Super Bowl Wie man einen Champion baut

Kansas City gehört seit Jahren zu den besten NFL-Teams - das entscheidende Puzzleteil kam aber erst vor dieser Saison hinzu. Gegner San Francisco musste auf dem Weg zum Super Bowl viel mehr leiden.
Defensive End Nick Bosa von den San Francisco 49ers

Defensive End Nick Bosa von den San Francisco 49ers

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Kelley L Cox/ USA TODAY Sports/ REUTERS

Die San Francisco 49ers hatten seit 2013 fünf Jahre in Folge die NFL-Playoffs verpasst. Der vermeintliche Tiefpunkt war dann 2018 erreicht, als das Team von Trainer Kyle Shanahan und Sportchef John Lynch trotz vielversprechender Zugänge bei vier Siegen und zwölf Niederlagen ligaweit die zweitschlechteste Bilanz aufwies. Doch Shanahan und Lynch arbeiteten im Hintergrund daran, sich Stück für Stück einen möglichen Champion zusammenzubauen.

Denn als sich Hoffnungsträger Jimmy Garoppolo bereits im dritten Spiel der Saison das Kreuzband riss, konzentrierte man sich in San Francisco im Prinzip nur noch auf die folgende Saison, die die 49ers nun im Super Bowl in der Nacht zu Montag (0.30 Uhr Liveticker SPIEGEL.de) beenden wird. Natürlich gibt niemand offen zu, das Jahr 2018 einfach abgeschrieben zu haben, aber mit der miserablen 4:12-Bilanz sicherte man sich den zweiten Pick bei der 2019er Auswahl der besten College-Spieler. Die Wahl fiel auf Defensive End Nick Bosa - der seitdem die halbe Liga umräumt.

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"Ich wünsche niemandem eine 4:12-Saison", sagte Shanahan dem Sender ESPN, "aber nachdem wir das durchgemacht haben, ist es natürlich schön, dass es uns am Ende Nick eingebracht hat." Sogar Garoppolo selbst sagte im Vorfeld des Super Bowls: "Der Kreuzbandriss hat sich im Nachhinein als Segen herausgestellt. Wir haben dadurch Nick bekommen - das war zwar ein Höllenritt, aber am Ende ein guter Deal."

Mit Bosa an der Spitze haben die 49ers eine der besten Defensive Lines der NFL zur Verfügung. Die Tackles Arik Armstead und DeForest Buckner waren 2015 und 2016 ebenfalls als Erstrunden-Draftpicks gekommen - San Francisco konnte in den Jahren wegen ihrer mäßigen Bilanz jeweils früh zugreifen - und vor dieser Saison kam von Super-Bowl-Gegner Kansas City im Tausch gegen einen Draftpick Dee Ford. Zusammen konnte das Quartett den gegnerischen Quarterback 33 Mal für einen Raumverlust tackeln, keiner anderen Starting Line gelang dies öfter. Er sei froh, nur in Trainingsspielen gegen sie antreten zu müssen, gab Quarterback Garoppolo zu Protokoll.

Die Offensive glänzt durch Beständigkeit

Eigentlich vertritt Trainer Shanahan eine offensive Spielidee, trotzdem steht der Angriff dank dieser Defensive Line weniger im Rampenlicht. Natürlich gilt Garoppolo nach wie vor als guter Quarterback, aber zuletzt durfte oder musste er so wenig werfen, dass fast der Eindruck entstand, die 49ers könnten ihre Laufspiel-orientierte Dominanz auch mit jedem anderen Quarterback durchziehen.

Der Schlüssel zum erfolgreichen Laufspiel der 49ers ist jedoch kein überragender Running Back, sondern die hervorragende Blockarbeit der Offensive Line - das sind die Schwergewichte, die die Laufwege freiräumen. Doch auch die vermeintlichen Passempfänger wie Star-Tight-End George Kittle beteiligen sich an der Drecksarbeit im Blockspiel - deshalb konnte im NFC Championship Game gegen Green Bay ein Ersatzspieler wie Raheem Mostert 220 Yards und vier Touchdowns erlaufen. San Francisco funktioniert als Kollektiv.

Kansas City: Dominanz durch Offensive

Wie der genaue Gegenentwurf wirken die Kansas City Chiefs, die seit Jahren regelmäßig in den NFL-Playoffs stehen und deshalb wenig Chancen auf die besten Spieler im Draft haben. Die Chiefs sind um Quarterback Patrick Mahomes gebaut, der von vielen Experten schon jetzt für den besten seiner Generation gehalten wird. Regelmäßig wirft der gerade 24 Jahre alte Mahomes Pässe, zu denen kein anderer Quarterback in der NFL derzeit in der Lage ist.

Mit Wide Receiver Tyreek Hill, dem vielleicht schnellsten Spieler der Liga und Tight End Travis Kelce stehen Mahomes zwei der besten Wurfziele der Liga zur Verfügung. Auch Rookie Mecole Hardman und Sammy Watkins könnten woanders vermutlich die Top-Receiver ihres Teams sein.

Das letzte Puzzleteil

"Offense wins Games - Defense wins Championships", lautet eine alte Weisheit in der NFL. Die Chiefs unter Trainer Andy Reid waren angetreten, diese These endgültig zu beerdigen. Das änderte sich nach der Vorjahresniederlage im AFC Championship Game gegen die New England Patriots. Denn in der Verlängerung konnte Kansas Citys Defense Tom Brady einfach nicht mehr aufhalten.

Reid trennte sich danach von Defensive Coordinator Bob Sutton und holte Steve Spagnuolo, der auf eine aggressivere 4-3-Taktik umstellte. Hinzu kam neues Personal. Die Chiefs mussten zwar allein für Defensive End Frank Clark einige Draft Picks an Seattle und über 105 Millionen Dollar an Gehalt ausgeben, doch wenn der Super Bowl dabei herausspringt, hat sich die Investition bezahlt gemacht.

Am Ende kann nur ein Team die Vince-Lombardi-Trophy in den Nachthimmel von Miami stemmen. Minutiös für diesen Moment geplant haben beide. Entweder die Chiefs schaffen es nach etlichen Anläufen unter Reid endlich einmal ganz nach oben - oder die 49ers komplettierten einen der größten Turnarounds der NFL-Geschichte.

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