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Tennis: »Spielen mit heißer Haut«

Als »Panzer«, der in Wimbledon einen »Blitzkrieg« führe, beschrieben britische Zeitungen Boris Becker, den ersten Deutschen seit 1967, der sich wieder in die Tennis-Weltklasse vorgespielt hat. Weder vor ihm eingestufte Gegner, noch eine Verletzung stoppten ihn auf seinem Weg unter die besten Vier im Turnier von Wimbledon. *
aus DER SPIEGEL 28/1985

Ruckartig stößt er die geballte Faust in die Luft, Punkt für ihn. Dann marschiert er schlaksig, bedrohlich schaukelnd zurück wie einst Western-Star John Wayne zum Shoot-out. An der Grundlinie bezieht Jungstar Boris Becker wieder Stellung und erwartet, pendelnd wie ein Boxer, den gegnerischen Aufschlag.

Fast jeder Becker-Auftritt artete zu einem nervenaufreibenden Drama aus. In den kritischen Situationen glückten ihm die besten Schläge. Auch im Vorfinale gegen den erfahreneren Schweden Anders Jarryd drohte Becker der zweite Satzverlust. In seinen Augen stand Enttäuschung geschrieben. Dann befreite er sich mit einem As und gewann den zweiten Satz im Tie-Break. Der zweite Wolkenbruch am letzten Freitag zwang die Jury zum Abbruch.

Als zuletzt deutsche Tennisspieler die Endrunden in Wimbledon erreichten, war Becker noch nicht geboren. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der Baron Gottfried von Cramm, noch in langen Hosen, dreimal im Finale gekämpft und jedesmal verloren, aber mit Haltung. Die Briten applaudierten artig.

Dann trat Wilhelm Bungert 1967 im Endspiel gegen den Australier John Newcombe an. Auch er verlor. Bungert zeigte kaum Regungen und riß die Zuschauer nicht von den Sitzen.

Doch letzte Woche stieg Boris Becker, 17, zum beliebtesten Deutschen bei den britischen Fans auf. Bei jedem gelungenen Schlag von »Bum-Bum-Boris« ("Daily Telegraph") jubelten Tausende auf, als sei er einer von ihnen. Engländer spielten in Wimbledon seit Jahren nur Nebenrollen. Abgesehen vom Schweden Björn Borg beherrschten Amerikaner seit 1974 die Szene, John McEnroe und Jimmy Connors vor allem.

Diesmal schied der dreimalige Wimbledon-Sieger McEnroe frühzeitig aus. Der zweite Favorit, Ivan Lendl, scheiterte an dem Franzosen Henri Leconte. Im Viertelfinale traf Leconte auf Becker und erlebte 24 Stunden nach dem »größten Sieg meines Lebens« den bittersten Augenblick seiner Wimbledon-Karriere. Leconte über Becker: »Der schlägt auf, sagt danke und geht.«

Aufschlagasse serviert kaum ein anderer Tennisstar so reichlich wie Becker. Nicht einmal McEnroe hämmerte zu seinen besten Zeiten 20 und mehr unerreichbare Aufschläge in einem Match ins gegnerische Servicefeld. Die vielen Asse verleiteten englische Reporter dazu, den jungen Deutschen als »Heinkel-Bomber«, »General« und »schweres Geschütz« beim »Blitzkrieg in Wimbledon« zu beschreiben. Wehrte sich Becker: »Ich bin Tennisspieler und kein Soldat.«

Was die Engländer an Becker schätzen, ist besonders seine Art, zäh und auch im Rückstand couragiert weiter um den Sieg zu kämpfen, notfalls auf allen vieren. Sein »Bulldog Spirit«, den britische Fans von ihren Sportlern verlangen und der für sie Teil des Nationalcharakters ist, läßt in Wimbledon die Menge dem jungen Kämpfer applaudieren.

Zuerst geriet in Wimbledon der fast doppelt so alte Amerikaner Hank Pfister in Beckers Schußlinie. Pfister nach der Niederlage: »Becker ist der Beste.« Der nächste Gegner, Matt Anger, wirkte fast hilflos. Als Becker, in der Weltrangliste auf Platz 20, gegen die Nummer 8, Joakim Nyström aus Schweden, nach mehr als drei Stunden in fünf Sätzen siegte, spendeten 9000 Zuschauer stehend Beifall.

