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DOPING Staatsanwalt in der Turnhalle

Nach der Suspendierung von sechs Mitgliedern inszeniert das IOC diese Woche eine neue Show: Mit ihrer Weltdopingkonferenz wollen die Olympier Handlungsstärke beweisen. Sie fürchten Machtverlust, denn die Politik droht schon mit neuen Gesetzen.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Das Symposium verspricht ungefähr soviel Erfolg, als würde der Heilige Vater die Weltbischöfe jenseits der 70 in den Vatikan einbestellen, um die Freiheit von Lust und Liebe auszurufen.

Juan Antonio Samaranch, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), hat diese Woche zu sich nach Lausanne gebeten, und es kommen alle, die ihn achten und ehren. Aus Deutschland zum Beispiel reist Olympia-Chef Walther Tröger an, ein Mann mit dem revolutionären Feuer von Rudolf Scharping. Im Schlepp hat er einen leibhaftigen Minister: Otto Schily, als Chef des Innenministeriums zuständig für die Belange des Sports, darf als Neuling nach dem Rechten sehen.

Die dreitägige Zusammenkunft steht unter dem donnernden Titel »Weltkonferenz zum Doping im Sport«, eine globusumspannende Neugeburt mit hyperventilierender Agenda: Erst vier Stunden reden, dann zwei Stunden essen, dann vier Stunden reden, dann essen und dann trinken und dann schlafen. Bahnbrechende Thesen sind eher nicht zu erwarten: Die Redemanuskripte mußten bis Ende November letzten Jahres eingereicht werden.

Als sei das olympische Hauptquartier am Genfer See von einem Genius loci beseelt, dient es zum zweitenmal innerhalb von zwei Wochen als Heimstatt einer funkelnden Propaganda-Show. War der olympischen Familie am vorvergangenen Wochenende noch ein fulminanter Auftritt geglückt, bei dem sechs Hinterbänkler geopfert wurden, weil sie sich bei den Bestechungsversuchen der Olympia-Bewerber dämlicher angestellt hatten als andere Kollegen, so soll jetzt mit einem ähnlichen Manöver der großen Geißel des Sports zu Leibe gerückt werden.

Nach der Suspendierung diverser Einzeltäter sei das IOC wieder so rein wie eine Schweizer Almwiese: Diese Botschaft wollte Samaranch, 78, vorletzten Sonntag der Weltöffentlichkeit weismachen. Das ausgestoßene Sextett habe sich keineswegs der Korruption oder Bestechlichkeit schuldig gemacht, es habe nur den olympischen Eid gebrochen. Weil das IOC aber eine hochmoralische Institution sei, habe man sich von den Unreinen trennen müssen.

Ein juristischer Winkelzug. Denn: Nachgewiesene Korruption wäre ein Fall für die Justiz, ein verletzter Schwur ist eine Familienangelegenheit. Trickreich hatte Samaranch seinen Club für Leibesübungen vor dem größten Übel verschont, der Kontrolle durch ein außerolympisches Gremium. Nach der Vision des IOC-Chefermittlers Dick Pound wäre das der GAU - der Gang etwa vor eine amerikanische Grand Jury sei »ein ekelhafter Prozeßbestandteil«.

Nach dem gleichen Muster versucht das IOC, auch das Schmuddelthema Doping von unabhängigen Richtern fernzuhalten. Trat der Vorsteher Samaranch noch vor wenigen Monaten in einem Fortissimo seniler Altersdemenz für die beschränkte Freigabe von Doping ein ("Die Liste verbotener Mittel ist zu lang"), so werden von Dienstag an unter seiner Führung sprudelnder Aktionismus in die Welt getragen und sinnschwere Problemfelder wie Prävention, Ethik und Erziehung durchpflügt.

Streitbare Geister, die wirklich etwas zur Dopingbekämpfung beizutragen hätten, wurden vorsichtshalber nicht eingeladen. Richard Young etwa, Mitglied einer renommierten Anwaltskanzlei aus Colorado, reist als Vertreter amerikanischer Schwimmerinnen an, die sich von gedopter Konkurrenz betrogen fühlen. Aber der Ankläger muß draußen bleiben, weil in der IOC-Herberge kein Platz für ihn ist.

Young weiß sich zu helfen: Er wandte sich ans Weiße Haus, und nun wird dessen Drogenbeauftragter Barry McCaffrey mit unangenehmen Forderungen in Lausanne vorstellig werden: Der Amerikaner will eine internationale Anti-Doping-Agentur unter Uno-Kontrolle zur Gründung bringen.

Neue Wege scheinen dringend geboten: Nachgewiesene Dopingfälle im Tennis, die chemisch durchseuchte Tour de France, pillengepeppte Fußballer in Italien und eine Prozeßlawine in Deutschland - es gibt hinreichend Gründe, die Sportverbände aus der Dopingstrafverfolgung zu entlassen.

