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PROZESSE System gesprengt

Überraschende Redseligkeit erleichtert die Aufarbeitung des DDR-Dopings: Täter hoffen, damit glimpflich davonzukommen.
Von Udo Ludwig und Georg Mascolo
aus DER SPIEGEL 37/1999

Der Brief kam von einem einstmals Gewaltigen des DDR-Sports. »Sie werden sich vermutlich wundern«, las die ehemalige Schwimm-Weltrekordlerin Karen König, »heute von mir Post zu erhalten.« Was dann folgte, war ein Geständnis und die Bitte um Verzeihung. Horst Tausch, der in der Blütezeit des ostdeutschen Schwimmsports als Verbandsarzt diente, gab zu, seine Schützlinge gedopt zu haben. »Dieser dunkle Aspekt des DDR-Leistungssports«, barmte Tausch vor zwei Monaten, »bleibt für mich eine bedrückende Lebenserfahrung.«

So viel Reue verblüfft alle, die jüngst solche Entschuldigungen erhielten, denn zehn Jahre lang war Leugnen und Vertuschen die Regel gewesen. Aber seit Anfang dieses Jahres erscheinen Funktionäre, Ärzte und Trainer des DDR-Sports bei der zuständigen Staatsanwaltschaft II in Berlin - und packen aus.

Die Delinquenten wissen: Wer redet, hat gute Chancen, verhältnismäßig billig davonzukommen - von Richtern festgesetzte Strafbefehle oder Einstellungen der Verfahren gegen Geldbuße sind die Regel. Wer weiter leugnet, muss dagegen mit Anklage und weit härterer Strafe rechnen.

Die Kooperationsbereitschaft der Staatsanwaltschaft ist verständlich: Sie ermöglicht, dass die Akten des letzten Großverfahrens der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität abgearbeitet ins Archiv wandern können. Die Behörde schließt Ende September.

Auslöser der neuen Redseligkeit waren die Urteile des Berliner Landgerichts wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Die Strafkammer hatte zwei Ärzte und einen Trainer des SC Dynamo Berlin Ende vergangenen Jahres zu Geldstrafen zwischen 7200 und 14 000 Mark verurteilt. Da schwante den verstockten ehemaligen Kollegen, dass es ernst wird.

»Als wir erst einmal in die Phalanx eingebrochen waren«, sagt Oberstaatsanwalt Rüdiger Hillebrand, »konnten wir das gesamte System sprengen.« Selbst die obersten Chargen sprachen in Hillebrands Amtsstube vor und plauderten jahrelang streng gehütete Geheimnisse aus: Horst Röder, der für alle Sommersportarten zuständige Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB), und sein Kollege Thomas Köhler vom Wintersport. Beide sollen mit Strafbefehlen, die Freiheitsstrafen zur Bewährung zwischen zehn und zwölf Monaten vorsehen, davonkommen. Das sprach sich unter den insgesamt mehr als 1300 Beschuldigten herum, die 5700 DDR-Athleten mit der Anabolika- Hausmarke Oral-Turinabol voll gestopft hatten.

Dietrich Hannemann, der Leiter des Sportmedizinischen Dienstes, akzeptierte nach der Beichte einen Strafbefehl über 45 000 Mark, der Verbandsarzt der Gewichtheber, Hans-Henning Lathan, zahlte 20 000 Mark Geldbuße, um die Einstellung seines Verfahrens zu erreichen.

Auch prominente Mediziner, die ob ihrer neuen Posten im vereinten Deutschland hartnäckig leugneten, können sich neuerdings erinnern: Der Arzt Hans-Joachim Wendler, einst beim SC Dynamo Berlin und später für den Berliner Olympiastützpunkt tätig, soll nach seinen Aussagen ebenso mit einem Strafbefehl belegt werden wie sein Kollege Hartmut Riedel. Der Chef-Doper der DDR-Leichtathletik wirkte später als Professor an der Uni Bayreuth.