Als vierter kreuzte wieder ein Amerikaner Beckers Weg, Tim Mayotte. Plötzlich humpelte Becker nach einem Sturz, zudem in Rückstand. ARD-Reporter Volker Kottkamp entsetzte sich: »Er gibt auf.« Aber Becker beanspruchte nur die vom Reglement erlaubte Dreiminuten-Pause.

Erst kurz vor dem nächsten Satz legte ein neutraler Masseur dem jungen Deutschen am linken Fuß eine Bandage an. Kein eigener Betreuer darf seinem Spieler in Wimbledon helfen. Boris Becker stand auf und siegte. Tags darauf trat Becker wieder auf wie am ersten Spieltag. Lendl-Bezwinger Henri Leconte prophezeite nach seiner Niederlage gegen den Blonden: »Der gewinnt in Wimbledon, wenn nicht diesmal, dann nächstes Jahr.« Becker ließ sich derweil von Manager Ion Tiriac und Trainer Günther Bosch über den nächsten Konkurrenten, Anders Jarryd, aufklären. Becker:

»Ich denke morgens an Tennis, mittags sowieso und auch nachts.«

England erwies sich für Becker als günstiges Revier. Im Januar erkämpfte er in der Halle von Birmingham die Junioren-Weltmeisterschaft. Der Präsident des Internationalen Tennisverbandes, der Franzose Philippe Chatrier, schwärmte über Becker: »Welch ein Talent, er bereichert das Welttennis.«

Das Profitennis, meint Becker-Manager Tiriac, befände sich gegenwärtig »in einer Talsohle«. Die Vorherrschaft der US-Profis ist erschüttert. Becker bietet sich die Chance, in Konkurrenz zu den jungen Schweden Mats Wilander und Jarryd etwa, die Lücke zu schließen, die hinter Connors, 32, und McEnroe, 26, klafft. Beide kündigten schon ihren Rücktritt an.

»Wo bleibt der nächste McEnroe?« fragte der einstige US-Wimbledon-Sieger Arthur Ashe. Unter den 54 amerikanischen Wimbledon-Teilnehmern (von insgesamt 128) in diesem Jahr befand er sich nicht. Von 6 Amerikanern unter den ersten 15 der Weltrangliste hat nur einer noch die besten Tennisjahre bis zum 25. vor sich. Auch Lendl und Wilander, glaubt Tiriac, »retten mit ihrem Spiel das Tennis nicht«. Er setzt seine Hoffnung auf »junge Kerle, vielleicht 20 auf der Welt«, etwa vom Schlage eines Jarryd. Als »größte Hoffnung« betrachtet er Becker.

»Es hat viel mit Geld zu tun«, sagte Wimbledon-Sieger Connors. Zu seiner Zeit sei die Nummer 50 der Weltrangliste ein Niemand gewesen. Heute »kannst du davon prima leben«. Daran krankte seit Bungerts Zeiten auch das deutsche Tennis, das trotz 2,8 Millionen Spielern keinen internationalen Star mehr hervorbrachte.

»Sie bleiben zuviel in Deutschland«, urteilt Ashe, statt an internationalen Turnieren teilzunehmen, für die es, so Ashe, »keinen Ersatz« gebe. Bundesdeutsche Ranglistenspieler können zu Hause 200000 Mark im Jahr verdienen.

Becker wählte den härteren Weg: Mit 16 Jahren nahm er 1984 als Nummer 720 der Weltrangliste seine Profikarriere auf und wich keinem Gegner mehr aus. In der 108 Jahre alten Wimbledon-Geschichte erreichte er als jüngster Teilnehmer die dritte Runde.

»Ohne die beiden«, wies Becker auf Tiriac und Bosch, »wäre ich nie so weit gekommen.« Der Rumäne Tiriac, einst selber ein erfolgreicher Profi, war 1984 im Rolls-Royce bei den Beckers in Leimen vorgefahren. Seither handelt er alle Verträge und Turnier-Termine aus. Nach einem Entwicklungsplan baute er Becker auf.