An der Schreibtischlampe von Friedhelm Julius Beucher, 52, baumeln zwei kleine Boxhandschuhe. Für den Vorsitzenden des Sportausschusses im Deutschen Bundestag handelt es sich bei Dopingvergehen um »Tatbestände von Verbrechen«, bei denen der Staat nicht länger nur zuschauen werde. »Die Zeit der Formelkompromisse ist vorbei«, sagt Beucher. »Es geht nicht mehr um das Sowohl-Als-auch, sondern um das Entweder-Oder.«

Bis Ende März will der Sozialdemokrat auf konkrete Angebote des Sports warten. Er weiß auch schon, was er darunter versteht: »Zwei Jahre Sperre für Dopingsünder« sind für ihn »das mindeste«. Beucher fordert einheitliche Kontrollen und Strafen »für alle Länder und alle Disziplinen«.

Das haben zwar schon andere vor ihm verlangt, der Unterschied ist nur, daß der Vertreter der neuen Regierung mit einem Druckmittel ausgerüstet ist: »Ein neues Dopinggesetz ist meine Drohkeule.« Das hieße, daß in Deutschland demnächst ähnlich eindrucksvolle Szenen zu besichtigen wären wie letztes Jahr während der Tour de France. Razzia in der Fußball-Bundesliga? Hausdurchsuchung beim Team Telekom? »Natürlich ist das vorstellbar«, sagt Beucher. Der Staatsanwalt in der Turnhalle - der Schrekken des deutschen Sportfunktionärs.

In Bonn wird derzeit geprüft, wie das französische Dopinggesetz auf Deutschland zu übertragen ist - doch die Franzosen sind schon wieder weiter. Sportministerin Marie-George Buffet, deren Anti-Doping-Budget um 58 Prozent auf 39,5 Millionen Francs aufgestockt wurde, brachte Ende 1998 ein neues Gesetz auf die Bahn. Jetzt können die Täter mit einer Sperre auf Lebenszeit belegt werden.

Die stramme Linie zwischen Pyrenäen und Alpen hat erste Folgen gezeitigt: Radprofis meiden die französischen Berge zur Saisonvorbereitung. Auch in Italien ist eine Gesetzesnovelle in Arbeit, die den Sport unter staatliche Aufsicht stellt. Vorab wurde letzte Woche Antonio Fusi, Technischer Kommissar des Radnationalteams, wegen Arzneihandels festgenommen.

In Deutschland sind es ausgerechnet einige Sportler, die nach überparteilichen Instanzen rufen. Olympiasieger Dieter Baumann verlangt, »kriminelles Handeln« durch Doping müsse

* IOC-Funktionäre Keba M''Baye, Richard Pound, Pal Schmitt, Juan Antonio Samaranch, François Carrard, Anita DeFrantz, Kevan Gosper.

»vom Staat geahndet werden«. Und nachdem der Schwimmer Mark Warnecke schärfere Gesetze eingefordert hatte, fand er in seiner Sporttasche eine leere Spritze und erstattete Anzeige gegen Unbekannt.

Ins Stottern gerät das Vorhaben immer bloß, weil, wie der Erlanger Rechtswissenschaftler Klaus Vieweg das nennt, »die zuständigen Sportverbände - zum Beispiel aus Vermarktungsgründen - ein geringes Interesse an der Aufdeckung und Sanktionierung von Dopingverstößen haben«.

Und davon gibt es in Deutschland jede Menge. NOK-Präsident Walther Tröger bebrütet das Thema so ausgiebig wie einst Kanzler Kohl seine Probleme. Manfred von Richthofen hatte sein Feuer als strammer Gegner von Pillen und Pullen auf kleine Flamme gefahren, als er zum Präsidenten des Deutschen Sportbundes gewählt wurde. Und Olympia-Arzt Joseph Keul redet allfällige Dopingskandale gern verharmlosend herunter (siehe Seite 153).

Selbst Helmut Digel, Chef des Leichtathletik-Verbandes (DLV), verliert immer dann seine konsequente Haltung für Recht und Gerechtigkeit, wenn Athleten des eigenen Verbandes als Doper enttarnt waren.

Bisweilen bekommen die Oberen auch noch Deckung von höchster Stelle. Als der dänische Radprofi Bjarne Riis als Epo-Täter verdächtigt wurde, meldete sich Gelegenheitsradler Scharping mit der ganzen Kraft eines Verteidigungsministers zu Wort. Kumpel Bjarne kenne er seit Jahren: »Ich glaube an seine Unschuld.«

Deutschland liegt damit auf der Linie vieler internationaler Verbände, die 1998 verblüffend häufig als Mildtäter überführter oder verdächtigter Doper auffällig geworden sind. Schleierhaft bleibt, warum

* der tschechische Tennisprofi Petr Korda trotz nachgewiesener Einnahme des Anabolikums Nandrolon nicht gesperrt wurde. Der Weltverband erklärte, Korda habe glaubhaft versichert, daß er sich den positiven Befund nicht erklären könne.

