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NÜRBURG Taktik im Stall

aus DER SPIEGEL 34/1961

Der Kampf um den zweiten Platz war derart spannend verlaufen, daß sich die Rennleitung spontan entschloß, wider allen Grand-Prix-Brauch auch den zweitplacierten Rennfahrer zur Siegerehrung zu rufen: Neben Englands Meisterfahrer Stirling Moss, der den »Großen Preis von Europa« - am vorletzten Sonntag auf dem Nürburgring - überlegen gewonnen hatte, durfte auch Deutschlands Schnellfahrer Graf Berghe von Trips unter den Siegerkranz schlüpfen.

Das automobilsportliche Kuriosum schien angebracht. Denn hinter dem Sieger Moss, der sich mit seinem britischen Lotus-Rennwagen vom Start bis zum Ziel unbehelligt an der Spitze hielt, hatten der Deutsche Trips und der Amerikaner Phil Hill ein erbittertes Duell um den zweiten Platz ausgetragen, das sich als eigentliche Attraktion dieses (sechsten) Rennens um die Automobil -Weltmeisterschaft 1961 erwies.

Sieben Runden lang fuhr der Ferrari -Fahrer Hill vor dem Ferrari-Fahrer Trips einher. Dann lag Trips zwei Runden lang vor Hill. Die zehnte Runde beendete Hill wiederum vor Trips. Doch wenig später überholte Trips seinen Mannschaftsgefährten. Und in der vorletzten Runde bot sich wieder das umgekehrte Bild: Hill vor Trips. Erst auf den letzten Metern vermochte Trips seinen Markenbruder, knapp zu schlagen.

Die dramatische Motor-Hatz verdeutlichte eine Abkehr von überlieferten Renn-Bräuchen: Entgegen allen bislang geübten Praktiken fahren die Ferrari -Fahrer in der diesjährigen Weltmeisterschafts-Saison nicht unter Stall-Order. Nach diesem Prinzip, das bei fast allen seit 1950 ausgetragenen Rennen um die Weltmeisterschaft angewandt wurde, galt der stärkste Fahrer jedes Teams automatisch als Favorit. Er durfte auf alle erdenkliche Hilfe rechnen und bekam (in den meisten Fällen) nicht nur den stärksten Wagen, sondern wurde auch von seinen Mannschaftsgefährten in jeder Weise unterstützt.

So startete mitunter ein Mitglied der Mannschaft mit nur halbgefülltem Tank und fuhr, die Maschine bewußt überfordernd, als sogenannter Tempomacher. Die geringere Tankfüllung bedeutet vermindertes Wagengewicht. Der Fahrer konnte mithin eine Zeitlang ein höheres Tempo halten und die Konkurrenten dazu verleiten, während der Verfolgung gleichfalls ihre Motoren zu überfordern.

Die gebräuchlichste Form der taktischen Unterstützung sah vor, den eigenen Favoriten gegen Vorstöße der Gegner abzusichern, ihm »Windschatten« zu bieten und ihm bei Motorschaden den Wagen eines Equipe-Kameraden zu übergeben, um eine günstige Placierung des Spitzenfahrers zu ermöglichen. Sämtliche Automobil-Weltmeister hatten ihre Siege nicht nur ihrer Fahrkunst zu verdanken, sondern auch der taktischen Hilfe ihrer Mannschaft. Indes, zwei Umstände veranlaßten den italienischen Rennstall-Chef Enzo Ferrari, in diesem Jahr erstmals auf das Prinzip der Stall-Order zu verzichten: Einerseits hatte er mit Trips und Hill zwei gleichwertige Fahrer engagiert; andererseits war die technische Überlegenheit der von ihm eingesetzten neuen Sechszylinder-Rennwagen so eindeutig, daß begründete Hoffnung bestand, die Weltmeisterschaft bei normalem Saisonverlauf gleichsam automatisch einzuheimsen. Selbst die fahrerische Überlegenheit des Stirling Moss war, so schien es, nicht zu fürchten.

Früher als alle anderen Konkurrenten hatte Ferrari die technischen Probleme zu lösen vermocht, die sich aus der 1961 eingeführten neuen Rennformel (SPIEGEL 28/1961) ergeben. Er konnte als einziger Bewerber Rennwagen mit einer Leistung von mehr als 190 PS an den Start schicken, während sich die Konkurrenten aus England (Cooper, Lotus, BRM) und Deutschland (Porsche) vorerst mit Vorjahrsmodellen begnügen mußten, die rund 30 PS weniger leisten.

Wirklich zeigte der Verlauf der Rennen, daß die Ferrari-Fahrer Trips und Hill ihrem Hauptrivalen Moss nur auf den beiden Kurvenkursen Monte Carlo und Nürburgring nicht gewachsen waren, wo es weniger auf hohe Spitzengeschwindigkeit als auf Fahrkunst und Beschleunigung im mittleren Drehzahlbereich ankommt.

Auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken wie Francorchamps (Belgien), Aintree (England) und Zandvoort (Holland) hatte Moss dagegen mit seinem PS-schwächeren Fahrzeug naturgemäß geringere Chancen. Da die letzten Wertungsläufe der Weltmeisterschaft gleichfalls auf kurvenarmen Tempo-Pisten (in Italien und in den USA) ausgetragen werden, schien es gewiß, daß Ferrari den Weltmeistertitel einheimsen würde.

Dennoch mußten ihm nach dem Rennen auf dem Nürburgring Zweifel kommen. Es zeigte sich, daß die Engländer den technischen Vorsprung Ferraris wettgemacht hatten: Exweltmeister Jack Brabham fuhr in seinem Cooper -Rennwagen den englischen Standard -Rennmotor vom Typ »Climax« in einer neuen Achtzylinder-Ausführung, die sich beim Training als derartig leistungsstark entpuppte, daß die technische Vormachtstellung der Ferraris nach Ansicht von Experten selbst auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken bedroht ist.

Der Achtzylinder-Debütant Brabham verunglückte zwar schon in der ersten Runde des Nürburgrennens. Dennoch frohlockten britische Fachleute: Es bestehe kein Zweifel, so argumentierten sie, daß nunmehr Stirling Moss die beiden restlichen Rennen zur Automobil-Weltmeisterschaft mit einem sorgfältig vorbereiteten Climax-Motor der neuen Bauart bestreiten werde.

Mithin ist Ferrari unversehens in die Gefahr geraten, in der Schlußphase der Weltmeisterschaft Opfer der eigenen taktischen Freizügigkeit zu werden: Trips und Hill, frei von jeder Stall -Regie, errangen ihre Punkterfolge jeweils auf Kosten des anderen.

Trips rangiert zwar mit 33 Punkten an erster Stelle vor Hill (29 Punkte) und Moss (21 Punkte)*. Doch weder Trips noch Hill haben einen Punktvorsprung, den das Fahrwunder Stirling Moss nicht einholen könnte, falls die Ferrari-Fahrer in den noch ausstehenden Rennen schlecht abschneiden.

Im Gegensatz zu den neuen Ferrari -Bräuchen kann Moss überdies mit der taktischen Unterstützung sämtlicher britischer Rennfahrer rechnen.

* Die Rennwagen-Weltmeisterschaft wird in acht Läufen ausgetragen und nach folgendem Punktsystem gewertet: Neun Punkte für den Sieger jedes Laufes, sechs, vier, drei, zwei Punkte und schließlich einen Punkt für die fünf nächstplacierten Fahrer.

Nürburg-Sieger Moss (r.), Trips: Ehre für den Zweiten

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