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Streiten für Deutschland

Deutschlands Turnierreiter rangeln wieder um olympische Satteiplätze. Die Funktionäre halten sich raus und vermuten: Die Pferde sind besser als die Reiter.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Vor der Tribüne fielen die Hindernisse, hinter der Tribune harte Worte. Besonders die Gebrüder Alwin und Paul Schockemöhle überhäuften einander mit Vorwürfen. »Heute geht mal wieder der Klappermann um«, schimpfte Olympia-Inspekteur Alwin Schockemöhle über seine Reiter.

Bei den Deutschen Meisterschaften am vorletzten Wochenende in West-Berlin brauchten die Deutschen wenigstens nicht -- wie in jüngster Zeit Oblich -- hinter der ausländischen Konkurrenz herzureiten. Ende Juli in Herborn dürfen die Bundesreiter noch einmal unter sich springen, wenn es um die fünf Plätze für die Europameisterschaft 1979 und die Olympiaequipe 1980 geht.

Als Bruder Paul bei den Deutschen Meisterschaften nur Dritter geworden war, murrte Olympia-Inspekteur Alwin Schockemöhle: »Mit dem Paul gibt es zwar immer Ärger, aber bei Championaten nie Leistung.« Paul Schockemöhle widersprach. »Als Olympiafunktionär sollte er lieber drauf achten, daß die Pferde in bester Form zur Europameisterschaft kommen, hier unter uns machen wir sie nur kaputt.«

Chef Alwin: »Der Paul ist doch nur sauer, daß er nicht auf anderen Turnieren rumjuxen kann.« Was Bruder Paul wieder zurückwies: »Wir sind Geschäftsleute, und unsere Pferde unser Kapital.«

Der Bruder-Zwist im Lager der sichersten Olympiamedaillen-Beschaffer der Bundesrepublik hatte zugenommen, seit Olympiasieger Alwin Schockemöhle wegen eines chronischen Rilekenleidens nicht mehr reiten konnte und Weltmeister Hartwig Steenken nach einem Autounfall umgekommen war. »Wir haben kein Superteam mehr«, erkannte Equipechef Gustav Pfordte. »Fast sind die Pferde besser als die Reiter.«

Zwischen 1952 und 1976 bestätigten die Bundesreiter den aus Kaisers Zeiten übernommenen Wertbegriff » ... reitet für Deutschland«. Allein sechs olympische Goldmedaillen erstritten sie -- mehr als jede andere Nation. Den Weltmeister stellten sie seit 1954 sooft wie kein anderes Land -- viermal.

Die Stute Halla trug ihren Reiter Hans-Günter Winkler noch zum Sieg, als den Reiter Leistenbeschwerden fast kampfunfähig gemacht hatten. Alwin Schockemöhle ritt den Olympiasieg 1976 in Montreal preußisch verwegen bei Blitz und Donner heim. Doch jetzt kracht es im Gebälk, wo lange nur schöner Schein geleuchtet hatte. »Kein Teamgeist und viele dumme Fehler«, so Springreiter-Chef Alwin Schockemöhle, kosteten 1978 den Titel in der Mannschafts-Weltmeisterschaft. Schockemöhle: »Und die Fehler haben eindeutig die Reiter gemacht.«

Doch nicht nur die Reiter pattten, auch die Funktionäre ließen die Zügel schleifen, seit jedesmal vor Olympia die ersten Reiterkämpfe schon im Sitzungssaal des Verbandes stattfanden. Ursprünglich setzten allein die Funktionäre fest, wer international für Deutschland aufsteigen durfte.

Doch seit 1972, vor dem Olympia in Deutschland, ekelten die anderen Reiter den Olympiasieger und Weltmeister Winkler aus dem Wettbewerb, weil er als einziger ohne Qualifikation zum Medaillenkampf antreten sollte. Winkler ritt nur in der Mannschaft mit, die eine Goldmedaille gewann. Die Einzelreiter versagten.

Trotzdem bestimmten von nun an die Reiter, wer reiten durfte. Der Pfälzer Hugo Simon wich schon vorher nach Österreich aus, wo er ohne Qualifikation und Querelen zu Paß und Startgenehmigung kam.« Einzeln sind ja die deutschen Reiterkameraden nette Kerle«, berichtete Simon. »Aber auf einem Haufen sind sie schlimmer als der breiteste Wassergraben.« Simon übernahm vom verstorbenen Weltmeister Steenken den Wallach Gladstone, mit dem er im letzten Winter den Weltcup gewann.

Olympiainspekteur Alwin Schockemöhle bildete sogar auf eigener Scholle Reiter der Konkurrenz aus, so den Iren Eddie Macken und den Holländer Johan Heins. Macken gilt derzeit als bester Turnierreiter der Welt, Heins wurde Europameister.

Alwin Schockemöhles Bruder Paul siegte am häufigsten bei lukrativen Turnieren im In- und Ausland, wo er als Privatreiter antrat. Beim Olympia 1976 in Montreal wurde er ertappt, als er seinem Pferd Talisman Dopingmittel verabreichte. Die Funktionäre sperrten ihn zunächst für 16 Monate, verkürzten den Bann jedoch auf vier Monate.

Als sie nun für Moskaus Olympia den Kandidaten eine schriftliche Verpflichtung abverlangten, sieh den Aufstellungsentscheidungen und Dopingbestimmungen des Verbandes zu unterwerfen, verweigerte Paul Schockemöhle die Unterschrift. Mannschaftssprecher Hendrik Snoek legte seinen Posten nieder. Paul Schockemöhle ("Ich wollte nur noch mal darüber diskutieren") unterzeichnete dann doch.

Altmeister Winkler vergab seine Chancen für 1980, als er das Angebot des Verbandes ausschlug, ein Pferd namens Livius zu reiten. Der holsteinische Landwirt Peter Luther trainierte Livius und stieg in den Olympiakader auf. Vergebens versuchte Paul Schockemöhle, Livius für 500 000 Mark abzukaufen.

Aus Angst, Springfehler zu begehen, nahm Luther oft Zeitfehler in Kauf. So wurde er bei der Deutschen Meisterschaft hinter Schockemöhle nur Vierter. Paul Schockemöhle kommentierte: »Wenn man den Luther auf dem Livius sieht, kommt einem das vor, als würde ein VW-Fahrer einen Ferrari steuern.«

Doch Paul Schockemöhle muß wahrscheinlich mit Luther und Livius zur Europameisterschaft und Olympiade fahren. Alwin Schockemöhle entschied: »Livius kann in Moskau das beste Springpferd werden«

Olympiainspekteur Alwin Schockemöhle kümmert sieh allerdings um den bundesdeutschen Turniersport nur nebenbei. Außer Haus und Hof im Oldenburgischen managt er vorwiegend Deutschlands erfolgreichsten Trabrennstall, den er zur Zeit von 60 auf ein Dutzend Pferde reduzieren möchte. Der emigrierte Landsmann Hugo Simon witzelte: »Alwins Turnierpferde können nicht springen, und seine Traber dürfen nicht springen, weil sie dann disqualifiziert werden.«

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