* kleine chinesische Schwimmerinnen mit großen Oberarmen nach wie vor für Angst im Bassin sorgen. Obwohl Dutzende Athletinnen überführt wurden, ließ der Weltverband erklären, China sei »nicht in systematisches Doping verwickelt«.

* ein Bobfahrer, dessen in Calgary entnommene Urinprobe positiv war, über Monate keinen endgültigen Befund bekam - und dann freigesprochen wurde.

Kein Wunder, daß so die Phantasie ertappter Athleten farbenreiche Blüten treibt. Nachdem im Urin des britischen 200-m-Europameisters Doug Walker Nandrolon gefunden wurde, überraschte der mit einer kühnen These: Ein auch bei anderen Kollegen sehr beliebtes Mittel stehe nicht auf der Dopingliste, führe aber offenkundig beim Test zu denselben Ergebnissen wie Nandrolon. Und auch der bemerkenswert ausdauerstarke US-Sprinter Dennis Mitchell wußte seinen überhöhten Testosteronwert schlüssig zu erklären: In der Nacht vor dem Test habe er viermal Sex gehabt und fünf Bier zu sich genommen - »das hat wohl meinen Hormonhaushalt durcheinandergebracht«.

Womöglich hätten staatliche Behörden Licht ins Dunkel bringen können. Doch bislang vermeiden es die Sportverbände, ihre ungelösten Probleme freiwillig an Ermittlungsstellen weiterzugeben. Wenn die Justiz durch Anzeigen von Privatpersonen eingeschaltet wurde, endete die Fahndung häufig im Nichts. In einem Fall in Zweibrücken ergaben sich zwar »Anhaltspunkte auf Straftaten« gegen zwei Leichtathletiktrainer, doch die Staatsanwaltschaft stellte die Sache »wegen Verfolgungsverjährung« ein.

Mitunter führen solcherart Ermittlungen zu delikaten Kollisionen: In München lehnte Oberstaatsanwalt Dieter Hummel ein Verfahren mit der Begründung ab, seine Behörde habe »nicht zu prüfen, ob der Gebrauch von Anabolika medizinisch geboten oder sportpolitisch vertretbar ist«. Das traf sich gut: Hummel war früher in seiner Freizeit in der Anti-Doping-Kommission des DLV tätig.

Welches Chaos manche Dopinganzeige bei den Behörden verursacht, belegt ein Fall aus Thüringen. Hier hatte der Generalstaatsanwalt vergangenes Jahr die Einstellung eines Verfahrens wegen Körperverletzung gegen ehemalige Ärzte und Trainer der DDR bestätigt. Der Beschwerdeführerin Brigitte Franke-Berendonk schrieb er: »Es konnte ohnehin der Nachweis nicht geführt werden, daß Kindern und Jugendlichen an der KJS Oberhof Dopingmittel verabreicht wurden.«

Zuvor war bei Franke-Berendonk Post vom Landeskriminalamt Thüringen eingegangen. Sie wurde darin um Mithilfe gebeten - die Polizeibeamten ermittelten nämlich gegen diverse Trainer und Ärzte wegen Anabolikaverabreichung.

Zwar sind seit vergangenem September die Voraussetzungen für staatliche Ermittlungen vereinfacht worden: Das neue Arzneimittelgesetz stellt die Weitergabe von Dopingmitteln unter Strafe. Doch verändert hat das nichts: Kein Staatsanwalt wurde seither mit Mehrarbeit belastet, republikweit gibt es nicht einen Fall von juristischen Ermittlungen gegen Pillendealer.

Derlei Ungemach kann Deutschlands Sportführer nicht irritieren. Daß sie nur auf Druck von oben reagieren, zeigte sich einmal mehr, als Sportausschußchef Beucher öffentlich mit dem Entzug von staatlichen Fördermitteln drohte. Da wurde auch NOK-Chef Tröger wach, wenngleich auch nur ein wenig. Er entschloß sich zu einem zarten Protestbrief nach Bonn und schrieb: »Ich denke, daß vieles aus dem Zusammenhang gerissen oder nicht so gemeint ist.« MATTHIAS GEYER, UDO LUDWIG

* IOC-Funktionäre Keba M''Baye, Richard Pound, Pal Schmitt, JuanAntonio Samaranch, François Carrard, Anita DeFrantz, Kevan Gosper.

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