So einfach die Aufarbeitung anmutet: Für den gesamtdeutschen Sport birgt sie viel Zündstoff. Etliche der mit Bußen bestraften Betreuer, wie etwa die Leichtathletiktrainer Lutz Kühl und Werner Goldmann, trainieren noch heute als Angestellte der vom Bund hoch subventionierten Verbände Spitzenathleten. Ihren Arbeitgebern hatten sie versichert, mit den Doping-Praktiken nichts zu tun zu haben - und die glaubten das nur zu gern. Auch das Verfahren gegen Jürgen Tiedtke, dem die Staatsanwaltschaft unter anderem vorgeworfen hatte, früher seine Tochter Susen gedopt zu haben, wurde erst eingestellt, nachdem er seine Geldbuße bezahlt hatte. Die Weitspringerin war bei der WM vor drei Wochen Siebte geworden.

Viele früheren Dementis sind jetzt hinfällig. Und Kräfte wie der Chef-Bundestrainer Winfried Leopold, der eine hohe Geldbuße kassierte, dürften vom Deutschen Schwimmverband kaum noch zu halten sein. Innenminister Otto Schily, zuständig für den Sport, galt bisher beim Thema Doping als unbeugsam.

Anklagen erhebt die Berliner Staatsanwaltschaft nur noch in aus ihrer Sicht besonders schweren Fällen, etwa gegen den ehemaligen Leichtathletik-Trainer Jochen Spenke. Der Berliner hatte einst die Kugelstoß-Europameisterin Heidi Krieger mit männlichen Hormonen gemästet. Nach der Wende unterzog sich Krieger einer Geschlechtsumwandlung (SPIEGEL 1/1998).

Auch das Ehepaar Paul und Helga Börner sowie Klaus Beer, einst beim Mielke-Club Dynamo Garanten für Leichtathletik-Goldmedaillen, sollen vor Gericht. Ein Prozess droht ferner dem langjährigen Schwimm-Verbandsarzt Lothar Kipke, den Verbandstrainern Wolfgang Richter und Jürgen Tanneberger sowie dem einstigen Generalsekretär Egon Müller. Das Doping-Kollektiv soll dafür zur Rechenschaft gezogen werden, jahrelang Mädchen Anabolika gegeben und damit die jungen Körper zum Teil schwer geschädigt zu haben.

Sogar die obersten Verantwortlichen holt die Vergangenheit ein: DTSB-Präsident Manfred Ewald und den zuständigen Leiter des Sportmedizinischen Dienstes, Manfred Höppner. Beide sind jetzt angeklagt. 32 Opfer haben Strafantrag gestellt, ein knappes Dutzend will als Nebenkläger zum Prozess zugelassen werden.

Nach dem Berliner Muster erledigen Staatsanwaltschaften in allen neuen Ländern derzeit im Eiltempo den Doping-Komplex. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin, zuständig für die Doping-Fälle in Brandenburg, hat über die Hälfte der einst 116 Beschuldigten zu Zahlungen von Geldbußen aufgefordert. Sieben Haupttäter sollen Strafbefehle bekommen.

Anders als in Brandenburg will die Staatsanwaltschaft in Erfurt von den rund 60 thüringischen Beschuldigten einige sogar anklagen. Ermittelt wird weiterhin gegen den Bundestrainer Stephan Gneupel, immer noch Betreuer des Eisschnelllauf-Stars Gunda Niemann-Stirnemann.

Und auch so manche Äußerung von Sportlern der DDR, die jede Doping-Einnahme verneint hatten, steht jetzt in einem anderen Licht. So erhielt der Verbandsarzt Tausch auf Grund seines Geständnisses zehn Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung - unter anderem weil er die mehrmalige Olympiasiegerin Kristin Otto gedopt habe. Die heutige ZDF-Moderatorin hat stets vehement abgestritten, wissentlich Anabolikapillen eingenommen zu haben. UDO LUDWIG, GEORG MASCOLO

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