Insider erfahren«, seinem Spion im Dopingkontrollsystem der USA. Nun müsse er davon ausgehen, dass ihnen die Fahnder bald auf die Schliche kommen würden: »Das ist sehr bedauerlich.«

Doch dann beruhigte der Chef der Balco Laboratories in Burlingame bei San Francisco sogleich: »Das Gute ist, dass wir die Warnung rechtzeitig bekommen haben, um positive Dopingtests zu verhindern.« Zudem arbeite er bereits an einem neuen Stoff - der »sollte in wenigen Monaten verfügbar sein«.

Was Conte nicht wusste: Als er die Brandnachricht verfasste, hatte ihn bereits Jeff Novitzky, ein Spezialagent der amerikanischen Steuerbehörde, im Visier. Der Detektiv kontrollierte E-Mails und Bankkonten, er observierte Conte und wühlte sogar in dessen Mülleimer nach verdächtigen Spuren.

Was Novitzky schließlich herausfand und in einer 52seitigen »eidesstattlichen Erklärung« niederschrieb, ist ein Bericht über einen der größten Dopingskandale der Sportgeschichte - ein beinahe perfektes Betrugssystem, in Teilen durchaus nach dem Muster der ehemaligen DDR konzipiert, aufgepeppt mit viel Geld, modernster Kommunikation und Logistik.

Wie ein weltweit operierender Versandhandel belieferte Conte US-Footballstars ebenso wie Baseballspieler und Leichtathleten, die Weltmeister und Olympiasieger wurden.

Zwar sind bisher erst Conte, sein Stellvertreter, der Trainer des Baseball-Stars Barry Bonds, Greg Anderson, sowie Remi Korchemny, der Trainer der 100- und 200-Meter-Weltmeisterin Kelli White, angeklagt; zwar hält Fahnder Novitzky die Namen der Sportler noch geheim, weil er die Athleten als Zeugen braucht. Doch US-Präsident Georg W. Bush und Justizminister John Ashcroft trieben persönlich die Ermittlungen voran - und so werden schon bald weitere Namen und Details öffentlich werden. Damit werden gleichzeitig alle Leistungen der US-Athleten, auch die zukünftigen bei den Olympischen Spielen im Sommer in Athen, mit einem Dopingverdacht behaftet sein.

Denn allein was Novitzky im Müll entdeckte, übertrifft das Repertoire des berüchtigten DDR-Staatsdopings bei weitem. Der Agent fand Reste von

* zwei Epo-Präparaten zur Verbesserung der Ausdauer,

* mehreren Mitteln mit Wachstumshormon zum Muskelaufbau,

* Testosteron zum letzten Aufputschen vor dem Wettkampf,

* weiteren Anabolika.

Fachleute staunen besonders über den virtuosen Umgang mit den klassischen Anabolika. Contes Leute erschufen eigens THG - »The Clear« genannt -, ein neues Steroid, das bis dahin kein Kontroll-Labor kannte. Sie verkauften Oxandrolon, auch unter dem Handelsnamen Anavar bekannt, das Insider wegen seiner milden Nebenwirkungen rühmen.

Und sie empfahlen Norbolethon, ein Uralt-Anabolikum aus den sechziger Jahren, das in den USA niemals zugelassen und längst vergessen war. Der Vorteil: Auch die Kontrolleure hatten es nicht auf ihrer Liste und suchten bei ihren Tests erst gar nicht danach - ein Musterbeispiel, wie spielerisch-einfach amerikanische Athleten den Anti-Doping-Kampf umgehen können. Fast alle der über 50 Balco-Sportler blieben bis 2003 bei offiziellen Kontrollen negativ.

Zur Maskierung der Dopingmast setzte Conte zudem auf altes DDR-Knowhow. Er riet seinen Klienten, zur Kraftsteigerung sein Wundermittel »The Cream« anzuwenden. Dieses Präparat enthält laut Ermittler Novitzky Testosteron ebenso wie das Doping-verschleiernde Epitestosteron. Auf diese Weise werde das Verhältnis beider Stoffe zueinander stabil gehalten. Mit dieser Methode, die einst Leipziger Forscher entwickelt hatten, tricksten die Athleten jeden Dopingfahnder aus.

