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SCHACH Teenager ohne Emotion

Ein unbekannter Youngster holte sich den Weltmeistertitel. Jetzt gieren die etablierten Stars nach dem Duell mit Ruslan Ponomarjow.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Wer ein echter Star ist im Schach, der wurde in der Regel im Vorschulalter entdeckt und meist zufällig, weil er das Spiel durch bloßes Zusehen verstand. Oder Talentspäher spürten ihn auf, wie in der verblichenen Sowjetunion üblich, und schickten ihn auf die berühmte Schachschule von Michail Botwinnik. Garri Kasparow und Wladimir Kramnik, die zwei besten Spieler der Welt, wurden dort geschliffen.

Bei Ruslan Ponomarjow, 18, ist fast alles anders. Aufgewachsen in Kramatorsk, einer Stadt im ukrainischen Kohlerevier, brachte ihm sein Vater das Schachspielen bei, als er sechs war. Doch erst nachdem er mit zwölf Europameister der bis 18-Jährigen geworden war, begann so etwas wie systematisches Training mit qualifizierten Lehrern und Schachcomputern.

Dennoch stellte der Teenager vorige Woche einen bemerkenswerten Rekord auf: Ponomarjow gewann in Moskau die Weltmeisterschaft - als jüngster Spieler aller Zeiten. Im Finale des Turniers, das vom Weltverband Fide organisiert und nach dem Knock-out-System gespielt wurde, bezwang er seinen Landsmann Wassilij Iwantschuk nach sieben Partien mit 4,5:2,5.

Gerechnet hat mit dem Champion aus der Provinz niemand. »Ich weiß nicht einmal, wie Ponomarjow aussieht«, ließ Kasparow verlauten, der sich 1993 von der Fide

abspaltete und die WM ebenso boykottierte wie Kramnik.

Dabei ist der Jurastudent, der vom ukrainischen Großmeister Gennadij Kusmin betreut wird, in Fachkreisen beileibe kein No-Name. 1997 gewann er mit 13 die Weltmeisterschaft der bis 18-Jährigen. Und wenig später, 17 Tage nach seinem 14. Geburtstag, erreichte er als jüngster Spieler in der Geschichte die Großmeisternorm - die Legende Bobby Fischer stieg mit 15 Jahren und sechs Monaten in diese Kaste der weltbesten Spieler auf.

Wunderkinder hat es im Schach schon immer gegeben, aber der wortkarge Newcomer ist kein schlampiges Genie wie Kramnik. Und er ist kein Exzentriker wie das Jahrhundert-Talent Kasparow, der 22 war, als er 1985 Anatolij Karpow vom Thron stieß. Als einzigen Spleen leistet sich Ponomarjow, von jeder Auslandsreise eine Flasche erlesenen Cognacs mitzubringen. »Ich trinke das Zeug nicht, ich sammle nur«, beeilt er sich zu sagen. Schließlich versteht Ponomarjow harten Alkohol als Gift fürs Hirn.

Der Ukrainer, Nummer acht der Weltrangliste, gilt als spröder Technokrat. Der Jüngling mit dem strengen Seitenscheitel ist ein nervenstarker Stratege, der emotionslos agiert wie eine Maschine. Bereitwillig opfert er Figuren, um den Gegner in die Falle zu locken. Iwantschuk attestierte ihm »eine erstaunliche Technik in schwierigen Stellungen«.

Auch mit dem begrenzten Zeitbudget bei der Weltmeisterschaft kam Ponomarjow besser zurecht als sein Finalkontrahent. Für ein Match hatten die Spieler gerade mal 90 Minuten Bedenkzeit - war das Polster aufgebraucht, durften sie fortan nur noch 30 Sekunden über einen Zug brüten. Während des gesamten Duells, so bekannte der kraftlos wirkende Iwantschuk, habe er »keinen klaren Gedanken« fassen können.

Beim herkömmlichen System durften die Spieler zwei Stunden über die ersten 40 Züge nachdenken, für die nächsten 20 gestattete man ihnen eine weitere Stunde.

Das von der Fide favorisierte beschleunigte Schach verlangt Konzentration und Kondition. »Man muss bis zum Letzten kämpfen können und darf intuitive Lösungen nicht scheuen«, sagt Ponomarjow. Aber es fördert eben auch Fehler, die Qualität der Partien sinkt. Darum sieht Kasparow durch die Fide-Regeln bereits »das klassische Schach zerstört«. In Ponomarjows Spiel gebe es kaum Überraschungen, sagt er. »Er wartet vor allem auf die Fehler des Gegners.« Das Niveau sei niedrig gewesen.

Ob der Ukrainer den Weltmeistertitel zu Recht trägt, wird das internationale Schach womöglich bereits Ende Februar überprüfen können. Die großen Drei der Szene - Kasparow, Kramnik und Viswanathan Anand -, gegen die Ponomarjow noch keine Partie gespielt hat, gieren schon darauf, den Youngster ans Brett zu bekommen. Das Zurechtstutzen des Emporkömmlings haben sich die Etablierten für das Turnier im spanischen Linares vorgenommen, dem Wimbledon des Schachs.

Ponomarjow, der seinen Start vertraglich zugesichert hat, nahm die Kampfansage zunächst selbstbewusst: »Ich habe vor keinem Gegner Angst. Ein Spiel wird man wohl gegen jeden gewinnen können.«

Unmittelbar nach dem Moskauer Triumph überkamen den Weltmeister jedoch erste Zweifel. Zeitgleich mit dem Showdown in Linares soll nämlich in Kramatorsk eine Ponomarjow-Schachschule eröffnet werden. »Da muss ich wohl dabei sein«, kündigte der Aufsteiger an, »ich hoffe, die Veranstalter zeigen sich einsichtig.«

ANDRZEJ BATRAK, MAIK GROßEKATHÖFER

* Am 16. Januar in Moskau mit der russischenVize-Premierministerin Walentina Matwijenko und Fide-PräsidentKirsan Iljumschinow.

Andrzej Batrak
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