Schon im ersten Profijahr spielte Becker etwa 150000 Mark ein; 1985 wird es wohl eine runde Million Mark sein. Tiriac ist mit 10 Prozent dabei. Zudem verschaffte der gewiefte Manager seinem Schützling Nebeneinnahmen und Werbeverträge, etwa bei Puma (Schläger, Schuhe) und ellesse (Kleidung), für zusätzlich knapp eine Million Mark, 30 Prozent gehen an Tiriac. Aber auch sportlich kann sich Becker unter optimalen Bedingungen entfalten.

Als Coach warb Tiriac den Bundestrainer Bosch ab (Jahresgehalt: 90000 Mark). Bosch feilte Beckers Aufschlag zur stärksten Waffe aus. Mit einem normal bespannten Schläger von 27 Kilo Zug längs und 25 Kilo quer serviert Becker mehr Asse als einst Borg mit einer Bespannung von 30 und 32 Kilo. Durch ein Schraubsystem am Schlägergriff läßt sich Beckers Rackett verlängern. Beckers erster Aufschlag kam seinem französischen Gegner Leconte wie ein »Donnerschlag« vor, auch der zweite sei noch »voller Kraft und Schnitt«.

Nur durch Abwehr seines Aufschlages sei Becker zu bezwingen, riet Leconte künftigen Becker-Gegnern. Jarryd befolgte den Rat. Als zweite Waffe entwickelte der Deutsche einen peitschenhaft geprügelten Passierschlag entlang der Außenlinie, der schon an Borg erinnert - sein »großes Vorbild« (Becker).

Aber Bosch schleift auch noch Schwächen ab: Als Kind habe Becker fälschlich gelernt, »zu oft in die linke Hälfte zu spielen«, bei Rechtshändern also mit der Vorhand auf die Vorhand des Gegners, die präziser und härter zurückschlägt als eine Rückhand. Auch die Beinarbeit, die kurzen Sprintschritte zur Seite und vorwärts seien »noch verbesserungswürdig«. Dazu bezieht Becker nach Wimbledon ein Höhentrainingslager in Crans Montana. Dort wird er zum Ausgleich auch Basketball spielen, »dabei hat er großen Spaß« (Bosch).

Doch zum Siegertyp gehören außer einem perfekten Schlagrepertoire vor allem Selbstbewußtsein und eine stabile Psyche. Becker ist offenbar damit gesegnet. Im April stapfte er bei einem Turnier in Mailand zum Schiedsrichter und verlangte, er möge das ständige Meckern seines Gegners unterbinden, es behindere seine Konzentration. Der Gegner hieß McEnroe.

Im Wimbledon setzte er sich bei seiner Pressekonferenz als einziger lachend vor die Mikrophone und testete sie mit einem lauten Jauchzer. Auch ein Trommelfeuer von Fragen brachte ihn nicht zu dem Eingeständnis, »als heißeste Sache im Welttennis« unter mörderischem Druck zu stehen. »Der schüttelt alles einfach ab«, staunte ein US-Reporter.

»Boris ist auf positive Art verrückt«, beschrieb Bosch seinen fanatischen Siegeswillen, den er auch »umzusetzen vermag«. Als Becker gegen Leconte einen Ball verschlug, rief er spontan »Scheiße«. Die Herzogin von Kent in der Ehrenloge über ihm verzog keine Miene. Aber nervenstark erwartete er ungerührt den Matchball des Schweden Nyström: »Wenn ich da angefangen hätte, lange nachzudenken«, sagte Becker, »hätte ich verloren.«

»Das kommt alles von innen«, erklärte Becker seinen unbändigen Vorwärtsdrang. Ein hoher Erregungspegel, der Adrenalinstoß zur rechten Zeit, hilft dem Jungstar. Er spielt sich high, ähnlich dem Mount-Everest-Bezwinger Reinhold Messner, den die sauerstoffarme Höhenluft der Achttausender in eine Art Rausch versetzte.

Becker heizt notfalls nach: Am heißesten Wimbledon-Tag spielte er gegen Leconte in einem ärmellosen Pullover. »Ich fühle mich erhitzt besser«, begründete Becker. »Ich muß einfach mit heißer Haut spielen.«

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