Und auch sonst erinnert das Conte-Reich an das DDR-System. Der Doktor aus Kalifornien verfügte etwa über ein funktionierendes Netzwerk von Informanten, das ihn unter anderem über alle Aktivitäten der US-Anti-Doping-Behörde Usada auf dem Laufenden hielt. So wusste er jederzeit, wonach gerade gefahndet wurde, und konnte seine Leute warnen. Außerdem führte er Kürzel für die von ihm angebotenen Substanzen ein. E stand für Epo, C für sein Testosteron-Präparat »The Cream«. Von seinen Kunden nahm er nur Schecks und brachte diese persönlich zur Bank.

Dass Novitzky trotz der Konspiration ein Blick hinter die Kulissen des internationalen Handels mit Dopingmitteln gelang, verdankt der Ermittler der Geschwätzigkeit der Szene. Zeitweise wiegte sich Conte wohl so sehr in Sicherheit, dass er einen allzu offenherzigen E-Mail-Verkehr mit seiner Klientel führte. Denn der Herr der Drogenriege war nicht nur Hersteller und Verteiler für Fitmacher, sondern auch freundschaftlicher Berater.

Am 28. August 2002, zwei Tage vor dem Golden League Meeting in Brüssel, meldete sich etwa eine 400-Meter-Läuferin bei Conte via E-Mail. Sie war auf »Cream«, begehrte aber auch »Zugang« zu einem weiteren Testosteron-Gel und wollte wissen, ob sie es ausprobieren könne. Conte reagierte erschüttert: »Benutze das Testosteron-Gel nicht. Es wird einen positiven Test bewirken. Wer auch immer gesagt hat, es sei okay, ist ein kompletter Idiot.« In einer weiteren Mail riet Conte der Sportlerin, bei seinem Testosteron-Präparat zu bleiben. »Du hast ein effektives und sicheres Programm, warum ein Risiko eingehen?«

Nun wartet Amerika gespannt auf die Bekanntgabe der von Novitzky aufgestellten Kundenliste. Fest steht schon jetzt, dass es sich um ein Who's who des amerikanischen Sports handelt. Einen Scheck über 875 Dollar erhielt Conte im April 2001 von einem US-Leichtathletik-Weltrekordhalter. 7350 Dollar kassierte Conte Anfang September 2000 von einem Olympiasieger. Im August 2002 zahlte ein amtierender US-Leichtathletik-Meister 195 Dollar an Conte. Novitzky legte dem Gericht insgesamt 40 Schecks vor.

Aber auch in Europa sorgt das Bulletin für Spannung. So dokumentierte Novitzky die rege Korrespondenz zwischen Conte und einem griechischen Leichtathletik-Trainer. Kurz vor den Weltmeisterschaften 2003 in Paris hatte der Coach in einer Mail an den Laborchef seine Enttäuschung darüber kundgetan, dass das Aufputschmittel Modafinil auf der neuen Dopingliste stehe: »Ich glaube, die Party ist vorbei.«

Für Dwain Chambers hat das Pharma-Festival bereits ein folgenreiches Ende genommen. Für ihn kam Contes Warnung zu spät. Als Dopingkontrolleure den Engländer am 1. August 2003 in Saarbrücken, wo sich der 100-Meter-Europameister auf die WM vorbereitete, zur Urinprobe baten, wussten die Fahnder bereits über Contes Cocktails Bescheid, hatten aber noch keine geeigneten Testverfahren zur Hand. Deshalb kam der Urin zunächst in den Kühlschrank. Am 18. September waren die Chemiker so weit - und sie fanden Spuren von THG. Vergangenen Dienstag wurde Chambers für zwei Jahre gesperrt.

UDO LUDWIG, GERHARD PFEIL

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