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Streik im Sattel

Trotz Boykottdrohung rettete sich der erfolgreichste Springreiter in die deutsche Olympia-Equipe. Aber Bundestrainer darf Olympiasieger Winkler nicht mehr werden.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Jetzt haben wir die Kuh endlich vom Eis«, atmete Dieter Graf von Landsberg-Velen im Aachener Schloßhotel »Quellenhof auf. Was den Edelmann so beschwerte, war der monatelange Streit um eine der heiligen Kühe des bundesdeutschen Sports: die Olympia-Mannschaft der Springreiter.

Erst nach vier Qualifikations-Turnieren und einer nahezu 20 Stunden andauernden Beratung mit Nachtsitzung bestimmten am letzten Montag die Verbandsoberen. welche vier Reiter in München für die Bundesrepublik reiten und die nahezu sicheren Olympiamedaillen einheimsen sollen.

Denn wie jedesmal vor Olympia standen dreimal soviel Kandidaten bereit, wie teilnehmen dürfen -- nämlich drei im Einzelspringen und ein vierter, der nur im Mannschaftswettbewerb um den Nationenpreis dabeisein darf.

Elf Kandidaten verschworen sich gegen den bislang erfolgreichsten deutschen Olympiakämpfer, Hans-Günter Winkler, 46, der bei vier Olympiaden vier goldene und eine Bronzemedaille gewonnen hatte. Grund: Winkler. ein Günstling vieler Reitfunktionäre, sollte als einziger ohne volle Qualifikation in die Olympiamannschaft gelangen. Nach den Spielen wollte er sogar Bundestrainer werden.

Doch für Winkler entschieden sich nicht nur einflußreiche Herrenreiter wie Graf Landsberg-Velen, Präsident der Reiterlichen Vereinigung, und Kurt Capellmann, Vorsitzender des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei, sondern auch viele Fans. Wo er nach der Kampfansage seiner Rivalen auftauchte, erscholl es von den Rängen »Durchhalten« und »Weitermachen«.

Mit Winkler hatten die Fans schon seit 20 Jahren gejubelt und gelitten. 1945 kehrte er als 18jähriger aus der Gefangenschaft zurück und verdingte sich zunächst als Stalljunge beim Sattelmeister der Landgräfin von Hessen auf Schloß Friedrichshof im Taunus; außerdem arbeitete er als Reitlehrer und begleitete US-Militärgouverneur Eisenhower bei Ausritten.

Solche Sattelarbeit kostete ihn freilich 1952 die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Die Olympia-Oberen stuften ihn nach Durchsicht seines Fragebogens als Berufsreiter ein. Doch vier Jahre später setzte der bundesdeutsche Olympiachef Willi Daume seine Teilnahme bei den Reiterspielen in Stockholm durch.

Rittmeister Winkler verschaffte sich auf Anhieb das rechte Reiter-Image. Trotz schmerzhafter Leistenzerrung stieg er im »Preis der Nationen« aufs Pferd und rettete die Goldmedaillen in der Einzel- und Mannschaftswertung. Die Fans kürten ihn zum Reiterhelden, »Bild« jubelte seine Stute »Halla« zum »Wunderpferd« hoch. Roß und Reiter erfüllten auch weiterhin ihre Pflicht und gewannen Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften sowie bei Olympischen Spielen.

Ein Pferd wie »Halla« fand Winkler nie wieder. lm April des Olympiajahres 1972 mußten Tierärzte sein bestes Pferd im Stall, den hufkranken »Jägermeister« (Kaufpreis: 400 000 Mark), einschläfern lassen. Doch bei den Spielen im eigenen Lande wollten die Reitfunktionäre nicht auf den Star verzichten. Obwohl sie zur Nominierung der Olympia-Equipe vier Ausscheidungs-Turniere angesetzt hatten, nahmen sie Winkler stillschweigend davon aus.

Beim ersten Turnier kämpften nur Winklers Rivalen mit ihren besten Pferden um Olympiapunkte. Sein Olympiapferd »Torphy«, entschuldigte der Star. kräftige sich durch eine Frischzellenkur. Vor der zweiten Qualifikation schützte Winkler eine Verletzung vor. Im Training war er unter ein Roß geraten, und ein befreundeter Arzt schrieb ihn krank.

»Wenn Winkler in München reitet, verzichten wir«, drohten elf Rivalen mit Streik. Ein zwölfter, Hugo Simon, beschloß, für Österreich zu reiten. Ein anderer resignierte und gab seinen Olympiapaß zurück. »Wir wollen endlich sehen, ob Winklers Pferde in Form sind«. verlangte der Deutsche Meister Gert Wiltfang.

Nun wagte sich Winkler beim dritten Ausscheidungsturnier auf den Parcours -- erfolglos. Sporthilfe-Chef Josef Neckermann versuchte für den Altmeister ein Wort einzulegen -- vergebens. Reiterchef Capellmann probierte es mit autoritärem Druck: »Wer jetzt noch meckert, fliegt raus.« Doch die Reiter-Rebellen waren nicht mehr zu zügeln und baten den Rechtsanwalt Dr. Josef Augstein um Beistand gegen die juristisch geschulten Reitoberen.

Die tüftelten einen letzten Trick aus. Vor dem »Großen Preis von Aachen« verrieten sie den Reitern Hartwig Steenken, Gert Wiltfang, Fritz Ligges und Hermann Schridde, daß sie zur Olympia-Mannschaft gehörten und für die letzte Prüfung ihre Spitzenpferde nicht mehr satteln sollten. Obendrein entsprachen die Hindernisse nicht den Anforderungen eines Olympia-Parcours. Hinter dem Brasilianer Nelson Pessoa belegte Winkler mit »Torphy« den zweiten Platz. Unter den 40 000 Zuschauern ertönten demonstrativ Winkler-Rufe.

Nun forderte Graf Landsberg für Winkler je einen Platz im Einzelreiten und Mannschaftswettbewerb und für Widerspenstige Strafen und Sperren. Wieder muckten die Rebellen auf. Am nächsten Morgen traf bei Rechtsanwalt Augstein ein Fernschreiben des Münsteraner Pferdebesitzers Egbert Snoek ein. Er forderte darin die Aufstellung des von seinem Sohn Hendrik Snoek gerittenen Pferdes »Faustus«, weil »es besser als Winklers Torphy« sei.

Der Besitzer von »Torphy« wiederum drohte mit einer Gerichtsklage, falls sein Pferd in München nicht dabei wäre. Er pochte darauf, daß ihm die Reitfunktionäre vor Ankauf des Pferdes zugesichert hätten, es würde bei den Olympischen Spielen starten.

Als der erste Funktionär sein Amt niederlegen wollte und bereits sein Auto zur Abreise vorfahren ließ, einigten sich die Parteien. Schridde und Snoek verzichteten auf die Olympiateilnahme. Winkler gab seine Pläne auf, Bundestrainer zu werden. In München darf er nur in der Mannschaft mitreiten.

Und Präsident Graf Landsberg stimmte sogar Satzungsänderungen im Verband zu. Künftig sollen die Reiter mitbestimmen.

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